Meis­ter-Samm­le­rin: Wie der Rem­brandt nach Karls­ru­he kam

Wie ein Rem­brandt nach Karls­ru­he kam – und ein van Dyck „ab­wan­der­te“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Wie geht ei­ne fürst­li­che Kunst­samm­le­rin vor, die über ein ver­gleichs­wei­se be­schei­de­nes Pri­vat­ver­mö­gen ver­fügt, aber vom Wunsch be­seelt ist, Wer­ke zu er­wer­ben, die zum Bes­ten ge­hö­ren, was gro­ße Meis­ter ge­schaf­fen ha­ben? Sie kauft, wenn die Kunst­prei­se am Bo­den lie­gen, weil die hoch­ade­li­ge Kon­kur­renz gera­de in Ar­me­en in­ves­tiert statt in Ge­mäl­de. Ka­ro­li­ne Lui­se von Ba­den (1723 – 1783) hat die meis­ten Bil­der, die ihr Ma­le­rei­ka­bi­nett zier­ten, wäh­rend des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges (1756 – 1763) er­stan­den. Vor al­lem flä­mi­sche Wer­ke des 17. Jahr­hun­derts so­wie die zeit­ge­nös­si­sche fran­zö­si­sche Ma­le­rei la­gen ihr am Her­zen. Als sie 1783 starb, um­fass­te ihr Ma­le­rei­ka­bi­nett 205 Wer­ke. 151 da­von wer­den bis heu­te in der Staat­li­chen Kunst­hal­le Karls­ru­he ver­wahrt. „Ka­ro­li­ne Lui­se sam­mel­te Al­te und Neue­re Meis­ter – und sie tat dies meis­ter­lich“, sagt Hol­ger Ja­cob-Frie­sen über die Frau, die „qua­si die Grün­de­rin der Kunst­hal­le war.“Sehr plan­voll sei die Mark­grä­fin bei ih­ren Er­wer­bun­gen vor­ge­gan­gen, be­rich­tet der Pro­jekt­lei­ter der Gro­ßen Lan­des­aus­stel­lung „Die Meis­ter-Samm­le­rin“: „Ka­ro­li­ne Lui­se hat­te ge­ra­de­zu Angst da­vor, et­was Mit­tel­mä­ßi­ges zu kau­fen“. Mit Hil­fe von Ka­ta­lo­gen und Be­rich­ten ih­rer Kor­re­spon­den­ten ver­folg­te sie das Ge­sche­hen auf dem eu­ro­päi­schen Kunst­markt; ih­ren Agen­ten gab sie ex­ak­te An­wei­sung, was sie zu wel­chem Preis er­wer­ben soll­ten. Trotz­dem ka­men zwei Prunk­stü­cke, die in der Ka­ro­li­ne-Lui­se-Aus­stel­lung zu se­hen sind, eher zu­fäl­lig in den Be­sitz der Mark­grä­fin. Ei­nes da­von, ein frü­hes Meis­ter­werk von Ant­ho­nis van Dyk, hat sie spä­ter wie­der ver­kauft – „das war aus heu­ti­ger Sicht der be­mer­kens­wer­tes­te Lap­sus der Samm­le­rin Ka­ro­li­ne Lui­se“, sagt der Fach­mann. Ein Haupt­ge­winn aus heu­ti­ger Sicht war hin­ge­gen der Er­werb des um 1650 ent­stan­de­nen Selbst­bild­nis­ses von Rem­brandt. Ka­ro­li­ne Lui­se be­kam es zum Schnäpp­chen­preis – da­bei war es gar nicht auf ih­rer Wun­sch­lis­te ge­stan­den, wie Ja- cob-Frie­sen er­zählt. Als im Jahr 1761 in Pa­ris ei­ne be­deu­ten­de Kunst­samm­lung ver­stei­gert wur­de, hat­te die Mark­grä­fin zwei an­de­re Rem­brandt-Bil­der im Vi­sier, die grü­beln­de Män­ner („Phi­lo­so­phen“) zeig­ten. Ei­nes der Ge­mäl­de wur­de aber gar nicht auf­ge­ru­fen, für das an­de­re bot ihr Agent Je­an-Hen­ri Eberts wei­sungs­ge­mäß 1000 Li­v­res. Der stol­ze Be­trag reich­te aber weit wei­tem nicht aus: Das Bild ging für 3000 Li­v­res weg. Eberts schlug dann bei ei­nem Selbst­bild­nis Rem­brandts zu – al­ler­dings auf ei­ge­ne Rech­nung: Bei nur 400 Li­v­res be­kam er den Zu­schlag. Der Agent bot sei­ner fürst­li­chen Auf­trag­ge­be­rin an, ihr das Ge­mäl­de oh­ne Auf­preis zu über­las­sen: „Un­ter Brü­dern“– so schrieb er in er­staun­lich fa­mi­liä­rem Ton an die Mark­grä­fin – sei das „Por­trait ad­mi­ra­ble“ei­gent­lich 1000 Li­v­res wert. In der Karls­ru­her Kunst­hal­le ist man bis heu­te froh dar­über, dass Ka­ro­li­ne Lui­se sich über­zeu­gen ließ: Das Ge­mäl­de, das die Zeit­ge­nos­sen der Meis­terSamm­le­rin wo­mög­lich als „un­fer­tig“und da­her als we­nig wert­voll be­trach­te­ten, zählt zu den Spit­zen­wer­ken des Hau­ses. Aus Karls­ru­her Per­spek­ti­ve ei­nen Flop ge­lan­det hat Ka­ro­li­ne Lui­se, weil sie ein frü­hes Meis­ter­werk von Ant­ho­nis van Dyck nicht recht zu schät­zen wuss­te. Je­an-Hen­ri Eberts er­stei­ger­te es 1762 für die Mark­grä­fin: Für „Su­san­na Four­ment und ih­re Toch­ter“hat­te die Ka­ro­li­ne Lui­se ein Li­mit von 500 Li­v­res fest­ge­legt – doch Eberts konn­te nicht wi­der­ste­hen und bot die vier­fa­che Sum­me. Der Agent recht­fer­tig­te sich so: „Ich ha­be mei­ne Er­wer­bun­gen für Ih­re Ho­heit auf den schöns­ten van Dyck, die Frau mit Kind, für 2000 Li­v­res und et­was be­schränkt ... Nach Mei­nung al­ler Ken­ner ist er 3000 Li­v­res wert“. Das pracht­vol­le Ge­mäl­de des Ru­bens-Schü­lers kam so nach Karls­ru­he, doch mög­li­cher­wei­se war die Mark­grä­fin we­gen des ho­hen Prei­ses vor­ein­ge­nom­men: „Viel­leicht war ihr das Bild auch schlicht zu groß und do­mi­nant“, mut­maßt Ja­cob-Frie­sen. Je­den­falls ent­schloss sich die Fürs­tin schon 1766 zum Ver­kauf.

