Sieht aus wie Ki­no …

Ein Buch über „die bes­ten TV-Se­ri­en“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen -

Sieht aus wie Ki­no, ist aber Fern­se­hen: Sie hei­ßen Wal­ter Whi­te, To­ny So­pra­no und Don Dra­per und sind die Hel­den ei­ner neu­en Ära der TV-Un­ter­hal­tung. Im letz­ten Jahr­zehnt ha­ben Se­ri­en wie Die So­pra­nos, Mad Men oder Brea­king Bad das Fern­se­hen auf ein bis da­to un­be­kann­tes Qua­li­täts­ni­veau ge­ho­ben und dem Ki­no­film sei­nen tra­di­tio­nel­len Rang als Speer­spit­ze der Po­pu­lär­kul­tur ab­ge­lau­fen. Das neue Qua­li­ty-TV ma­de in USA war­tet mit küh­nen Gen­re­mi­schun­gen, kom­ple­xen Hand­lungs­strän­gen, vi­su­ell auf­wen­di­ger De­tail­ver­liebt­heit und dif­fe­ren­ziert an­ge­leg­ten Cha­rak­te­ren auf. US-Sen­der wie HBO, AMC und ABC er­zäh­len mit ih­ren mil­lio­nen­teu­ren Pro­duk­tio­nen die gro­ßen Epen un­se­rer Zeit, fein ge­spon­ne­ne Fa­beln und Dra­men von an­ti­ker Grö­ße. Gleich­zei­tig ma­chen die Ver­füg­bar­keit der Se­ri­en auf DVD und das In­ter­net mit sei­nen Strea­m­ing­An­ge­bo­ten die Fans un­ab­hän­gig von Sen­de­zei­ten, was das Kon­sum­ver­hal­ten der Zu­schau­er grund­le­gend ver­än­dert. Ob Girls, Ga­me Of Thro­nes oder Hou­se Of Cards: Um die neu­en High-End-Se­ri­en ist ei­ne welt­wei­te Fan-Com­mu­ni­ty ent­stan­den, in der die nar­ra­ti­ven Struk­tu­ren und ein­zel­ne Fol­gen und Sze­nen in­ten­siv stu­diert und dis­ku­tiert wer­den. Lieb­lin­ge der Kri­tik und kom­mer­zi­ell er­folg­reich – der im Ta­schen Ver­lag er­schie­ne­ne opu­len­te Band „Die bes­ten TV-Se­ri­en“do­ku­men­tiert ei­ne der ver­blüf­fends­ten Ent­wick­lun­gen der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie: die tri­um­pha­le Rück­kehr der TV-Se­rie auf bis­her nie ge­kann­tem Ni­veau. Wor­um geht es in den Se­ri­en? Wer hat die­se TV-Re­vo­lu­ti­on an­ge­sto­ßen? Wer schreibt, wer pro­du­ziert die­se Pre­mi­um-Se­ri­en? Auch die­sen Fra­gen geht un­ser Band nach. Der hart­ge­sot­te­ne Fan darf sich na­tür­lich auch über opu­len­tes eye can­dy freu­en und all die ner­di­gen klei­nen fun facts and fi­gu­res, die das Fan­sein so schön ma­chen. Lei­der sind nur Se­ri­en aus den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren be­rück­sich­tigt, aber das reicht, um 744 Sei­ten zu fül­len. Der Au­tor Jür­gen Mül­ler hat den Lehr­stuhl für Mitt­le­re und Neue­re Kunst­ge­schich­te an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Dres­den in­ne, wo er auch lebt. Er ver­öf­fent­lich­te Auf­sät­ze und Bü­cher zu kunst- und film­ge­schicht­li­chen The­men und ist Her­aus­ge­ber der De­ka­den-Film­buch­rei­he bei Ta­schen. Über die­ses Buch schreibt er: „Un­ter ei­ner Fa­mi­li­en­se­rie ver­steht man zu­nächst ei­ne be­son­de­re Form von TV-Se­rie. Laut der gän­gi­gen De­fi­ni­ti­on ist die Hand­lung so be­schaf­fen, dass sich ei­ne gan­ze Fa­mi­lie, al­so al­le Al­ters­grup­pen, in ihr wie­der­fin­den und sich für die The­ma­tik in­ter­es­sie­ren. Se­ri­en wie Un­se­re klei­ne Farm (Litt­le Hou­se on the Pr­ai­rie, 1974–1983) füh­ren hei­le Fa­mi­li­en vor, die das ein­zel­ne Mit­glied ge­gen ei­ne als feind­se­lig er­leb­te Au­ßen­welt ver­tei­di­gen. Die Er­zähl­struk­tur deckt sich da­bei ex­akt mit der Vor­stel­lung ei­ner in­tak­ten so­zia­len Ge­mein­schaft. Be­dro­hun­gen von au­ßen wer­den durch in­ne­re Stär­ke und fa­mi­liä­ren Zu­sam­men­halt ab­ge­wehrt. Je­der Zu­schau­er ent­deckt un­ter den Prot­ago­nis­ten genau das Fa­mi­li­en­mit­glied, das zu ihm passt. Die Pro­du­zen­ten von heu­te fin­den al­ler­dings kei­nen ho­mo­ge­nen und be­re­chen­ba­ren Re­zep­ti­ons­rah­men mehr vor. Sie tref­fen auf ein voll­kom­men he­te­ro­ge­nes Pu­bli­kum, das die ge­zeig­ten In­hal­te auf ganz un­ter­schied­li­chen Re­fle­xi­ons­ebe­nen wahr­nimmt. Den Ma­chern neu­er Se­ri­en ge­lingt es gera­de da­durch, dass sie die­se He­te­ro­ge­ni­tät zum The­ma ma­chen, er­folg­reich zu sein. Nach wie vor wird je­dem Zu­schau­er ein iden­ti­fi­ka­ti­ons­stif­ten­der Cha­rak­ter an­ge­bo­ten, al­ler­dings in weit­aus ex­tre­me­rer Form, als dies in den al­ten Se­ri­en ge­schah. Die Kern­fa­mi­lie, die frü­her im Zen­trum stand, ist ei­nem zu im­mer neu­en Kon­stel­la­tio­nen zu­sam­men­ge­setz­ten Fi­gu­ren­fun­dus ge­wi­chen, in dem sich das Pu­bli­kum re­spek­ti­ve die Ge­sell­schaft selbst wie in ei­nem Spie­gel re­flek­tie­ren kann.“

Dick, schwer und aus­ge­spro­chen in­for­ma­tiv ist das Buch über die bes­ten TV-Se­ri­en. Fo­to: Ta­schen

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