Im Sa­lon­wa­gen durchs Höl­len­tor

Seit 25 Jah­ren durch­quert der Lu­xus­zug Ro­cky Moun­taineer Ka­na­das Ber­ge

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Hei­di Sie­fert

Ani­mal on the right si­de!“, tönt es durch den Laut­spre­cher und auf Kom­man­do ver­stum­men die Ge­sprä­che. Al­les eilt an die Fens­ter­front zur Rech­ten. Noch weiß man nicht, ob es sich beim an­ge­kün­dig­ten Tier um Hirsch, Ad­ler, Bi­ber, Elch oder gar ei­nen Bä­ren han­delt. Trotz­dem ist die Stim­mung auf­ge­regt ge­spannt, und je­der schaut kon­zen­triert nach drau­ßen, wo seit St­un­den Na­tur und Ein­sam­keit zu se­hen sind. Selbst die Zug­be­glei­ter, die schon un­zäh­li­ge Ma­le die­sen Ruf ver­nah­men, ma­chen Pau­se und spä­hen durch die Pan­ora­ma­schei­be. Die Sky­line von Ka­na­das West­küs­ten­Me­tro­po­le Vancouver im Rü­cken geht es auf ei­ne zwei­tä­gi­ge Fahrt mit­ten in die Ro­cky Moun­ta­ins. So, wie vor 25 Jah­ren bei der Jung­fern­fahrt des Ro­cky Moun­taineer. Nur dass da­mals al­les noch ei­ne Num­mer klei­ner war. Seit sich die viel­fach mit nam­haf­ten Prei­sen wie dem World Tra­vel Award aus­ge­zeich­ne­te Bah­n­er­leb­nis­rei­se zum Pu­bli­kums­ren­ner ge­mau­sert hat und die Be­sit­zer-Fa­mi­lie zum größ­ten pri­va­ten Rei­se­zu­gUn­ter­neh­men Nord­ame­ri­kas avan­ciert ist, be­ka­men die Wag­gons ei­nen neu­en, ele­gan­ten An­strich aus Dun­kel­blau und Gold und drin­nen im­mer mehr Kom­fort in mitt­ler­wei­le drei Klas­sen. Mehr als zwei Mil­lio­nen Gäs­te wa­ren schon un­ter­wegs. Flagg­schiff ist die Gold­le­af-Klas­se. 1995 ein­ge­führt, bie­tet sie Rei­sen­den noch ein biss­chen mehr als die an­de­ren: Vom ro­ten Tep­pich über frisch zu­be­rei­te­te À-la-car­te-Me­nüs mit drei Gän­gen bis zum Lu­xus­zim­mer an den Etap­pen­Or­ten. Das ganz gro­ße Plus ist aber die Aus­sicht. Hier sitzt man im ver­glas­ten Ober­ge­schoss und hat frei­en Blick auf das Land­schafts­ki­no. Bei New West­mins­ter wer­den zum ers­ten Früh­stück war­me Sco­nes mit Zimt und Mar­me­la­de ge­reicht. Zum ers­ten Mal geht es über den Fra­ser Ri­ver, dem die klas­si­sche Stre­cke des Ro­cky Moun­taineer 460 Ki­lo­me­ter bis Kam­loops folgt. Ir­gend­wann am frü­hen Abend soll der Zug dort ein­rol­len. Wann genau weiß kei­ner so rich­tig, denn der Gü­ter­ver­kehr hat Vor­rang. Aber es ist auch egal. Wer den Ro­cky Moun­taineer be­steigt, der tut das nicht, um mög­lichst schnell von A nach B zu ge­lan­gen. Er will den Weg mög­lichst in­ten­siv ge­nie­ßen. Ein nor­ma­les Ver­kehrs­mit­tel ist der Ro­cky Moun­ta­neer nicht. Das ge­mäch­li­che Tem­po – nie über 50 St­un­den­ki­lo­me­ter, das