Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Ein äl­te­rer Ma­the-Leh­rer pflegt auf die Fra­ge, wie er mit sei­nen Schü­lern zu­recht­kommt, zu sa­gen: „Es sind net­te Kin­der. Sie grü­ßen mich.“Da­mit hat der Päd­ago­ge re­gel­mä­ßig die La­cher auf sei­ner Sei­te. Doch mit dem Grü­ßen ist es so ei­ne Sa­che. Wenn man das The­ma im Freun­des- und Be­kann­ten­kreis an­spricht, staunt man über die Viel­zahl der Kla­gen: Da ist der An­ge­stell­te, der sich wei­gert, Dienst­li­ches mit ei­nem Kol­le­gen zu be­spre­chen – „weil der Typ nie grüßt.“Ei­ne al­te Da­me regt sich über den Nach­barn auf, der im Haus­gang wort­los an ihr vor­bei­schlurft. Und ein sonst recht duld­sa­mer Herr will ei­nen be­stimm­ten Di­enst­leis­ter nie mehr auf­su­chen: „Der hat es nicht ein­mal nö­tig, ,Gu­ten Tag‘ zu sa­gen. Der kann mich mal.“Sol­che Un­muts­be­kun­dun­gen deu­ten dar­auf hin, dass zu­min­dest ei­nem Teil der Be­völ­ke­rung die Gruß-Kul­tur wich­tig ist. Wer die Re­geln nicht kennt – in ei­nem Ben­imm­buch kann man das klei­ne Ein­mal­eins des Gu­ten-Tag-Sa­gens nach­le­sen: „1. Der Rangnie­de­re grüßt den Rang­hö­he­ren zu­erst. 2. Der Jün­ge­re grüßt den Äl­te­ren. 3. Der Herr grüßt die Da­me.“Das klingt sim­pel, ar­tet in der ge­sell­schaft­li­chen Pra­xis aber oft in hö­he­re Ma­the­ma­tik mit meh­re­ren Un­be­kann­ten aus. Wer bei­spiels­wei­se grüßt zu­erst, wenn der mit Wis­sen­schafts­prei­sen über­häuf­te Pro­fes­sor beim Steh­emp­fang dem Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten oh­ne aka­de­mi­schem Ab­schluss be­geg­net oder wenn ein pen­sio­nier­ter Ge­richts­prä­si­dent auf ei­ne be­rühm­te jun­ge Schau­spie­le­rin trifft? Am ein­fachs­ten ist es noch in­ner­halb ei­nes Un­ter­neh­mens, weil dort das Sta­tus-Ar­gu­ment al­le an­de­ren Ka­te­go­ri­en toppt und Al­ter oder Ge­schlecht höchs­tens beim Gruß­ver­hal­ten un­ter Gleich­ran­gi­gen ei­ne Rol­le spie­len. Blöd nur und nicht sehr kar­rie­re­för­der­lich, wenn der neue Sach­be­ar­bei­ter in dem jun­gen Schnö­sel, der ihm im Flur ent­ge­gen­kommt, den Prak­ti­kan­ten ver­mu­tet statt des Ge­schäfts­füh­rers... In dem Zu­sam­men­hang fällt mir ein, was ein Schü­ler über den oben er­wähn­ten Päd­ago­gen sag­te: „Er ist ein gu­ter Leh­rer. Er grüßt uns auch. Manch­mal so­gar zu­erst.“Wo­mit der Ma­the­ma­ti­ker den Be­weis führt, dass es selbst bei kom­ple­xen Auf­ga­ben wie der Höf­lich­keit im All­tag manch­mal ver­blüf­fend ein­fa­che Lö­sungs­we­ge gibt.

Die Ma­the­ma­tik des Grü­ßens

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