„Wird lan­ger, zä­her Weg“

Ers­te Bi­lanz von Ka­nu-Nach­wuchsbun­des­trai­ner Hof­mann

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport -

Die Zä­sur er­folg­te im Sep­tem­ber 2014. Nach dem his­to­ri­schen Tief­punkt der Renn­sport-Ka­nu­ten bei der WM in Moskau hat­te der Deut­sche Ka­nu-Ver­band (DKV) sein Übungs­lei­ter­per­so­nal neu po­si­tio­niert. Detlef Hof­mann, Lei­ter des Bun­des­stütz­punk­tes Karls­ru­he/Mann­heim im Karls­ru­her Rhein­ha­fen und bis da­hin neun Jah­re Ka­jak-Dis­zi­plin­bun­des­trai­ner bei den Män­nern, über­nahm die neu ge­schaf­fe­ne Stel­le des Chef-Bun­des­trai­ners Nach­wuchs. Sein Auf­trag: Der ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­te­nen Ta­lent­ent­wick­lung nach Vor­bild sei­nes er­folg­rei­chen „Karls­ru­her Mo­dells“– neue Im­pul­se zu ver­mit­teln und die DKV-Youngs­ters vor al­lem im Ju­nio­ren­be­reich wie­der nä­her an die Welt­spit­ze her­an­zu­füh­ren. Wie weit ist Hof­mann bis­lang vor­an­ge­kom­men? Im Ge­spräch mit dem SONN­TAG zieht der 51-jäh­ri­ge Karls­ru­her ei­ne ers­te Bi­lanz.

Es hat ei­ni­ge po­si­ti­ve Über­ra­schun­gen ge­ge­ben, wie die Bron­ze­me­dail­le im Vie­rer­ka­jak der Ju­nio­rin­nen mit der Pots­da­me­rin Cla­ra Thie­me, der Mag­de­bur­ge­rin Ju­lia Her­gert, und was mich na­tür­lich be­son­ders freut, den Karls­ru­her ‚Rhein­schwes­tern’ Ca­ro­la Schmidt und mei­ner Toch­ter Ka­tin­ka. Es wur­den ei­ni­ge er­war­te­te Me­dail­len ge­won­nen, es gibt aber in man­chen Be­rei­chen auch gro­ße Lü­cken zur Welt­spit­ze, die wir nun ver­su­chen müs­sen, suk­zes­si­ve zu schlie­ßen.

Es gab zwei­mal Gold, ein­mal Sil­ber, zwei­mal Bron­ze. Au­ßer­dem sechs vier­te Plät­ze. Das war in et­wa wie 2014 mit zwei­mal Gold und drei­mal Bron­ze.

Wer mich kennt, der weiß, zu­frie­den bin ich nie. Doch wenn man im Ok­to­ber 2014 an­fängt, kann man nicht schon im Som­mer 2015 völ­lig an­de­re Er­geb­nis­se er­war­ten. Es gibt da ei­ni­ge Fel­der zu be­ackern. Der Nach­wuchs­be­reich war bis­her nur ein Ab­le­ger des A-Be­rei­ches, die­sen Um­stän­den ent­spre­chend an­ge­passt und eher stief­müt­ter­lich be­han­delt. Ich möch­te jetzt noch die deut­schen Meis­ter­schaf­ten En­de Au­gust in München und die Olym­pic Ho­pe Ga­mes im Sep­tem­ber in Po­len ab­war­ten. Dann ist ein Zy­klus durch, dann ha­be ich die drei Jahr­gän­ge, die nächs­tes, über­nächs­tes und im dar­auf fol­gen­den Jahr 18 wer­den, ge­se­hen. Dann kann ich drei Jah­re vor­aus bli­cken und weiß, wo wir ste­hen. Im Ok­to­ber wer­de ich ei­ne Ana­ly­se ma­chen und wei­ter an ei­nem ziel­füh­ren­den Kon­zept bas­teln.

Da war Un­garn mit 16 Me­dail­len vor der Ukrai­ne mit zehn, Russ­land mit acht, Weiß­russ­land mit sechs, und auch Ru­mä­ni­en war noch vor uns. Ich se­he dar­in vor al­lem ein ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem. In die­sen Län­dern wer­den für jun­ge Sport­ler, al­so auch für Ka­nu­ten, ganz an­de­re An­rei­ze ge­schaf­fen. Bei uns da­ge­gen sind oft im­mer we­ni­ger Ju­gend­li­che für den Leis­tungs­sport zu be­geis­tern und wir müs­sen auch se­hen, dass wir im­mer we­ni­ger Kin­der zur Ver­fü­gung ha­ben.

