„Die hat aber viel ge­sam­melt“

Jun­ge Kunst­hal­le zeigt Ka­ro­li­ne Lui­se

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Me­la­nie Schnau­fer

Die klei­nen Fin­ger sind von der Pa­s­tell­krei­de schon ganz blau. Ge­hüllt in ei­nen mit Farb­kleck­sen be­deck­ten Ma­ler­kit­tel, sieht Aus­tin wie ein ech­ter Künst­ler aus. Hat der Acht­jäh­ri­ge ei­ne Idee, kommt er ger­ne in die „Mark­gräf­li­chen Werk­stät­ten“der Jun­gen Kunst­hal­le Karls­ru­he. Ganz in sich ver­sun­ken malt er die Qu­el­le sei­ner In­spi­ra­ti­on: sein blau­es Jo-Jo. Di­rekt da­ne­ben Bru­der An­sel: „Ich zeich­ne ein Schloss“, ver­rät der Vier­jäh­ri­ge. Ob Ka­ro­li­ne Lui­se von Ba­den (1723 bis 1783) Ge­fal­len an den bei­den Kunst­wer­ken ge­fun­den hät­te? Ein Stock­werk dar­un­ter wid­met sich die ak­tu­el­le Aus­stel­lung näm­lich der ge­bil­de­ten Mark­grä­fin, die selbst ger­ne mal­te und zu­dem ei­ne be­geis­ter­te Kunst­samm­le­rin war. Ob­wohl sie be­reits vor 232 Jah­ren starb, ist ihr Wir­ken auch heu­te noch in der Fä­cher­stadt er­leb­bar. Die Frau von Mark­graf Karl Fried­rich, dem En­kel des Karls­ru­her Stadt­grün­ders, sam­mel­te über 200 Ge­mäl­de, die zum Groß­teil der Kunst­hal­le Karls­ru­he ge­hö­ren. Au­ßer­dem leg­te ih­re um­fang­rei­che Na­tu­ra­li­en­samm­lung den Grund­stein für das Staat­li­che Mu­se­um für Na­tur­kun­de. In „11 × Ka­ro­li­ne Lui­se“spie­geln elf Be­rei­che die un­ter­schied­lichs­ten In­ter­es­sen der Mark­grä­fin wi­der. Ob Kunst, Na­tur­wis­sen­schaft, Mo­de oder Spra­chen, „ih­re Wiss­be­gier­de kann­te kei­ne Gren­zen“, heißt es in ei­nem Zi­tat, das groß an ei­ner Wand des Aus­stel­lungs­rau­mes ge­schrie­ben steht. „Sie woll­te al­les gründ­lich wis­sen. Oft kam sie vor zwei Uhr in der Nacht nicht von ih­ren Bü­chern.“Viel­leicht wur­de ihr Wis­sens­durst schon in der Kind­heit ge­weckt, denn ob­wohl (oder gera­de weil?) sie als Prin­zes­sin ge­bo­ren wur­de, hat­te Ka­ro­li­ne Lui­se ei­nen vol­len St­un­den­plan. Da­von kön­nen sich die jun­gen Mu­se­ums­be­su­cher selbst über­zeu­gen, wenn sie die hel­len Aus­stel­lungs­räu­me be­tre­ten, die wie ei­ne kö­nig­li­che Re­si­denz ge­stal­tet sind. Ele­gan­te Mö­bel­stü­cke und vor­neh­me Cem­ba­lo-Klän­ge ver­set­zen sie au­gen­blick­lich in das Le­ben im 18. Jahr­hun­dert. Ei­ne wei­ße Kin­der­wie­ge und ein fest- li­ches Kleid schmü­cken den ers­ten The­men­be­reich „Die jun­ge Prin­zes­sin“. Hier be­rich­tet Ka­ro­li­ne Lui­se von ih­rer Kind­heit in Darm­stadt: „Von Mon­tag bis Sams­tag hat­te ich zehn Un­ter­richts­stun­den! Von 8 Uhr mor­gens bis 8 Uhr abends! Al­ler­dings mit zwei St­un­den Pau­se am Mit­tag“, rich­tet sich die Mark­grä­fin wahl­wei­se über Kopf­hö­rer oder das ge­schrie­be­ne Wort di­rekt an die Kin­der. Le­sen und Ge­dich­te schrei­ben, Rech­nen, Re­li­gi­on, Ge­schich­te, Erd­kun­de und Latein stan­den un­ter an­de­rem auf dem St­un­den­plan. An je­der der