Mehr La­ger­feld war nie

Über 60 Jah­re im Ge­schäft: Die Mo­de­me­tho­de ei­nes Aus­nah­me-De­si­gners

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil -

Die Jah­res­zahl lässt auf­hor­chen – 1954. Ein jun­ger Mann steht im Hin­ter­grund ei­nes Fo­tos. Der Vor­der­grund zeigt ei­ne Frau: Hand­schu­he, Hut, Ket­te, ein be­mer­kens­wer­ter Man­tel. Der zu­rück­hal­tend wir­ken­de jun­ge Mann auf dem Schwarz-Weiß Fo­to ist Karl La­ger­feld. Um die 20 Jah­re alt, Sie­ger beim Wett­be­werb des In­ter­na­tio­na­len Woll­se­kre­ta­ri­ats, heu­te Wool­mark Com­pa­ny. Nicht im Bild ist sein Kol­le­ge, der et­was jün­ge­re Yves Saint Lau­rent, gera­de aus Oran, der al­ge­ri­schen Ha­fen­stadt, in Pa­ris an­ge­kom­men. Mit Co­let­te Brac­chi ha­ben die bei­den Prei­se ab­ge­räumt. Co­let­te Brac­chi in der Ka­te­go­rie Ko­s­tüm, Yves-Saint Lau­rent mit ei­nem Abend­kleid, Karl La­ger­feld mit dem gel­ben Man­tel. In der Ju­ry, die die Tür zur ex­klu­si­ven Welt der Cou­ture öff­net, sit­zen Hu­bert de Gi­venchy und Pierre Bal­main. Aus 6 000 Be­wer­bern ha­ben sie die Bes­ten aus­ge­wählt. Im En­trée der Bun­des­kunst­hal­le in Bonn glänzt La­ger­feld durch Ab­we­sen­heit, kein Por­trait des be­gna­de­ten Selbst­dar­stel­lers ist zu se­hen. Da­für steht sein Schreib­tisch da, das Ori­gi­nal, wie die Ma­cher der Aus­stel­lung „La­ger­feld – Mo­de­me­tho­de“be­to­nen. Dann öff­net sich der Raum. Wie bei­läu­fig fin­det sich rech­ter Hand das gel­be La­ger­feld-Mo­dell aus dem Jahr 1954, mit dem die Kar­rie­re des De­si­gners und Mul­ti­ta­l­ents be­gann - al­ler­dings nach­ge­schnei­dert. Vor­ne zeich­net sich der Man­tel durch ei­ne gera­de, wie von ei­nem Gür­tel ge­fass­te Stoff­kan­te, die eben auf den Schul­te­r­en­den auf­liegt, aus. Am Rü­cken über­rascht der gro­ßen V-Aus­schnitt. Der Be­su­cher be­wegt sich zwi­schen 1954 und dem 21. Jahr­hun­dert und durch Mo­de­häu­ser, für die La­ger­feld ge­ar­bei­tet hat. Man na­vi­giert zwi­schen In­seln und Ins­ze­nie­run­gen: Fen­di, Chloé. La­ger­felds ei­ge­ne Mar­ke und schließ­lich Cha­nel. Un­glaub­lich! Über 60 Jah­re ist Karl La­ger­feld im Ge­schäft, das wie kaum ei­ne an­de­re Bran­che, Ju­gend und Ju­gend­lich­keit zum Fe­tisch er­ho­ben hat, wo das Neue schon wie­der das Al­te ist. Mehr La­ger­feld war nie, je­den­falls nicht in deut­schen Aus­stel­lungs­häu­sern: 2014 ließ das Folk­wang-Mu­se­um in Es­sen „Karls“Uni­ver­sum hoch le­ben. Im Ham­bur­ger Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be war er in „My­thos Cha­nel“prä­sent. Zeit­gleich öff­ne­te die Kunst­hal­le der Han­se­stadt ih­re Tü­ren für „Feu­er­bachs Mu­sen – La­ger­felds Mo­dels“. Ist Mo­de Kunst? „Mo­de als Kunst, das ist über­trie­ben,“meint La­ger­feld selbst. „An­ge­wand­te Kunst“sei eher an­ge­mes­sen, er sei „Hand­wer­ker“. In der Bon­ner Aus­stel­lung blitzt La­ger­felds Bril­lanz auf. 126 Looks aus 60 Jah­ren sind zu se­hen. Fen­di-Pel­ze be­freit er aus der Star­re. Seit 1965 ar­bei­tet La­ger­feld mit dem ita­lie­ni­schen Spe­zia­lis­ten zu­sam­men. Er zer­stü­ckelt Fel­le, färbt sie bunt ein, ver­bin­det pu­sche­li­ge Pom­pons mit Netz­werk, patch­workt und schlitzt. Bei Chloé rückt das Leich­te, Lich­te in den Vor­der­grund. 1964 be­ginnt die Zu­sam­men­ar­beit, die mit Un­ter­bre­chung mehr als 20 Jah­re lau­fen wird. Wo steckt La­ger­felds „Mo­de­me­tho­de“? Was ist das? Sei­ne Kon­se­quenz, ant­wor­ten die Aus­stel­lungs­ma­cher. Von der Zeich­nung über das Mo­dell bis zur Wer­be­kam­pa­gne und Schau­fens­ter­de­ko­ra­ti­on er­fin­de und kon­trol­lie­re er al­les. Da­bei stützt er sich auf zum Teil lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­ter und hoch spe­zia­li­sier­te Part­ner. Die Mo­del­le las­sen sich stu­die­ren und teils um­krei­sen. Das Kleid, das Ni­co­le Kid­man trug, als sie Wer­bung für Cha­nel No.5 mach­te, – ein Hauch aus Fe­dern und fei­nen Licht­blit­zen. Ein „Gold­kleid“mo­del­liert per­fek­te Kör­per­for­men. Braut­mo­de darf aus Neo­pren und die Glück­li­che schwan­ger sein. Die Mo­del­le ge­ben De­tails und manch­mal

