Aus den Fu­gen ge­ra­ten

Kunst aus der Psych­ia­trie: „Das Wun­der in der Schu­hein­le­ge­soh­le“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Avs

Die Wän­de im al­ten Hör­saal der Neu­ro­lo­gie sind wein­rot ge­stri­chen. Was in der Samm­lung Prinz­horn in Hei­del­berg noch bis zum 16. Au­gust aus­ge­stellt wird, ist fas­zi­nie­rend und be­drü­ckend zu­gleich: Kunst­wer­ke psy­chisch kran­ker Men­schen. „Die Wer­ke zei­gen, wie die An­stalts­in­sas­sen mit Kunst ver­such­ten, ihr aus den Fu­gen ge­ra­te­nes Le­ben wie­der in den Griff zu be­kom­men“, sagt Tho­mas Rös­ke, der Lei­ter der Samm­lung Prinz­horn, die zum Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Hei­del­berg ge­hört. Die Kunst­wer­ke stam­men aus der Samm­lung des Arz­tes und Kunst­his­to­ri­kers Hans Prinz­horn. An­fang der 1920er Jah­re be­auf­trag­te ihn die Psych­ia­tri­sche Kli­nik Hei­del­berg, „Ir­ren­kunst“aus Deutsch­land und Eu­ro­pa zu­sam­men­zu­tra­gen. Die Aus­stel­lung ist in ver­schie­de­ne The­men ge­glie­dert, bei­spiels­wei­se „Er­schei­nun­gen und Zau­ber­mäch­te“, „Norm und Ab­norm“oder „Un­heim­li­ches“. Zu den „Er­schei­nun­gen“zählt die Blei­stift­zeich­nung „Das Wun­der in der Schu­hein­le­ge­soh­le“, die der Aus­stel­lung ih­ren Na­men gibt. Hier las­sen sich in ein­an­der über­ge­hen­de Ge­sich­ter, Blü­ten und Vö­gel er­ken­nen – be­grenzt von den Um­ris­sen ei­ner Schuh­soh­le. Der Zeich­ner die­ser „Soh­le“war der Dan­zi­ger Kauf­mann Carl Lan­ge. In ei­ner Vi­si­on soll ihm Gott of­fen­bart ha­ben, dass er Chris­tus sei. Fort­an ver­fass­te er Pam­phle­te und schmie­de­te At­ten­tats­plä­ne. In ei­ner psych­ia­tri­schen An­stalt ent­deck­te Lan­ge in den Schweiß­ab­drü­cken sei­ner Schu­hein­le­ge­soh­len Sze­nen und Ge­sich­ter, die er zu Pa­pier brach­te. An Karl Gen­zels Holz­skulp­tur „Weib und Mann“fällt das über­di­men­sio­na­le eri­gier­te männ­li­che Glied auf. Gen­zels Kunst er­in­nert an deut­sche Ex­pres­sio­nis­ten. Die­se Ähn­lich­keit miss­brauch­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1938 in ih­rer Schand­aus­stel­lung „Entar­te­te Kunst“da­zu, mo­der­ne Künst­ler in die Nä­he der „ver­rück­ten“Kunst zu rü­cken und sie für krank zu er­klä­ren. Heu­te zäh­len die Kunst­wer­ke psy­chisch kran­ker Men­schen oft zur so­ge­nann­ten „Outs­ider Art“. Als Hans Prinz­horn mit sei­ner Samm­lung be­gann, gab es für die Krea­ti­vi­tät der Pa­ti­en­ten kei­ner­lei Wert­schät­zung. „Die psych­ia­tri­schen Ein­rich­tun­gen wa­ren rei­ne Ver­wahr­an­stal­ten“, sagt Rös­ke. „Die Pa­ti­en­ten muss­ten ar­bei­ten. Ge­zeich­net oder ge­malt wur­de nur aus ei­ge­nem An­trieb.“Kunst­the­ra­pi­en wie heut­zu­ta­ge ha­be es noch nicht ge­ge­ben, oft sei­en die Ar­bei­ten so­gar weg­ge­wor­fen wor­den.

In der kom­men­den Wo­che, am 15. Au­gust, steht mit „Ma­riä Him­mel­fahrt“ein Fei­er­tag im Jah­res­ka­len­der, der in vie­len Ge­gen­den mit gro­ßem Auf­wand und fes­ten Tra­di­tio­nen be­gan­gen wird. Vor vie­len Jah­ren schon schrieb der be­kann­te Be­ne­dik­ti­ner­pa­ter An­selm Grün da­zu ei­nen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel: „Die Wür­de des Lei­bes“. Dar­in heißt es: „Ma­ri­en­fes­te sind op­ti­mis­ti­sche Fes­te. In ih­nen spie­len wir uns in das Ge­heim­nis un­se­rer Er­lö­sung hin­ein. Am 15. Au­gust drü­cken wir auf fest­li­che Wei­se un­se­ren Glau­ben aus, dass wir im Tod nicht ins Bo­den­lo­se fal­len, son­dern in die müt­ter­li­chen Ar­me Got­tes hin­ein ster­ben. Im Tod wird nicht nur un­se­re See­le zu Gott kom­men, son­dern wir als die­se kon­kre­te Per­son, ganz­heit­lich mit Leib und See­le. Na­tür­lich wird der hin­fäl­li­ge Leib ver­we­sen. Aber un­se­re Per­son, die sich in die­sem Leib aus­drückt, wird auf­ge­nom­men in die Herr­lich­keit Got­tes“. Was wä­ren wir oh­ne un­se­ren Leib? Nur mit ihm kön­nen wir zu an­de­ren in Kon­takt tre­ten, Be­zie­hun­gen auf­neh­men, spre­chen, hö­ren, emp­fin­den. Nur durch un­se­ren kon­kre­ten Leib bil­det sich un­se­re je ei­ge­ne Ge­schich­te nach und nach her­aus, das, was uns per­sön­lich aus­macht und zu un­se­rer Le­bens­mit­te ge­hört. Mit­ten im Som­mer fei­ern wir al­so mit Blick auf Ma­ria ein klei­nes (ös­ter­li­ches) Fest der Hoff­nung und der Zu­ver­sicht. Wir al­le sol­len An­teil be­kom­men am „ver­herr­lich­ten Leib Chris­ti“(Phil 3,21). Im Blick auf Ma­ria, die uns ge­wis­ser­ma­ßen ei­nen Schritt vor­aus ist, fei­ern wir die „Wür­de un­se­res Lei­bes“. Weil zwar ge­gen man­che Krank­hei­ten, nicht aber ge­gen den Tod ein Kraut ge­wach­sen ist, wer­den an die­sem Tag Kräu­ter­sträu­ße ge­bun­den und ge­seg­net. Zu­hau­se auf­be­wahrt oder auf die Grä­ber der An­ge­hö­ri­gen ge­legt, sind sie ein Zei­chen da­für, dass wir auf end­gül­ti­ge Hei­lung und end­gül­ti­ges Heil hof­fen dür­fen.

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