In Ams­ter­dam, dem da­mals be­deu­tends­ten Kunst­han­dels­zen­trum, er­wies sich der van Dyk zu­nächst als La­den­hü­ter. Erst ei­ni­ge Jah­re spä­ter fand sich ein fran­zö­si­scher Mi­nis­ter be­reit, ei­nen ähn­li­chen Preis zu be­zah­len wie zu­vor Ka­ro­li­ne Lui­se, so­dass die ba­di­sche Mark­grä- fin we­nigs­tens kei­nen Ver­lust mach­te. Als der Mi­nis­ter je­doch bei sei­nem Kö­nig in Ungna­de fiel, kam das Bild er­neut un­ter den Ham­mer. Dies­mal wur­de es von ei­nem Herrn er­wor­ben, der für ei­ne sehr po­ten­te Auf­trag­ge­be­rin un­ter­wegs war: Katharina die Gro­ße. Der Sie­ben­jäh­ri­ge Krieg war vor­bei, die Prei­se hat­ten mäch­tig an­ge­zo­gen: 7380 Li­v­res ließ sich die Za­rin das Ge­mäl­de kos­ten. Bis 1930 blieb der van Dyck in St. Pe­ters­burg, heu­te ge­hört er der Na­tio­nal Gal­le­ry of Art in Washington. Von dort ist „der schöns­te van Dyck“als Leih­ga­be nach Karls­ru­he ge­kom­men: ein groß­for­ma­ti­ges Pracht­stück, das un­ter den sonst eher klein- und mit­tel­gro­ßen Bil­dern in Ka­ro­li­ne Lui­ses Ma­le­rei­ka­bi­nett ins Au­ge sticht. Die Ex­per­ten von der Kunst­hal­le be­trach­ten das Meis­ter­werk mit et­was Weh­mut, denn bis heu­te be­sitzt das Haus, des­sen frü­he­rer Di­rek­tor Horst Vey ein aus­ge­wie­se­ner van-Dy­kEx­per­te war, kein ei­ge­nes Werk des flä­mi­schen Ma­lers. „Da ist schon ei­ne Lü­cke“, sagt Ja­cob-Frie­sen. Im­mer­hin: Bis die Ka­ro­li­ne-Lui­se-Aus­stel­lung am 9. Sep­tem­ber schließt, kön­nen Kunst­freun­de hier ei­nen her­aus­ra­gen­den van Dyck ge­nie­ßen.

Bild: Cour­te­sy Na­tio­nal Gal­le­ry of Art, Washington

Den „schöns­ten van Dyck, die Frau mit dem Kind“hat Mark­grä­fin Ka­ro­li­ne Lui­se wie­der ver­kauft. Ant­ho­nis van Dyck mal­te Su­san­na Four­ment und ih­re Toch­ter 1621.

Selbst­bild­nis von Rem­brandt um 1650 Bild: © Staat­li­che Kunst­hal­le Karls­ru­he

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