Pell­worm: die Un­be­kann­te

Stets im Schat­ten der Schwes­tern

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Fa­bi­an von Po­ser

Der ex­pres­sio­nis­ti­sche Land­schafts­ma­ler Emil Nol­de hät­te das Bild hier zeich­nen kön­nen. Am spä­ten Nach­mit­tag liegt Pell­worm da wie ein Aqua­rell. Hin­ten am Deich bei der Al­ten Kir­che leuch­ten die Back­stein­fas­sa­den zie­gel­rot. Auf der Deich­kro­ne blö­ken ein paar Scha­fe. Das Was­ser der Nord­see fla­ckert wie tau­send klei­ne Spie­gel. Am Ho­ri­zont flie­ßen Was­ser und Him­mel zu­sam­men. Kein Au­to ist weit und breit zu se­hen. Nur ein paar Fahr­rad­fah­rer dre­hen ih­re Run­den. Wie ein zu groß ge­ra­te­ner Tel­ler liegt die 37 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ße In­sel in der Nord­see, um­ge­ben von ei­nem acht Me­ter ho­hen und 28 Ki­lo­me­ter lan­gen Deich. Seit je­her steht Pell­worm im Schat­ten sei­ner pro­mi­nen­ten Nach­barn Am­rum, Föhr und Sylt. Mit 2 500 Scha­fen, aber nur 1 180 Ein­woh­nern gilt Pell­worm als die ur­sprüng­lichs­te der Nord­frie­si­schen In­seln. „Wir sind ein Kraf­t­ort“, sagt des­halb auch Kur­di­rek­tor Björn Hop­pe. „Ru­he, Ent­span­nung, Ent­schleu­ni­gung – das ist das, was die Gäs­te bei uns fin­den.“Selbst im Ju­li und Au­gust ist der Be­su­cher­an­drang auf Pell­worm über­schau­bar. In der In­sel­haupt­stadt Tam­men­siel – ei­ner weit ver­streu­ten An­sied­lung aus ein paar Dut­zend Häu­sern – gibt es nichts au­ßer zwei, drei Sou­ve­nir­lä­den, dem Su­per­markt und dem knall­gel­ben Na­tio­nal­park­haus. Wer sich beim Fahr­rad­ver­leih von André An­der­sen als Nicht-In­su­la­ner ou­tet und nach ei­nem Schloss für den ge­lie­he­nen Draht­esel fragt, der er­hält die ge­las­se­ne Ant­wort: „Brauchst Du nicht, hier wird nicht ge­klaut.“Das Fahr­rad ist in der Tat das bes­te Ver­kehrs­mit­tel, um Pell­worm zu er­kun­den. Ei­ne St­un­de oder mehr dad­delt man oft über die In­sel oh­ne auch nur ein ein­zi­ges Au­to zu se­hen. Se­hens­wür­dig­kei­ten gibt es auf Pell­worm nicht vie­le: ein paar Kr­ab­ben­kut­ter im Ha­fen von Tam­men­siel, die Al­te Kir­che aus dem 11. Jahr­hun­dert und den 1906 ge­bau­ten, 38 Me­ter ho­hen Leucht­turm. In ihm be­fin­det sich Deutsch­lands äl­tes­tes Stan­des­amt in ei­nem Leucht­turm. Et­wa 280 Paa­re hei­ra­ten hier im Jahr. Die Scha­fe sind die ei­gent­li­che At­trak­ti­on der In­sel, denn die flau­schi­gen Tie­re fü­gen sich nicht nur ma­le­risch in die Land­schaft ein, sie sind auch Be­stand­teil der Deich­si­che­rung. Tag­ein, tag­aus tram­peln sie die Deich­kro­ne fest und tra­gen so zum Fort­be­stand der In­sel bei. Scha­fe, Ein­sam­keit, Wat­ten­meer: Das zieht Tou­ris­ten an. Im­mer­hin 150 000 Über­nach­tun­gen zählt Pell­worm im Jahr. Zum Ver­gleich: Auf Sylt sind es mehr als sechs Mil­lio­nen. Na­tür­lich hat Pell­worm das­sel­be Pro­blem wie vie­le Nord­see­inseln: Vie­le jun­ge Leu­te wan­dern ab, denn au­ßer­halb der Sai­son gibt es nicht viel zu tun. Im­mer­hin, die Wie­der­ho­lerra­te un­ter den Be­su­chern ist hoch. Vie­le Gäs­te, die ein­mal auf Pell­worm wa­ren, kom­men im­mer wie­der. So wie Bert Wie­gan­dt aus Tri­er. Seit 34 Jah- ren be­sucht er die In­sel be­reits. „Auf Pell­worm gibt es kei­nen so gro­ßen Tru­bel wie auf ei­ni­gen der Nach­bar­in­seln“, sagt Wie­gan­dt. „Aber genau das macht Pell­worm aus.“Wie vie­le Gäs­te zieht es auch Wie­gan­dt im­mer wie­der hin­aus aufs Meer. Dann fährt er zum Bei­spiel mit Hans-Wer­ner Mat­t­hie­sen, Ka­pi­tän der „MS Nord­fries­land“, durch die In­sel- und Hal­lig­welt und zu den See­hund­bän­ken. Ent­lang der Nord­see­küs­te er­streckt sich ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Na­tur­land­schaft. Es ist ei­ne Land­schaft, die sich un­ter Ein­fluss der Ge­zei­ten im­mer wie­der ver­än­dert. Sie ist nicht nur Le­bens­raum für mehr als 3 200 Tier- und Pflan­zen­ar­ten, son­dern dient je­des Jahr auch Mil­lio­nen Zug­vö­geln als Zwi­schen- stopp. Be­reits 1985 wur­de der Na­tio­nal­park Schles­wig-Hol­stei­ni­sches Wat­ten­meer ins Le­ben ge­ru­fen, seit 2009 ist das Wat­ten­meer so­gar Welt­na­tur­er­be der Unesco. Das Schö­ne an Pell­worm ist: Man hat schnell das Ge­fühl, al­les ge­se­hen zu ha­ben. In zwei­ein­halb St­un­den ist man mit dem Fahr­rad ein­mal rund um die In­sel ge­fah­ren. Das schät­zen auch Men­schen wie Bert Wie­gan­dt so. Der nächs­te Auf­ent­halt ist be­reits ge­plant: Im Au­gust will der Stadt­be­am­te sei­nen Som­mer­ur­laub hier ver­brin­gen. Es wird Wie­gan­dts 26. Mal auf der In­sel sein. Im ver­gan­ge­nen Jahr hei­ra­te­te er so­gar auf Pell­worm. Im Leucht­turm selbst­ver­ständ­lich. So wie es sich für ei­nen ech­ten In­sel­ken­ner ge­hört.

Im Schat­ten der be­rühm­ten Nach­barn: Pell­worm mit sei­nen 37 Qua­drat­ki­lo­me­tern liegt wie ein zu groß ge­ra­te­ner Tel­ler in der Nord­see, Tru­bel, wie auf Sylt üb­lich, sucht man hier ver­geb­lich. Fo­to: Nord­see­tou­ris­mus/Leh­ner

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