Nach­hal­ti­ge Ge­gen­ent­wür­fe

Slow Fa­shion setzt auf Ent­schleu­ni­gung und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Susanne Forst

Es kann zeit­lo­se Mo­de sein, fair ge­fer­tigt, mit Rück­sicht auf die Um­welt, mit we­ni­ger Che­mie: Slow Fa­shion. Aber ist das auch schön? Ist das über­haupt Mo­de? Und be­zahl­bar? Ja, sa­gen die Ver­fech­ter des Kon­zepts. An Hoch­schu­len be­schäf­ti­gen sich Stu­die­ren­de mit Nach­hal­tig­keit, der Markt hat re­agiert und der Kun­de mischt mit. Er be­sucht Tausch­bör­sen, leiht sich mo­di­sche Klei­dung und schaut auf Sie­gel. The­re­sa Brink­mann hat ein Kleid aus PLA, aus Milch­säur­e­po­ly­es­ter, ent­wi­ckelt. Das hört sich nicht be­son­ders mo­disch an, ent­puppt sich aber als ab­so­lu­ter Hin­gu­cker und Fa­shion in reins­ter Form: ein Schlauch­kleid, al­so fi­gur­be­tont, schul­ter­frei, klas­sisch-kühl und mit Vo­lants be­wegt. Als tech­ni­sche Fa­ser ist der „grü­ne Po­ly­es­ter“, der zu 100 Pro­zent auf er­neu­er­ba­re Res­sour­cen zu­rück geht, ein Be­griff. Die Fa­ser wird un­ter an­de­rem zu Si­cher­heits­gur­ten und Air­bags in der Au­to­in­dus­trie ver­ar­bei­tet. Der Vor­teil ei­nes PLA-Tex­tils: Es ba­siert nicht, wie vie­le an­de­re Klei­dungs­stü­cke auf Erd­öl, und ist, un­ter in­dus­tri­el­len Be­din­gun­gen, voll­stän­dig kom­pos­tier­bar, Ver­bren­nung über­flüs­sig. „Zu Be­ginn des Pro­jekts ,No was­te‘ wa­ren die Stu­die­ren­den we­nig be­geis­tert“, er­in­nert sich El­len Bendt. Die Pro­fes­so­rin lacht. Das Aus­gangs­ma­te­ri­al ist sehr spe­zi­ell, der Griff der ers­ten Strick­pro­ben harsch. „Die Ver­wand­lung ei­nes tech­ni­schen Tex­tils in ein Fa­shion­mo­dell ist ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung“, sagt

