Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Man­che Men­schen sind Na­tur­ta­len­te in Sa­chen Small Talk. Ei­ne in­stinkt­si­che­re Be­mer­kung – und schon be­fin­den sie sich mit­ten im mun­te­ren Ge­spräch mit Leu­ten, die sie nie zu­vor ge­se­hen ha­ben. An­de­re wie mein al­ter Freund Steffen müs­sen sich zu sol­chen Plau­de­rei­en, die ei­gent­lich ganz zwang­los sein sol­len, re­gel­recht zwin­gen. Da­bei kann man die Kunst des Small Talks mü­he­los er­ler­nen. Das be­haup­ten zu­min­dest ein­schlä­gi­ge Rat­ge­ber. Auch Steffen sag­te dem chro­ni­schen Kloß in sei­nem Hals jetzt den Kampf an und be­sorg­te sich ein schlau­es Buch. Bloß nicht mit heik­len The­men wie Po­li­tik oder Re­li­gi­on an­fan­gen, hieß es im ers­ten Ka­pi­tel – ein gu­ter Ein­stieg sei viel­mehr ei­ne Be­mer­kung übers Wet­ter, weil da­zu je­der et­was sa­gen kann. Na ja, dach­te Steffen, ich kann’s ja mal ver­such­ten. Ei­ne lan­ge Schlan­ge am Bü­fett bot Ge­le­gen­heit zum Üben. Wie war das doch? „Mög­lichst po­si­tiv for­mu­lie­ren!“. Al­so nahm Steffen al­len Mut zu­sam­men, such­te vor­schrifts­mä­ßig Blick­kon­takt zu sei­nem Hin­ter­mann und sag­te: „Es gibt kal­tes Me­lo­nen­süpp­chen. Ei­ne ganz aus­ge­zeich­ne­te Idee bei die­ser Hit­ze, fin­den Sie nicht auch?“Doch, das fand der

Re­den wir vom Wet­ter

Hin­ter­mann auch. Und über das Wet­ter hat­te er ei­ni­ges zu sa­gen. Es war, als ob Steffen ei­ne Schleu­se ge­öff­net hät­te. Ex­tre­mer­eig­nis­se wie Hit­ze­wel­len, Stür­me und Stark­re­gen sei­en ja welt­weit er­heb­lich an­ge­stie­gen, doch dies sei vor al­lem auf die Zu­nah­me der Wer­te und der Vul­nera­bi­li­tät in sen­si­blen Re­gio­nen zu­rück­zu­füh­ren. Auf den ar­men Steffen pras­sel­ten wah­re Wort­flu­ten ein; je­der sei­ner Ver­su­che, auch mal was zu sa­gen, wur­de hin­weg­ge­schwemmt. Of­fen­bar war der Hin­ter­mann ein Kli­ma-Ex­per­te, doch von den Re­geln des Small Talks („Do­zie­ren ver­bo­ten“) hat­te er kei­ne Ah­nung. Und wäh­rend am Bü­fett das letz­te Me­lo­nen­süpp­chen ab­ge­räumt wur­de, er­fuhr Steffen, dass un­ser Kli­ma ein kom­ple­xes Sys­tem mit nicht-li­nea­rem Ver­hal­ten sei. Ich ha­be kei­ne Ah­nung, wie er den Schwa­dro­nie­rer ei­nen Abend lang er­tra­gen konn­te, oh­ne ein Don­ner­wet­ter los­zu­las­sen. Am nächs­ten Mor­gen hat Steffen je­den­falls so­fort das schlaue Buch her­vor­ge­kramt. Ka­pi­tel zwei – „Wie man ein Ge­spräch stil­voll be­en­det“. Be­vor er das nicht ge­le­sen hat, geht er nicht mehr aus dem Haus.

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