Heiter bis dä­mo­nisch

Spar­sa­me Schwa­ben, See­jung­frau­en und ver­lo­re­ne See­len: Sa­gen­haf­tes aus Ba­den-Würt­tem­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Dass Frei­burg ein schö­nes „Städt­le“ist, blieb ei­nem Bau­ern aus dem Schwa­ben­land, der ge­schäft­lich öf­ters in den Breis­gau kam, nicht ver­bor­gen. Und weil er „nach Art der Schwa­ben“tüch­tig ge­spart hat­te, kam er auf die Idee, das „Städt­le“zu kau­fen. Die Frei­bur­ger Rats­her­ren frei­lich fan­den die­ses An­sin­nen ziem­lich lä­cher­lich – und sie lach­ten noch mehr, als sie fest­stell­ten, dass zwei an­geb­lich mit Gold und Sil­ber be­la­de­ne Fäs­ser, mit de­nen das Bäu­er­le die Stadt be­zah­len woll­te, nur Sand und St­ei­ne ent­hiel­ten. Da­hin­ter steck­te die Frau des Bau­ern, die be­fürch­tet hat­te, die Frei­bur­ger wür­den ih­ren Mann an­ge­sichts der vie­len Ta­ler des Dieb­stahls ver­däch­ti­gen und ein­sper­ren. In Frei­burg aber woll­te man die Er­in­ne­rung an das skur­ri­le Er­eig­nis wach hal­ten – mit dem Bild des Bau­ern auf ei­nem Stadt­tor, das fort­an „Schwa­ben­tor“ge­nannt wur­de. Die Ge­schich­te „vom Schwa­ben, der Frei­burg kau­fen woll­te“ge­hört zu den hei­te­ren Sa­gen aus Ba­den-Würt­tem­berg, die Man­fred Wet­zel in dem Buch „Vom Mum­mel­see zur Wei­ber­treu“ver­sam­melt hat. Bei vie­len der rund 200 Er­zäh­lun­gen in dem jetzt in der drit­ten Auf­la­ge vor­lie­gen­den Band geht es längst nicht so harm­los zu. Da wird mit To­ten­schä­deln ge­ke­gelt, be­dräng­te Jung­fern stür­zen sich in den Tod und Sün­der, die im Gr­ab kei­ne Ru­he fin­den, pla­gen die Le­ben­den. Über­haupt wer­den Übel­tä­ter in den Ge­schich­ten, die ein­fa­che Leu­te über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg münd­lich wei­ter­tru­gen, oft sehr grau­sam be­straft. Bei Bai­ers­bronn et­wa soll einst ei­ne Räu­ber­ban­de schlimm ge­haust ha­ben. Die Bau­ern be­schlos­sen schließ­lich, sich zu weh­ren. Es ge­lang ih­nen, die Ban­de nie­der­zu­ma­chen – bis auf Haupt­mann Schlot­ki, der ge­gen Hieb, Stich und Schuss glei­cher­ma­ßen ge­feit war. Im­mer­hin konn­ten die Bau­ern ihn fes­seln und in ei­nen Qu­ell­fluss der Murg zu wer­fen - weil der Bö­se­wicht nicht un­ter­ging, wälz­ten sie Fels­bro­cken auf ihn. Drei Ta­ge lang drück­ten die Bau­ern den rie­si­gen Kerl un­ter Was­ser, bis Schlot­ki selbst dar­um bat, sei­ne Qua­len zu be­en­den. Man sol­le drei hei­li­ge Hos­ti­en, die in sei­nen Dau­men­bal­len ein­ge­wach­sen wa­ren, hin­aus­schnei­den, dann kön­ne er ster­ben. Die Bau­ern ka­men der Auf­for­de­rung nach und ein Strom von Blut er­goss sich in den Fluss, der we­gen der röt­li­chen Far­be sei­nes Was­sers Rot­murg ge­nannt wird ... Blut­la­chen auf dem Was­ser spie­len auch ei­ne Rol­le in den schau­rig-schö­nen Sa­gen vom Mum­mel­see, die in ver­schie­de­nen Va­ri­an­ten le­ben­dig sind. Die