Su­che nach ei­ner neu­en Hei­mat

Flücht­lin­ge ha­ben ei­ne lan­ge Rei­se hin­ter sich / Vier Bü­cher er­zäh­len Ein­zel­schick­sa­le

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tanja Ka­sisch­ke

Bis­her muss­te Pau­li­ne ein Zim­mer mit ih­rer jün­ge­ren Schwes­ter tei­len. Nun hat Ma­ma das Gäs­te­zim­mer aus­ge­räumt, die Wän­de frisch ge­stri­chen und neue Mö­bel für Pau­li­nes ei­ge­nes Zim­mer ge­kauft. Die Couch, ein klei­ner Tisch und ei­ne Kom­mo­de, die jetzt üb­rig sind, hat sie dem Flücht­lings­heim ge­spen­det. Pau­li­ne hat vor ih­rem „Um­zug“au­ßer­dem Spiel­zeug aus­sor­tiert. Sie hat mit­be­kom­men, dass in dem Heim auch Kin­der le­ben, die ihr Zu­hau­se ver­las­sen muss­ten, weil ih­re Hei­mat zur Fal­le wur­de. Bis die Mäd­chen und Jun­gen im Heim ein ei­ge­nes Zim­mer be­kom­men wer­den, wird es lan­ge dau­ern. Flücht­ling sein be­deu­tet, dass je­mand sei­ne Hei­mat un­frei­wil­lig ver­lässt. Grund da­für kann ein Krieg sein wie in Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan oder im Süd­su­dan, Hun­ger, Ar­mut, ei­ne Na­tur­ka­ta­stro­phe wie das Erd­be­ben in Ne­pal oder ei­ne Re­gie­rung, die be­stimm­te Grup­pen ei­ner Be­völ­ke­rung be­vor­zugt und an­de­re be­nach­tei­ligt. Men­schen las­sen des­halb ihr Haus, ih­re Nach­barn und Freun­de zu­rück, weil sie Angst ha­ben, ver­folgt oder ins Ge­fäng­nis ge­bracht zu wer­den. Ein Ge­richt, des­sen Rich­ter Recht von Un­recht un­ter­schei­den und Stra­fen nur an­ord­nen kön­nen, wenn sie be­grün­det sind, exis­tiert in vie­len Län­dern nicht. Je­der fünf­te Flücht­ling nimmt die lan­ge, an­stren­gen­de und vor al­lem teu­re Rei­se nach Eu­ro­pa auf sich, wo er ei­nen Asyl­an­trag stel­len möch­te. Im­mer wie­der mel­den die Nach­rich­ten Un­fäl­le mit Flücht­lings­boo­ten im Mit­tel­meer. Wenn die Boo­te über­füllt sind, ken­tern sie leich­ter. Vie­le Flücht­lin­ge kön­nen nicht schwim­men und er­trin­ken. Im April 2015 er­tran­ken meh­re­re hun­dert Flücht­lin­ge bei ei­nem Boots­un­fall. Ih­re ge­naue Zahl kann nie­mand aus­rech­nen, weil kei­ner zu­vor auf­ge­schrie­ben hat­te, wer al­les im Boot saß. Dass die Flücht­lin­ge nicht mit dem Flug­zeug kom­men kön­nen, liegt dar­an, dass ih­re Ein­rei­se heim­lich und oh­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung oder Vi­sum er­folgt. Man sagt da­zu il­le­gal, das heißt, ge­gen die ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen. Weil es ak­tu­ell zahl­rei­che Kon­flik­te welt­weit gibt, wa­ren 2014 be­son­ders vie­le Men­schen auf der Flucht, hat die Or­ga­ni­sa­ti­on Pro Asyl be­rech­net: 51 Mil­lio­nen Män­ner, Frau­en und Kin­der. Ei­ne ähn­lich ho­he Zahl Flücht­lin­ge gab es zu­letzt wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs, vor über 70 Jah­ren. Mehr als 200 000 Men­schen ha­ben vo­ri­ges Jahr in Deutsch­land ih­ren Asyl­an­trag ge­stellt, die meis­ten da­von aus Sy­ri­en. Asyl ist ein grie­chi­sches Wort und be­deu­tet „Un­ter­kunft“. Das Asyl­recht in Deutsch­land ver­bie­tet es, ver­folg­te Men­schen in ih­re un­si­che­ren Hei­mat­län­der zu­rück­zu­schi­cken. Sie sind dann auch oh­ne Vi­sum erst mal in Si­cher­heit. Die Un­ter­kunft der Flücht­lin­ge ist zu­nächst ein Wohn­heim.

Mein Freund Salim

Salim ist aus Sy­ri­en nach Deutsch­land ge­kom­men. Sein Lieb­lings­buch ist die Ge­schich­te von Tom Sa­wy­er und Huck­le­ber­ry Finn. Das ist auch das Lieb­lings­buch sei­nes deut­schen Freun­des Han­nes, den er auf dem Spiel­platz ken­nen­lernt. Trotz gro­ßer Un­ter­schie­de im Le­ben der bei­den kom­men Han­nes und Salim klar: Freun­de ver­ste­hen sich, auch wenn sie nicht die­sel­be Mut­ter­spra­che spre­chen! War­um Salim aber im­mer Angst hat, wenn der Bru­der sei­nes Kum­pels Ni­no mit dem knat­tern­den Au­to vor­bei­fährt, muss Han­nes noch her­aus­krie­gen. Bald weiß er: Das Ge­räusch er­in­nert Salim an die Schüs­se im Krieg, der in sei­ner Hei­mat noch im­mer ge­führt wird.