Aus­stel­lung über die Schat­ten­sei­ten der Mo­de

die Mo­de­de­si­gne­rin und Ex­per­tin für Strick- und in­no­va­ti­ves Pro­dukt­de­sign an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein. Dort hat The­re­sa Brink­mann ex­pe­ri­men­tiert. Sie hat zwei Tech­ni­ken ver­bun­den, Strick und Ul­tra­schall­schwei­ßen. Die neue Fü­ge­tech­no­lo­gie soll un­ter an­de­rem ver­hin­dern, dass an­de­re, nicht bio­lo­gisch ab­bau­ba­re Ma­te­ria­li­en, ein­ge­setzt wer­den müs­sen. Die Nach­hal­tig­keit und den ho­hen tech­ni­schen Auf­wand bei der Ent­wick­lung sieht man dem Kleid nicht an. Dass es „fa­shionable“ist, springt ins Au­ge. Das Out­fit ist et­was für den be­son­de­ren Auf­tritt. „Das Kleid trägt sich gut, sieht su­per aus“und, The­re­sa Brink­mann macht ei­ne klei­ne Pau­se, „es hat ei­nen tol­len Griff.“Mo­de aus Hanf, Ju­te, Lei­nen, Bam­bus, Ten­cel, Wol­le oder in­no­va­ti­ve Ma­te­ria­li­en und Ver­fah­ren hei­ßen die Stich­wor­te im Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be in Ham­burg. In der Aus­stel­lung „Fast Fa­shion“zeigt das Haus die Mecha­nis­men von bil­lig pro­du­zier­ter Mas­sen­wa­re auf– und lenkt den Blick auf Al­ter­na­ti­ven: Slow Fa­shion. Da­bei ist al­lein der Ein­satz von Na­tur­pro­duk­ten kein Ga­rant für öko­lo­gisch ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Her­stel­lung. Gera­de Baum­wol­le schluckt in der Her­stel­lung ex­trem viel Was­ser. Auch der Preis lässt kaum Rück­schlüs­se auf ei­ne fai­re Ent­loh­nung der Nä­he­rin­nen, ge­schwei­ge auf die Ar­beits­be­din­gun­gen et­wa von Baum­woll­bau­ern zu: Von den 4,99 Eu­ro die ein „Fast Fa­shion-T-Shirt“kos­tet be­kommt die Nä­he­rin 13 Cent. Beim mitt­le­ren Preis­seg­ment von 29 Eu­ro pro Shirt sind es 18 Cent. Von den 19,90 Eu­ro des End­prei­ses ei­nes „Slow-Fa­shionShirts“hin­ge­gen er­hält die Nä­he­rin 60 Cent, rech­nen die Ham­bur­ger vor. „Wun­der­werk – mo­re than or­ga­nic“ver­spricht ein Düs­sel­dor­fer La­bel. Wer Je­ans, Shirts, leich­te Klei­der, auch ei­nen klas­si­schen Baum­woll­rock, ei­nen Swea­ter oder ei­ne Car­go-Ho­se sucht, wird fün­dig. „Wun­der­werk zeigt, dass gift­freie Pro­duk­ti­on nicht heißt, auf mo­di­sche Ef­fek­te ver­zich­ten zu müs­sen“, sagt Kirs­tin Bod­de. Die Um­welt­ex­per­tin ge­hört der Ju­ry des Bun­des­prei­ses Öko-De­sign an, die die Mar­ke aus­zeich­ne­te. Hin­ter dem La­bel ste­hen die De­si­gner Hei­ko Wun­der, An­na Brück­mann und Ju­dith Koch. Das Un­ter­neh­men bie­te kei­ne klei­ne Ni­schen­pro­duk­ti­on an, im Ge­gen­teil: Die „ab­so­lut öko­lo­gi­sche Mo­de­kol­lek­ti­on“ge­hö­re zu den we­ni­gen, die es in die Groß-Se­rie ge­schafft ha­ben, lobt die Ju­ry. Das Öko-Fa­shion-La­bel ver­zich­te fast ganz auf den Ein­satz erd­öl­ba­sier­ter Roh­stof­fe wie Po­ly­amid, Po­l­ya­cryl und Po­ly­es­ter. Statt­des­sen ver­wen­de es größ­ten­teils GOTS zer­ti­fi­zier­te Roh­stof­fe aus Deutsch­land und Eu­ro­pa. GOTS, der Glo­bal Or­ga­nic Tex­til Stan­dard, legt in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te Richt­li­ni­en un­ter an­de­rem zu Ma­te­ri­al und So­zi­al­stan­dards fest. Rund 20 000 Che­mi­ka­li­en wer­den glo­bal im tex­ti­len Be­reich ein­ge­setzt, sagt Frie­de­ri­ke von We­del-Par­low, Ex­per­tin für Nach­hal­tig­keit an der Kunst­hoch­schu­le für Mo­de, ES­MOD, in Berlin. Der Tex­til­sek­tor sei da­mit die Ein­zel­in­dus­trie mit dem größ­ten Che­mie-Ein­satz welt­weit. Für das De­si­gner Trio des aus­ge­zeich­ne­ten La­bels hieß das, zu­rück zu Hand­werk und Hand­ar­beit: Air­brush-Tech­nik und Sto­ne-wa­sh er­set­zen zum Bei­spiel das Bleaching mit Chlor. Slow fa­shion ist ein Ge­gen­ent­wurf zur fast fa­shion, der schnel­len Mo­de, die al­le 14 Ta­ge oder zwei Mo­na­te et­was Neu­es ver­spricht, kaum et­was kos­tet und mit­un­ter, nicht ein­mal ge­tra­gen, im Müll oder der Alt­klei­der­samm­lung lan­det. 1,2 Mil­lio­nen Ton­nen Alt­klei­der fal­len pro Jahr al­lein in Deutsch­land an. Slow fa­shion setzt auf Ent­schleu­ni­gung und mehr Ver­ant­wor­tung. Klei­der lei­hen, statt kau­fen hat „Klei­de­rei“zum Ge­schäfts­mo­dell ge­macht. In Ham­burg, auf St. Pau­li, ent­stand das Un­ter­neh­men. Thek­la Wilkening und Po­la Fen­del ha­ben das Pro­jekt 2012 ge­star­tet. Die bei­den ha­ben den „ne­ve­r­en­ding“Klei­der­schrank er­fun­den, den un­er­schöpf­li­chen Schrank. Ge­gen ei­ne mo­nat­li­che Ge­bühr kön­nen Mo­de­hung­ri­ge und/oder um­welt­be­wuss­te Kun­din­nen Klei­dungs­stü­cke aus­lei­hen. Das An­ge­bot be­steht aus Mo­del­len aus­ge­such­ter La­bels und De­si­gner, aus Vin­ta­ge Mo­de und eins­ti­gen

Mu­se­um lenkt den Blick auf die Al­ter­na­ti­ven

Lieb­lings­stü­cken oder Fehl­käu­fen, die Frau­en und Mäd­chen bei­steu­ern. Ver­kau­fen, tau­schen, ver­schen­ken – das ist das Ge­schäfts­mo­dell von „Kleiderkreisel“. „Wir ma­chen Se­cond­hand­Wa­re zur ers­ten Wahl“, heißt das Mot­to der Platt­form. Nicht erst am En­de der Ket­te, son­dern im Pro­duk­ti­ons­pro­zess greift das La­bel SI­CA ein. De­si­gne­rin Si­mo­ne Si­mo­na­to ar­bei­tet mit Hand­we­bern in Ban­gla­desch zu­sam­men. Ihr Know-how und die Hand­werks­tech­ni­ken vor Ort flos­sen in das Pro­jekt „Si­ca clip­ping up“ein. Die Weber, Frau­en und Män­ner, ver­wer­ten Jer­sey-Ab­fäl­le, so­ge­nann­te Clip­pings, die mas­sen­haft beim Zu­schnitt von Be­klei­dung ent­ste­hen. Das End­pro­dukt mit hö­he­rem Preis soll ei­nen bes­se­ren Lohn und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen brin­gen. Aus dem Ab­fall­pro­dukt sind un­ter an­de­rem ei­ne Lapt­op­ta­sche, ein Shop­per und Um­hän­ge­ta­schen ent­stan­den: for­men­reich und bunt, die per­fek­te Ver­bin­dung von Hand­werk und De­sign – „fa­shionable“.

Fo­to: © Tim Ils­kens/Brink­mann

Mo­disch und nach­hal­tig zu­gleich: Aus voll­stän­dig kom­pos­tier­ba­ren Tex­ti­li­en hat The­re­sa Brink­mann ein Kleid ent­wi­ckelt.

Fo­to: © Bun­des­preis Ecode­sign/wun­der­werk

Zur Kol­lek­ti­on, mit der Wun­der­werk den Bun­des­preis Ecode­sign hol­te, ge­hört die­ses Out­fit mit Je­ans.

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