auch Tech­ni­ken preis. Das ist Pracht, lu­xu­ri­ös, ein­schüch­ternd und ko­misch-iro­nisch. Ei­ne Ah­nung der Pro­duk­ti­vi­tät Karl La­ger­felds ver­mit­teln vor al­lem „Kar­ten“. Ger­hard Steidl, mit dem La­ger­feld Bü­cher ver­legt, hat Skiz­zen zu gan­zen Wän­den zu­sam­men­ge­stellt. Mit ei­nem klei­nen Lift möch­te man sich hin und her fah­ren las­sen, hier den Strich ver­fol­gen, Far­ben und Mo­del­le, die Mo­de­häu­ser und die Hand­schrif­ten, die La­ger­feld be­herrscht, ver­glei­chen. Im Ge­gen­satz zu Yves Saint Lau­rent, der früh sein ei­ge­nes Haus ge­grün­det hat, hat La­ger­feld für un­ter­schied­li­che Un­ter­neh­men gleich­zei­tig ge­ar­bei­tet. An­onym und im Hin­ter­grund hat der Tau­send­sas­sa Mar­ken ge­prägt und ihr Image ent­staubt. Und Cha­nel? Das Haus düm­pel­te. Ga­b­ri­el­le Cha­nel war seit mehr als zehn Jah­ren tot, als Karl La­ger­feld 1983 sei­ne ers­te Cha­nelSchau, Hau­te-Cou­ture, vor­stell­te. Der Rest ist bei­na­he Le­gen­de. Manch ei­ner be­haup­tet, La­ger­feld ha­be Cha­nel über­haupt erst zum „My­thos“ge­macht. Der Tweed il­lus­triert die Ex­pe­ri­men­tier­lust des Mo­de­schöp­fer. Er setzt auf Hand­werk, nutzt in­no­va­ti­ve Tech­nik und er­fin­det Cha­nels Stoff, wie vie­les an­de­re neu. Ein al­lein nost­al­gi­scher Blick zu­rück ist dem Ken­ner des 18. Jahr­hun­derts fremd. La­ger­feld fängt den Zeit­geist ein, packt ihn in Mo­de, Bil­der und Ins­ze­nie­run­gen. Wer in Bonn dem ge­nia­len Mul­ti­ta­lent auf die Spur kom­men möch­te, der fin­det auf La­ger­felds Schreib­tisch (Bü­cher-) Fut­ter: Beau Brum­mel, Hen­ryRe­né d’Al­le­ma­gne . . . Viel­leicht liegt auf ei­nem Sta­pel auch Chan­tal Tho­mas – Die Kunst der Kon­ver­sa­ti­on. Auch die be­herrscht der Cou­turi­er: fein­sin­nig, kurz­wei­lig, bril­lant, auch bös­wil­lig – manch­mal.

Chloé-Mo­del­le – leicht und duf­tig in ei­ner Fä­cher-Szeno­gra­fie - sind in der Bun­des­kunst­hal­le zu se­hen. Der Fä­cher ist ein Lieb­lings­ac­ces­soire La­ger­felds, von dem er sich zeit­wei­se kaum trenn­te. Fo­to: Forst

Hau­te-Cou­ture von Cha­nel für die Sai­son 2015/16: La­ger­feld wähl­te für die Schau ei­ne Ca­si­no-Ku­lis­se.

Iko­ne des Zeit­geists: Karl La­ger­feld. Fo­tos (2): avs

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