Das Schick­sal der Ster­ne

Adib ist mit sei­ner Mut­ter und sei­nem Bru­der aus Af­gha­nis­tan nach Deutsch­land ge­flo­hen. In Berlin fin­det er ei­nen Freund, dem er die Trau­er über den Ver­lust sei­nes Zu­hau­se an­ver­trau­en kann und der ihn ver­steht: Karl. Karl ist 82 Jah­re alt und könn­te Adibs Opa sein. Den Jun­gen aus Af­gha­nis­tan und den al­ten Mann aus Berlin ver­bin­det die Lie­be zu Bü­chern über das Uni­ver­sum, und dass bei­de Hei­mat­ver­trie­be­ne sind. Karl muss­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit sei­ner Mut­ter und sei­ner Schwes­ter aus Schle­si­en flie­hen, ei­ner Pro­vinz im heu­ti­gen Po­len. Da­mals war er 15 Jah­re alt, so alt wie Adib.

Dem Le­ben ent­ge­gen

Haz­rat aus Af­gha­nis­tan hat in Ita­li­en Asyl be­kom­men. Er ist fast 17 Jah­re alt und hofft, sich in Eu­ro­pa ein neu­es si­che­res Le­ben auf­zu­bau­en. In sei­ner Hei­mat woll­te man ihn zwin­gen, sich an ei­nem Bom­ben­an­schlag auf un­schul­di­ge Men­schen zu be­tei­li­gen. Des­halb floh der Jun­ge. Im ita­lie­ni­schen Flücht­lings­wohn­heim freun­det sich Haz­rat mit dem Mäd­chen Alal­eh aus dem Iran an. Und er lernt Pier­do­me­ni­co Bac­cala­rio ken­nen. Er hat ein Buch über Haz­rats Schick­sal ge­schrie­ben. Span­nend ist die Per­spek­ti­ve Ita­li­ens, dort kom­men die meis­ten Flücht­lin­ge an, nach­dem sie in Boo­ten das Mit­tel­meer über­quert ha­ben.

Viel­leicht dür­fen wir blei­ben

Noch ein an­de­res Ka­pi­tel des The­mas Flucht ist die Er­zäh­lung des elf­jäh­ri­gen Al­bin, ei­nes bos­ni­schen Jun­gen, des­sen Fa­mi­lie in Nor­we­gen lebt. Als Sechs­jäh­ri­ger muss­te er sein Zu­hau­se ver­las­sen, weil dort Krieg war. Der ist nun vor­bei. Ei­nes Ta­ges er­fährt Al­bin, dass sei­ne Fa­mi­lie des­halb nach Bos­ni­en zu­rück­keh­ren soll. Die Re­gie­rung hat be­schlos­sen, dass Bos­ni­en als si­che­res Land gilt. In Nor­we­gen ha­ben der Jun­ge und sei­ne Fa­mi­lie kein Asyl mehr. Alb­ins Ge­schich­te ist sehr ak­tu­ell, weil die süd­ost­eu­ro­päi­schen Län­der Bos­ni­en, Ser­bi­en und Ma­ze­do­ni­en auch in Deutsch­land jüngst als si­che­re Her­kunfts­län­der gel­tend ge­macht wur­den. Der Krieg ist zwar vor­bei, Ar­mut gibt es dort aber noch im­mer. Flücht­lin­ge wie Al­bin ha­ben trotz­dem we­nig Aus­sicht auf Asyl. Deut­sche Hei­mat­ver­trie­be­ne wie Adibs Freund Karl zog es vor 70 Jah­ren auch in die USA. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind das Land mit den meis­ten ein­ge­wan­der­ten Men­schen. 50 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner ha­ben deut­sche Vor­fah­ren! Hier noch ein­mal al­le vor­ge­stell­ten Bü­cher im Über­blick: Uticha Mar­mon, Mein Freund Salim. Ma­gel­lan, 160 Sei­ten ge­bun­den, 13,95 Eu­ro, ab acht Jah­re. Da­ni­el Hö­ra, Das Schick­sal der Ster­ne. Bloo­moon, 256 Sei­ten, 14,99 Eu­ro, ab 14 Jah­re. Pier­do­me­ni­co Bac­cala­rio, Dem Le­ben ent­ge­gen. Cbj, 224 Sei­ten bro­schiert, 7,99 Eu­ro, als E-Book 6,99 Eu­ro, ab 14 Jah­re. In­ge­borg Krin­ge­land Hald, Viel­leicht dür­fen wir blei­ben. Carl­sen, 112 Sei­ten, 9,99 Eu­ro, als E-Book 6,99 Eu­ro, ab zwölf Jah­re.

Fo­tos: avs

Tau­sen­de von Flücht­lin­gen, vor­wie­gend aus Sy­ri­en und Af­gha­nis­tan, lan­de­ten in den ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­ten auf der grie­chi­schen Ur­laubs­in­sel Kos (links). Das Elend der Men­schen, die auf die po­li­zei­li­che Re­gis­trie­rung und die Er­laub­nis zur Wei­ter­rei­se nach At­hen war­ten, wo sie ei­nen Asyl­an­trag stel­len kön­nen, ist groß. Auf dem rech­ten Bild ei­ne ira­ki­sche Fa­mi­lie, die mit all ih­rem Hab und Gut im Grenz­durch­gangs­la­ger Fried­land in Nie­der­sach­sen an­kommt.

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