Wie­gen und Schau­keln auf den Glei­sen, die sonst nur Gü­ter­zü­ge be­nut­zen – lässt Zeit für die Na­tur­schön­hei­ten ent­lang des We­ges. Und es gibt im­mer et­was zu se­hen. Wahl­wei­se ge­müt­lich zu­rück­ge­lehnt im Ses­sel, vom Platz im Spei­se­wa­gen oder mit Fahrt­wind in den Haa­ren auf den klei­nen Bal­ko­nen zwi­schen den Wag­gons, die Ves­ti­bü­le ge­nannt wer­den. Hier riecht man auch das fri­sche Grün der Wäl­der. Man spürt auf der Haut die Gischt im Hell’s Ga­te, wo mehr als 909 Mil­lio­nen Li­ter Was­ser in der Mi­nu­te durch ei­ne 33,5 Me­ter en­ge Schlucht schie­ßen. Und in der Nä­he des Jack­ass Moun­tain, an dem wäh­rend des Gold­rauschs un­zäh­li­ge Maul­tie­re im un­weg­sa­men Ge­län­de den Tod fan­den, macht sich die tro­cke­ne Hit­ze aus Me­xi­ko be­merk­bar. Kar­ge Fels­wän­de ha­ben das üp­pi­ge Grün ab­ge­löst. Vor­bei an Ash­croft, das mit 25,4 Zen­ti­me­ter Nie­der­schlag im Jahr zu den tro­ckens­ten Ge­bie­ten Ka­na­das ge­hört, geht es nach Sa­vo­na, wo der 40 Ki­lo­me­ter lan­ge Kam­loops La­ke be­ginnt. Das 1812 als Han­dels­pos­ten ge­grün­de­te „Auf­ein­an­der­tref­fen­de Was­ser“Kam­loops, war be­reits vor sei­ner Zeit als Ver­kehrs­kno­ten­punkt ein Zen­trum der Secwe­pemc oder Shus­wap-In­dia­ner. Heu­te füh­ren schnur­ge­ra­de Stra­ßen durch die 100 000-Ein­woh­ner-Stadt. Am nächs­ten Mor­gen tren­nen sich die Stre­cken. Wäh­rend der vor­de­re Zug­teil Rich­tung Banff un­ter­wegs ist, nimmt der hin­te­re den Weg wei­ter nörd­lich nach Jasper. Di­cke Re­gen­wol­ken sind auf­ge­zo­gen. Dies­mal folgt der Zug dem Thomp­son Ri­ver. Bir­ken­wäl­der, Sumpf­land­schaft und ab und zu ein paar Häu­ser zie­hen vor­bei. Rau­er und ge­bir­gi­ger ist hier die Land­schaft. Am spä­ten Nach­mit­tag er­reicht der Zug das Städt­chen Jasper. Die Son­ne spitzt durch die Wol­ken. Und dann kommt ganz kurz nach­ein­an­der zwei­mal der Ruf durch den Laut­spre­cher: „Ani­mal on the left si­de!“Wie­der stür­zen al­le an die Fens­ter. Zu­erst ist es ein Elch, des­sen mäch­ti­ger Schä­del aus dem lan­gen Gras ragt. Dann, di­rekt vor den ers­ten Häu­sern Jas­pers, steht ein Bär nur we­ni­ge Me­ter vom Gleis. Kurz schaut er hoch. Ein Blick, den kei­ner ver­gisst, der ihn er­hascht hat.

Ele­gan­ter An­strich in Blau und Gold

Fo­to: Frei

Spek­ta­ku­lä­re Bahn­rei­se: Seit 25 Jah­ren ist der Lu­xus­zug Rock Moun­taineer un­ter­wegs. Er fährt von Vancouver nach Banff oder Jasper. Mehr als zwei Mil­lio­nen Gäs­te wa­ren mit ihm schon un­ter­wegs und ent­deck­ten die Schön­heit der ka­na­di­schen Land­schaft.

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