Das Wort zum Sonn­tag

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - von Er­win Bertsch, ka­tho­li­scher Re­gio­nal­de­kan Karls­ru­he

Al­le Welt spricht jetzt von Fe­ri­en: Schul­fe­ri­en, Se­mes­ter­fe­ri­en, Be­triebs­fe­ri­en, Ur­laub vom Bü­ro, von der Ar­beit. Wir freu­en uns auf die schö­ne Zeit. Im Neu­en Tes­ta­ment wird be­rich­tet, dass auch die Jün­ger Je­su Fe­ri­en brauch­ten. Sie hat­ten viel zu tun, sie hat­ten nicht ein­mal Zeit zum Es­sen, so zahl­reich wa­ren die Leu­te, die zu ih­nen ka­men. Je­sus sagt: „Kommt mit an ei­nen ein­sa­men Ort, wo wir al­lein sind, und ruht ein we­nig aus.“Der bi­bli­sche Auf­trag, Fe­ri­en zu ma­chen. Der Mensch braucht Er­ho­lung, Ent­span­nung, Ru­he. Wir müs­sen neue Kräf­te sam­meln, um fit zu blei­ben, be­triebs­fä­hig und ar­beits­freu­dig. Ist das al­les? Ist das der ein­zi­ge Sinn der Fe­ri­en? Sie wä­ren dann im Grun­de ja doch nur an der Ar­beit ori­en­tiert und ein Rad im Leis­tungs­sys­tem: um leis­tungs­fä­hig zu blei­ben, er­holt man sich. – Nichts ge­gen Ar­beit und Leis­tung, aber sind sie das be­herr­schen­de Ziel un­se­res Le­bens, dem al­les an­de­re zu die­nen hat? Vie­le schei­nen das – be­wusst oder un­be­wusst – an­zu­neh­men. Je­den­falls le­ben sie prak­tisch nach der De­vi­se: Der Mensch ist das, was er leis­tet, und das, was er sich leis­ten kann. Da­nach schätzt er sich ein, da­nach wird er be­ur­teilt. Je mehr ei­ner leis­tet, des­to mehr gilt er. Die Leis­tung zählt. Die Fe­ri­en er­hal­ten und stei­gern die Leis­tungs­fä­hig­keit, und sie zei­gen, was man sich leis­ten kann: Te­ne­rif­fa, Mallor­ca ... Stimmt die­se De­vi­se? Liegt der Sinn un­se­res Le­bens wirk­lich we­sent­lich in dem, was wir leis­ten? Was ge­schieht dann mit de­nen, die noch nichts oder nichts mehr oder nicht viel leis­ten kön­nen? Sind sie ab­ge­schrie­ben? Zäh­len sie gar nicht mit? Und wei­ter: Ist das Le­ben un­ter dem Druck der ei­ge­nen Leis­tung wirk­lich sinn­voll? Bleibt man Mensch da­bei? Wir kön­nen heu­te si­cher vie­les ma­chen. Den Sinn un­se­res Le­bens kön­nen wir aber nicht sel­ber ma­chen. Wir brau­chen es auch gar nicht; er ist uns ge­schenkt. Un­ser Le­ben hat sei­nen Sinn er­hal­ten, be­vor wir et­was leis­ten konn­ten, und es ist auch dann noch sinn­voll, wenn wir nichts mehr leis­ten kön­nen. Un­se­re Welt und wir selbst sind be­jaht, an­ge­nom­men von Gott. Dar­in liegt der Sinn be­grün­det. Von da­her könn­te man die Fe­ri­en ganz an­ders ver­ste­hen. Sie sind dann nicht mehr nur da­zu da, un­se­re Leis­tungs­fä­hig­keit zu er­hal­ten. Sie wei­sen uns dar­auf hin, dass nicht erst Ar­beit und Leis­tung un­se­rem Le­ben Sinn ge­ben, dass es viel­mehr im­mer schon in sich sinn­voll ist. Wir brau­chen nicht gleich ein schlech­tes Ge­wis­sen zu ha­ben, wenn wir ein­mal ei­ni­ge Wo­chen nichts tun. Wir le­ben ja nicht, um zu ar­bei­ten, wir ar­bei­ten um zu le­ben. Die Fe­ri­en sind dann nicht mehr ein Rad im Leis­tungs­sys­tem, sie spren­gen es, sie stel­len es in­fra­ge. Sie wei­sen uns auf die Frei­heit von al­len Zwän­gen hin, die Ziel der Er­lö­sung ist.

Lie­be Le­se­rin­nen, lie­be Le­ser!

Mit die­sem Wort zum Sonn­tag möch­te ich mich von Ih­nen ver­ab­schie­den, denn ich wer­de nach den Som­mer­fe­ri­en die Auf­ga­be des Lei­ters der Seel­sor­ge­ein­heit Brühl-Ketsch über­neh­men. Ich wün­sche Ih­nen al­les Gu­te und Got­tes rei­chen Se­gen! Er­win Bertsch

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