Blut­fle­cken tau­chen auf der Was­ser­ober­flä­che auf, wenn See­jung­frau­en, „Mümm­lein“ge­nannt, ge­gen die ih­nen ge­setz­ten Re­geln ver­sto­ßen ha­ben, bei­spiels­wei­se zu spät in den See zu­rück­ge­kehrt sind. Dass die ge­heim­nis­vol­len Fräu­lein selbst ge­täuscht wor­den wa­ren – ein Bur­sche hat­te die Uhr zu­rück­ge­stellt – än­der­te nichts an den blu­ti­gen Fol­gen. Der jun­ge Mann, der an der Uhr ge­dreht hat­te, blieb eben­falls nicht un­ge­scho­ren: Er er­krank­te und starb drei Ta­ge nach sei­nem Streich. Ab­scheu­lich nach Schwe­fel ge­ro­chen ha­ben soll es in ei­ner Kam­mer des Gast­hau­ses „Lö­wen“in St­au­fen, als der Wirt dort den Dok­tor Faust fand – tot, mit um­ge­dreh­tem Hals. Die münd­li­che Über­lie­fe­rung gab durch die Jahr­hun­der­te hin­durch wei­ter, dass der Teu­fel den Dok­tor ge­holt ha­be, als sein 24 Jah­re zu­vor mit Faust ge­schlos­se­ner Pakt ab­ge­lau­fen war. Wäh­rend in der li­te­ra­ri­schen Be­ar­bei­tung des Faust-Stof­fes – spä­tes­tens ab Goe­the – der Al­chi­mist und Wun­der­hei­ler zum Er­kennt­nis Su­chen­den mu­tiert und da­mit zur Schlüs­sel­fi­gur des deut­schen Hu­ma­nis­mus wird, er­scheint in Wet­zels auf al­ten Volks­bü­chern be­ru­hen­der Ver­si­on der Dok­tor als un­sym­pa­thi­scher Ze­cher: Um die See­le ei­nes Teu­fels­bünd­lers, der harm­lo­se Bau­ern in Angst und Schre­cken ver­setz­te, war es of­fen­bar nicht scha­de. Frei­lich gibt es un­ter den Sa­gen auch ei­ni­ge, bei de­nen Men­schen den Fol­gen ei­nes Teu­fels­pak­tes ent­ge­hen: Ein Mül­ler aus Ba­den-Ba­den et­wa wur­de ge­ret­tet, weil er sei­ne Sün­de be­kann­te, ins Klos­ter zog und fort­an „ein solch got­tes­fürch­ti­ges Le­ben führ­te wie kei­ner der Mön­che“. Gar nicht dä­mo­nisch-düs­ter geht es in der Ge­schich­te vor, die sich in Wet­zels Sa­gen­samm­lung un­ter der Über­schrift „Wie Karls­ru­he zu sei­nem Na­men kam“fin­det. Er­zählt wird ei­ne Va­ri­an­te der „klas­si­schen“Stadt­grün­dungs­le­gen­de – vom Mark­gra­fen Karl Wil­helm, der bei der Jagd im Hardtwald vom Schlum­mer über­mannt wird und – vom er­hol­sa­men Schlaf er­wacht – be­schließt, für im­mer an eben die­ser Stel­le zu woh­nen. Wie an­de­re Sa­gen ent­hält auch die­se Ge­schich­te ein Körn­chen Wahr­heit: Aus ei­nem Hof­ta­ge­buch geht her­vor, dass Karl Wil­helm von Ba­den-Dur­lach sich tat­säch­lich ein­mal bei der Jagd im Wald ver­irrt und un­ter ei­nem Baum Schutz ge­sucht hat. Das al­ler­dings ge­schah erst sechs Jah­re, nach­dem er den Grund­stein für Karls­ru­he ge­legt hat­te.

Mun­te­re Mümm­lein am nächt­li­chen Mum­mel­see: In der Wan­del­hal­le der Ba­den-Ba­de­ner Trink­hal­le kön­nen die Be­su­cher 14 Wand­bil­der des His­to­ri­en­ma­lers Ja­kob Göt­zen­ber­ger (1800 bis 1866) be­trach­ten, die Mo­ti­ve aus der ba­di­schen Sa­gen­welt zei­gen. Fo­to: SO

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