elf Sta­tio­nen gibt es et­was Neu­es zu ent­de­cken, denn Ka­ro­li­ne Lui­se hat­te vie­le In­ter­es­sen. „Die hat aber ganz schön viel ge­sam­melt und ge­macht“, ist Ale­j­na be­ein­druckt und hält sich ei­ne der Mu­scheln ans Ohr. „Das ist cool, da hört man das Meer rau­schen“, er­klärt die Acht­jäh­ri­ge. Ihr ge­fällt, dass sie hier – an­ders als in ei­nem Mu­se­um für Er­wach­se­ne – al­les an­fas­sen darf. Und zu ent­de­cken gibt es ei­ni­ges: „Die St­ei­ne­samm­le­rin“hält ei­nen Kof­fer ge­heim­nis­voll schim­mern­der Mi­ne­ra­li­en be­reit, die mit der Lu­pe ge­nau­er in Au­gen­schein ge­nom­men wer­den kön­nen. Au­ßer­dem nimmt die Mark­grä­fin Vor­schlä­ge für das Na­tu­ra­li­en-Ka­bi­nett ent­ge­gen. Mu­se­ums­be­su­cher dür­fen da­bei selbst Fos­si­li­en, Pflan­zen oder Mu­scheln auf­ma­len und ka­ta­lo­gi­sie­ren. Ale­j­na nimmt an ei­nem Schreib­tisch Platz, auf dem ei­ni­ge Brie­fe, Schreib­fe­der so­wie Tin­ten­fäss­chen Hin­wei­se auf ei­ne wei­te­re Lei­den­schaft der Mark­grä­fin ge­ben: Ka­ro­li­ne Lui­se war ei­ne flei­ßi­ge Brie­fe­schrei­be­rin, die mit mehr als 750 Men­schen in 137 Städ­ten, dar­un­ter wich­ti­gen Per­sön­lich­kei­ten ih­rer Zeit, Kon­takt hielt. Mit ih­rem Mann Karl Fried­rich tausch­te sie hin­ge­gen Lie­bes­nach­rich­ten aus: „Ein­mal küss­te ich ei­nen Brief von ihm hun­dert­mal, aus lau­ter Glück, ei­ni­ge Zei­len von ihm in Hän­den zu hal­ten.“In­spi­riert von der Aus­stel­lung kön­nen Kin­der an­schlie­ßend selbst Kunst­wer­ke in den „Mark­gräf­li­chen Werk­stät­ten“er­schaf­fen. Beim Frei­zeit­pro­gramm Open Space, das am Wo­che­n­en­de so­wie in den Fe­ri­en zum Ma­len ein­lädt, gibt es kein vor­ge­ge­be­nes The­ma. „Es kann ge­zeich­net wer­den, was ge­fällt“, so Kunst­stu­den­tin Ste­pha­nie Fran­zis­ka Koe­s­ling mit Blick auf Pa­s­tell-, Aqua­rel­lund Öl­far­be. „Man­che Kin­der sind ganz wild drauf, so­fort los­zu­le­gen, an­de­re zu An­fang zö­ger­lich.“Un­ter ih­rer Auf­sicht voll­enden Aus­tin und An­sel mit zu­frie­de­ner Mie­ne ih­re Zeich­nun­gen. Die Wän­de sind be­reits bunt ge­schmückt von vie­len an­de­ren Kin­der­bil­dern, doch die zwei wol­len ih­re Kunst­wer­ke lie­ber mit nach Hau­se neh­men.

„Ich fin­de es gut, dass man al­les an­fas­sen darf, an­ders als in ei­nem Mu­se­um für Er­wach­se­ne“, sagt die acht­jäh­ri­ge Ale­j­na aus Karls­ru­he. Sie ist fas­zi­niert von Ka­ro­li­ne Lui­se und ih­rer Sam­mel­lei­den­schaft, der die Jun­ge Kunst­hal­le Karls­ru­he ei­ne ei­ge­ne Aus­stel­lung wid­met. Fo­tos: Tanja Mo­ri Mon­tei­ro

Zwei jun­ge Ma­ler bei der Ar­beit: In den „Mark­gräf­li­chen Werk­stät­ten“zau­bern Aus­tin (8) und sein Bru­der An­sel (4) ei­ge­ne Kunst­wer­ke.

Sich ein­mal als Mark­grä­fin füh­len: Ale­j­na imi­tiert Ka­ro­li­ne Lui­se, die ei­ne flei­ßi­ge Brie­fe­schrei­be­rin war. Sie pfleg­te mehr als 750 Brief­freund­schaf­ten.

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