Le­ben 20.15: Ein Knob­lauch-Kil­ler ist mu­se­ums­reif

Ein Mu­se­um als Bau­stel­le: Er­in­ne­run­gen an heu­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Pa­pa Türk ist nicht als Gas­t­ar­bei­ter aus Ana­to­li­en nach Karls­ru­he ge­kom­men. Über­haupt, er ist kein Mensch, son­dern ein In-Ge­tränk. Ei­nes, dem man ei­nen ge­wis­sen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund al­ler­dings nicht ab­spre­chen kann. Er­fun­den wur­de der flüs­si­ge Knob­lauch-Kil­ler von ei­nem Bre­mer Stu­den­ten für die deutsch-tür­ki­sche Im­biss-Gas­tro­no­mie. Die „Kuss-Brau­se“mit li­met­tig­min­zi­gem Ge­schmack ba­siert auf ori­en­ta­li­schen Tee­sor­ten, ei­ne Bei­ga­be von Chlo­ro­phyll sorgt für den ate­mer­fri­schen­den Ef­fekt. Wer ger­ne Dö­ner Ke­bab isst und trotz­dem „le­cker blei­ben“will, wird das Ge­tränk zu schät­zen wis­sen. Aber steht Pa­pa Türk tat­säch­lich für das Le­bens­ge­fühl der Karls­ru­her im Jahr 2015? Soll das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um die Fla­sche in sei­ne Samm­lung auf­neh­men, da­mit die Nach­welt sich in 100, 200 oder 300 Jah­ren ei­nen tref­fen­den Ein­druck von un­se­rer All­tags­kul­tur ver­schaf­fen kann? Oder sind es eher der Sel­fie-Stick, das Na­vi­ga­ti­ons­ge­rät und die Ein­tritts­kar­ten für „Das Fest“, die un­se­re Zeit treff­lich cha- rak­te­ri­sie­ren? Das sol­len die Be­su­cher des Mu­se­ums beim Markt ent­schei­den. Je­der, der die eben er­öff­ne­te Son­der­aus­stel­lung „Le­ben 20.15 – Er­in­ne­run­gen an heu­te“an­läss­lich des Stadt­ge­burts­tags be­sucht, er­hält neun ro­te Punk­te, mit de­nen er für sei­ne Fa­vo­ri­ten stim­men kann. Hin­ter Bau­zäu­nen – ga­ran­tiert ty­pisch für das Karls­ru­he des Jah­res 2015 – wer­den in der Aus­stel­lung 60 Ob­jek­te prä­sen­tiert, dar­un­ter sind Mas­sen­ar­ti­kel eben­so wie ziel­grup­pen­ori­en­tier­te Ni­schen­pro­duk­te. Bei der Aus­wahl wur­den die Ku­ra­to­rin­nen Bri­git­te Heck (All­tags­kul­tur) und Heidrun Jecht (De­sign) von Schü­lern, Stu­den­ten und an­de­ren Leu­ten aus Karls­ru­he un­ter­stützt – wo­bei die Gast­ku­ra­to­ren im Al­ter von 15 bis 25 Jah­ren den Fach­frau­en man­che Über­ra­schung be­rei­te­ten. Sie mein­ten et­wa, dass die schon seit den 80er Jah­ren be­kann­te Uhr „ca­sio re­tro gold“vom Mu­se­um an­ge­kauft wer­den müs­se. Ein Au­gen­brau­en-Sty­list-Set schien eben­falls un­ver­zicht­bar. Über­haupt zeigt sich in et­li­chen Ob­jek­ten vom Pro­te­in-Pul­ver über Neo­pren-Han­teln bis zu Fit­ness-Arm­bän­dern, wie stark die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on vom Wunsch be­seelt ist, den ei­ge­nen Kör­per zu op­ti­mie­ren. Doch auch De­si­gn­ob­jek­te, ent­wi­ckelt als Ant­wor­ten auf öko­lo­gisch-so­zia­le Her­aus­for­de­run­gen, fin­den sich in der se­hens­wer­ten Schau. Für den Nach­hal­tig­keits­ge­dan­ken steht zu­dem „Frucht­pa­pier“, her­ge­stellt aus op­tisch nicht „per­fek­tem“und da­her un­ver­käuf­li­chem Obst. Ob das Un­ter­neh­men „Dörr­werk“da­mit beim Pu­bli­kum von „Le­ben 20.15“punk­tet? Die Aus­wer­tung, die das Lan­des­mu­se­um auf sei­ner Home­page ver­öf­fent­li­chen will, wird es zei­gen.

Die ver­trau­te Karls­ru­her Bau­stel­len-At­mo­sphä­re muss man im Mu­se­um beim Markt nicht mis­sen: Kein Wun­der, die Aus­stel­lung „Le­ben 20.15“do­ku­men­tiert un­se­ren All­tag – für Leu­te von heu­te und die Ge­ne­ra­ti­on von mor­gen. Fo­tos (2): © BLM / jo­do

Ein flüs­si­ger Knob­lauch-Kil­ler: Pa­pa Türk, das In-Ge­tränk.

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