Jetzt wird ge­packt

Neun von zehn Rei­sen­den ha­ben heu­te ei­nen Kof­fer mit Rol­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Bald sind Fe­ri­en, das gro­ße Kof­fer­pa­cken geht los. Li­sa fin­det es „eher ner­vig, weil ich mich schwer ent­schei­den kann, was ich ein­pa­cken soll und was nicht“, be­grün­det die Elf­jäh­ri­ge. Ih­re äl­te­re Schwes­ter Ame­lie pa­cke „im­mer zu viel ein. Die Hälf­te der Kla­mot­ten zieht sie dann gar nicht an“. Li­sa sorgt vor: Sie hat sich von Tan­te Ju­dith ei­nen knall­grü­nen Roll­kof­fer ge­lie­hen, der nicht so groß ist. „Da muss ich we­ni­ger pa­cken und mich schnel­ler ent­schei­den, was ich mit­neh­me, und was nicht“, hofft das Mäd­chen. Rei­sen ist heut­zu­ta­ge sehr ein­fach. Da­für sor­gen prak­ti­sche Roll­kof­fer und be­que­me Ruck­sä­cke. Von ih­rem Opa hör­te Li­sa, dass er als jun­ger Mann sei­nen Kof­fer tra­gen muss­te, statt das Ge­päck hin­ter sich her­zu­zie­hen. Roll­kof­fer gab es vor 50 Jah­ren noch nicht. Wie Kof­fer frü­her aus­ge­se­hen ha­ben und dass sie statt aus Kunst­stoff aus Le­der wa­ren, weiß das Mäd­chen aus der Fern­seh­se­rie „Sie­ben­stein“, in der ein al­ter Le­der­kof­fer mit­spielt und so­gar spre­chen kann. Sie­ben- st­ein heißt die Be­sit­ze­rin ei­nes Trö­delLa­dens. Nur dort, in we­ni­gen Spe­zi­al­lä­den oder im In­ter­net gibt es noch al­te Le­der­kof­fer ge­braucht zu kau­fen. Auf Rei­sen be­nutzt wer­den fast nur noch mo­der­ne Hart­scha­len­kof­fer aus Kunst­stoff. Neun von zehn Rei­sen­den pa­cken ih­ren Roll­kof­fer, wie Li­sa und Ame­lie. Nur je­der zehn­te ver­wen­det ei­ne Sport­ta­sche oder ei­nen gro­ßen Ruck­sack. Die äl­tes­ten Rei­se­ge­päck­stü­cke wa­ren kei­ne Kof­fer, son­dern Holz­tru­hen, die aus­schließ­lich Kö­ni­ge oder Ad­li­ge be­nutz­ten. Sie hat­ten auch ge­nug Per­so­nal, das die schwe­ren Tru­hen trug. Ehe es Ei­sen­bah­nen und Au­tos gab, reis­ten die Men­schen in Kut­schen. Ei­nen Kof­fer­raum hat­ten die nicht, das Ge­päck wur­de ent­we­der auf dem Dach oder ei­ner Art Re­gal hin­ten an der Kut­sche fest­ge­schnallt und trans­por­tiert. Wer schon ein­mal be­ob­ach­tet hat, wie ein Fern­rei­se­bus Fahr­rä­der trans­por­tiert, kann sich das Prin­zip vor­stel­len. Es funk­tio­nier­te ge­nau­so. Vor 150 Jah­ren ka­men Bahn­rei­sen in Mo­de, zu­nächst wie­der mit Tru­hen aus Holz oder Korb­ge­flecht. Den fla­chen Kof­fer, den man ins Ab­teil mit­neh­men und in der Ge­päck­ab­la­ge über den Köp­fen der Pas­sa­gie­re ver­stau­en konn­te, er­fand ein Fran­zo­se, Lou­is Vuit­ton. Er hat­te Fein-tä­sch­ner ge­lernt, so heißt der Hand­werks­be­ruf, bei dem Le­der zu Ta­schen ver­ar­bei­tet wird. Lou­is ar­bei­te­te so gut, dass er so­gar am Hof des fran­zö­si­schen Kai­sers Na­po­le­on an­ge­stellt wur­de, ver­ant­wort­lich für das Ge­päck der Kai­se­rin. Gera­de mal 18 Jah­re alt war Lou­is da­mals. 17 Jah­re spä­ter, im Jahr 1854, er­öff­ne­te der jun­ge Mann sein ei­ge­nes Kof­fer­ge­schäft in Frank­reichs Haupt­stadt Pa­ris. Sei­ne Kof­fer über­zog er mit was­ser­dich­tem Stoff. Ih­re Ecken und Kan­ten ver­stärk­te Lou­is Vuit­ton mit Le­der. Das Ge­schäft exis­tiert bis heu­te und ist ei­ne fran­zö­si­sche No­bel­mar­ke. Je schnel­ler das Ver­kehrs­mit­tel, des­to klei­ner wur­de das Ge­päck. Die fla­chen Kof­fer pass­ten im Zug in die Ge­päck­ab­la­ge, im Fracht­raum des Flug­zeugs lie­ßen sie sich prak­tisch sta­peln. Wer mit dem Au­to un­ter­wegs war, ver­stau­te das Ge­päck im Kof­fer­raum. Vor 30 Jah­ren lös­te der ro­bus­te Hart­scha­len­kof­fer den Le­der­kof­fer ab. In­zwi­schen sieht man meist Roll­kof­fer, ih­re Rol­len sind die­sel­ben wie bei In­line­skates. Pa­cken muss je­der sei­nen Kof­fer selbst, wie in dem be­lieb­ten Kreis­spiel „Ich pa­cke mei­nen Kof­fer und neh­me mit“, bei dem sich je­des Kind reih­um das Ge­päck der an­de­ren Kin­der mer­ken und auf­zäh­len muss. Zu­letzt darf es ei­nen wei­te­ren Ge­gen­stand hin­zu­fü­gen. Li­sa packt ihr Ur­laubs­ge­päck dies­mal um­ge­kehrt: Sie legt al­les, was sie mit­neh­men will, auf ihr Bett und sor­tiert dann ei­ni­ge Sa­chen Stück für Stück in den Schrank zu­rück. Bis nur noch ih­re Lieb­lings­kla­mot­ten üb­rig sind, die in den Roll­kof­fer wan­dern. Fer­tig. Schö­ne Fe­ri­en!

Was soll ich nur in den Ur­laub mit­neh­men? Frü­her gab es kei­ne Kof­fer, son­dern Tru­hen

In der TV-Kin­der­se­rie Sie­ben­stein spielt ein spre­chen­der Le­der­kof­fer ei­ne der tra­gen­den Rol­len. Die Se­rie spielt in ei­nem Trö­del­la­den. Al­te Le­der­kof­fer muss man heu­te lan­ge su­chen, die meis­ten Rei­sen­den ver­wen­den lie­ber prak­ti­sche Hart­scha­len­kof­fer aus Kunst­stoff, die Rol­len ha­ben und ei­ne Stan­ge zum Zie­hen. Fo­to: NDR

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