Nein, das al­lein wä­re zu kurz ge­grif­fen. Wir ha­ben si­cher auch mit dem Ge­bur­ten­rück­gang zu kämp­fen, aber vor al­lem mit feh­len­der In­fra­struk­tur, in ers­ter Li­nie im per­so­nel­len Be­reich, bei den Ba­sis­ver­ei­nen. Dies müs­sen wir drin­gend an­ge­hen. Wir müs­sen uns aber auch fra­gen: wie ge­lingt es uns bes­ser, aus dem vor­han­de­nen Po­ten­zi­al mehr zu ma­chen.

Un­ser A-Team ist 2015 gut auf­ge­stellt. Wir ha­ben drei, vier Gold-Chan­cen, da sind wir vorn mit da­bei. Und das zeigt ja auch, dass es schon ge­lingt, Ein­zel­ta­len­te nach oben zu brin­gen. Ich er­in­ne­re an Max Lem­ke, den Ju­nio­ren­Welt­meis­ter von 2014, der in Mai­land als 19-Jäh­ri­ger im 200 Me­ter Ei­ner an den Start ge­hen wird. Nicht zu ver­ges­sen un­se­re bei­den Karls­ru­her ,Rhein­schwes­tern’ Ve­re­na Hantl und Sa­bi­ne Volz.

Punkt eins: Die Bun­des­stütz­punk­te müs­sen sich stär­ker auf die Ju­gend/Ju­nio­ren fo­kus­sie­ren, das Stich­wort hier heißt op­ti­ma­le Nach­wuchs­för­de­rung, vor al­lem auch in die Brei­te. Im Ju­nio­ren­be­reich muss ei­ne noch stär­ke­re Au­s­prä­gung auf die Ver­ein­bar­keit von Leis­tungs­sport und Aus­bil­dung er­fol­gen. Punkt zwei: Es muss ei­ne qua­li­ta­ti­ve Ver­bes­se­rung der per­so­nel­len Struk­tu­ren an den Ba­sis­ver­ei­nen an­ge­strebt wer­den. Das heißt, wir brau­chen mehr Trai­ner oder Be­treu­er. So et­was kön­nen die Ver­ei­ne nie­mals al­lein leis­ten, des­halb müs­sen der Spit­zen­ver­band, die Lan­des­ver­bän­de, die Kom­mu­nen und vor al­lem Spon­so­ren mit ins Boot ge­nom­men wer­den. In die­ser Hin­sicht ist die Ar­beit am Stütz­punkt Karls­ru­he si­cher vor­bild­lich aber auch drin­gend ver­bes­se­rungs­wür­dig, wenn wir wei­ter in der Cham­pi­ons Le­ague mit­spie­len wol­len. Bei uns in Karls­ru­he ist die Kom­mu­ne mit der Karls­ru­her Leis­tungs­sport­för­de­rung da­bei – viel­leicht sind wir gera­de des­halb in den letz­ten Jah­ren so er­folg­reich ge­we­sen. Wenn wir das hin­be­kom­men, sind wir auf ei­nem gu­ten Weg.

Das Be­treu­er-Team im Nach­wuchs­be­reich des DKV steht – mit je ei­nem Trai­ner aus den sie­ben Bun­des­stütz­punk­ten. Und ich muss sa­gen, ich hat­te sel­ten ei­ne so ziel­stre­bi­ge und akri­bi­sche Mann­schaft wie die­se. Das sind mit mir acht Leu­te im Al­ter von En­de 20 bis En­de 50, ein Mix aus Ost und West, mit völ­lig un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­ren. Ganz wich­tig aber: Trotz der teil­wei­se sehr un­ter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, woll­te nie­mand sei­ne Phi­lo­so­phie auf Bie­gen und Bre­chen um­set­zen, es wird pro­duk­tiv und ziel­ori­en­tiert ge­ar­bei­tet. Ich bin sehr zu­frie­den, es macht viel Spaß. Ich ha­be aber auch je­dem im Team klar ge­macht: Ihr müsst die­se neue – „un­se­re“– Phi­lo­so­phie an die Stütz­punk­te wei­ter tra­gen und die Leu­te mit ins Boot ho­len, und zwar nicht nur die Spit­ze, son­dern vor al­lem auch die Ba­sis. Ich kann nur ver­su­chen, mit­zu­rei­ßen und Tipps zu ge­ben. Die Kno­chen­ar­beit, die muss von je­dem ein­zel­nen vor Ort ge­macht wer­den und das wird ein lan­ger, zä­her Weg.

Ha­ben Sie es denn bei al­len Un­ter­schie­den zwi­schen Ost und West ge­schafft, ei­ne „Trup­pe“zu bil­den, die ih­re Phi­lo­so­phie mit- und wei­ter­trägt?

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