Di­gi­ta­li­siert: 900 000 Sei­ten aus Karls­ru­her Zei­tun­gen

Lan­des­bi­blio­thek macht 900 000 his­to­ri­sche Zei­tungs­sei­ten di­gi­tal zu­gäng­lich

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel http://di­gi­tal.blb-karls­ru­he.de

Am 14. Ju­li 1789 stürm­te das Volk von Pa­ris die Bas­til­le – acht Ta­ge spä­ter erst er­fuh­ren die Le­ser der „Karls­ru­her Zei­tung“von die­sen „son­der­ba­ren, trau­ri­gen Auf­trit­ten“. Al­ler­dings prang­te das Er­eig­nis, das ge­mein­hin als Auf­takt der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on be­trach­tet wird, we­der auf der Ti­tel­sei­te noch gab es ei­ne Schlag­zei­le, die die Auf­merk­sam­keit auf das Ge­sche­hen in Pa­ris ge­lenkt hät­te. Über­schrif­ten wa­ren in der Zei­tung, die­mit „Hoch­fürst­lich-Mark­gräf­li­chBa­di­schem gnä­digs­ten Pri­vi­le­gio“er­schien, nicht vor­ge­se­hen, nur et­was ein­ge­rück­te Orts- und Da­tums­an­ga­ben hal­fen dem Le­ser bei der Ori­en­tie­rung. Die da­ma­li­gen Zei­tungs­ma­cher gin­gen streng chro­no­lo­gisch vor: Zu­erst wa­ren die (noch) äl­te­ren Nach­rich­ten aus Stock­holm (vom 3. Ju­li), aus War­schau (4. Ju­li) und so wei­ter dran, bis end­lich auf der Sei­te 3 der Auf­ruhr in Pa­ris zur Spra­che kam – frei­lich in ei­ner Form, die in ei­nem ab­so­lu­tis­tisch re­gier­ten deut­schen Länd­chen ge­nehm er­schien. Bis vor we­ni­gen Ta­gen hät­te es or­dent­lich Mü­he be­rei­tet, her­aus­zu­fin­den, wann und wie die amt­li­che Karls­ru­her Zei­tung erst­mals über den Sturm auf die Bas­til­le be­rich­tet hat: Man muss­te im Ar­chiv oder in der Bi­b­lio­thek di­cke Zei­tungs­bän­de wäl­zen oder – kaum we­ni­ger auf­wen­dig – in Mi­kro­ver­fil­mun­gen re­cher­chie­ren. Ab so­fort aber kann man sich be­quem vom hei­mi­schen Com­pu­ter aus durch al­te, vor dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs er­schie­ne­nen Zei­tun­gen kli­cken: Die Ba­di­sche Lan­des­bi­blio­thek (BLB) hat die Karls­ru­her Zei­tung, das Karls­ru­her Tag­blatt, die Ba­di­sche Pres­se, den Ba­di­schen Be­ob­ach­ter und die Ba­di­sche Lan­des­zei­tung, die zu­ge­hö­ri­gen Beilagen so­wie ei­ni­ge klei­ne­re Blät­ter di­gi­ta­li­sie­ren las­sen: „Ins­ge­samt han­delt es sich um mehr als 900000 Sei­ten“, sagt Lud­ger Sy­ré, der Chef der BLB-Di­gi­ta­li­sie­rungwerk­statt. Kos­ten­lo­sen Zu­griff auf das neue An­ge­bot, das durch Gel­der aus dem Aus­bau­pro­gramm „Hoch­schu­le 2012“er­mög­licht wur­de, hat je­der­mann: Stu­den­ten, die für ih­re Ba­che­lor- oder Mas­ter­ar­beit re­cher­chie­ren, eben­so wie Wis­sen­schaft­ler, Hob­by­for­scher und Leu­te, die ein­fach Lust dar­auf ha­ben, in al­ten Zei­tun­gen zu stö­bern und zu er­fah­ren, wie re­gio­na­le Blät­ter un­ter­schied­li­cher po­li­ti­scher Cou­leur über lo­ka­le Er­eig­nis­se oder Ge­scheh­nis­se von welt­po­li­ti­scher Be­deu­tung be­rich­tet ha­ben. Was da­bei im Mo­ment noch fehlt, ist die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pres­se: „Der Füh­rer“, so hieß das in Karls­ru­he er­schie­ne­ne Na­zi-Blatt, steht als nächs­tes auf der Agen­da der Di­gi­ta­li­sie­rungs­werk­statt. Zu­dem soll noch der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen „Volks­freund“on­line ge­hen, um das po­li­ti­sche Mei­nungs­spek­trum je­ner Zeit mög­lichst kom­plett ab­zu­bil­den. Die jetzt in den Di­gi­ta­len Samm­lun­gen der BLB ab­ruf­ba­ren Zei­tun­gen sind sämt­lich zwi­schen 1784 und 1944 in Karls­ru­he er­schie­nen. Ei­ne Ga­ran­tie da­für, in­ner­halb die­ses Zei­t­raums je­de ge­wünsch­te Aus­ga­be zu fin­den, gibt es al­ler­dings nicht: We­gen Zer­stö­run­gen im Zwei­ten Welt­krieg weist die Über­lie­fe­rung der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek Lü­cken auf. Die­se konn­ten bei der Di­gi­ta­li­sie­rung weit­ge­hend, aber eben nicht 100-pro­zen­tig durch Be­stän­de des Karls­ru­her Stadt­ar­chivs ge­schlos­sen wer­den. Über ei­ne Ka­len­der­funk­ti­on kann man auf ein­zel­ne Zei­tungs­aus­ga­ben zu­grei­fen – doch der Ser­vice soll noch viel bes­ser wer­den, ver­spricht Lud­ger Sy­ré: Ein Voll-tex­ter­ken­nungs­pro­gramm, das in der La­ge ist, auch al­te Frak­tur­schrif­ten zu iden­ti­fi­zie­ren, er­mög­licht es dem­nächst, die ge­wal­ti­ge Da­ten­flut nach Stich­wör­tern zu durch­su­chen. Für die Aus­ga­ben, die wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs (1914 bis 1918) er­schie­nen sind, ist das hilf­rei­che Pro­gramm be­reits im Ein­satz, die üb­ri­gen Di­gi­ta­li­sa­te sol­len peu à peu fol­gen. Ernst Ot­to Bräun­che, der Lei­ter des Stadt­ar­chivs, be­zeich­net das neue BLBAn­ge­bot frei­lich schon jetzt als ei­nen „Quan­ten­sprung für die For­schung und die Nut­zer“.

Fo­tos: BLB

Die emp­find­li­chen Ori­gi­na­le der „Karls­ru­her Zei­tung“sind in di­cke Bü­cher ge­bun­den – jetzt kann man vom hei­mi­schen Com­pu­ter aus al­le er­hal­te­nen Aus­ga­ben die­ses Blat­tes von 1784 bis 1933 ein­se­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.