Am Ama­zo­nas des Nor­dens

Die Meck­len­bur­gi­sche Schweiz ist ein hü­ge­li­ger Land­strich

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Heidrun Braun

Es gibt da ei­nen klei­nen be­schau­li­chen Fle­cken Er­de mit­ten in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, der manch­mal über­se­hen wird. Zu Un­recht, denn der Land­strich im Nor­den der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te mit alm-ähn­li­chen Wie­sen­hän­gen, küh­len Bach­tä­lern und ver­streu­ten Städt­chen und Guts­dör­fern ist für die meis­ten Be­su­cher ei­ne wah­re Über­ra­schung. So muss es auch dem Erb­prin­zen Ge­org von Meck­len­burg-St­re­litz er­gan­gen sein, als er die fast schon ge­bir­gi­ge Re­gi­on 1811 ent­zückt als „Meck­len­bur­gi­sche Schweiz“be­zeich­ne­te. Die Ber­ge sind nicht all­zu hoch, da­für aber die Se­en um­so grö­ßer. Ei­ner von ih­nen ist der Kum­me­ro­wer See zwi­schen den Städ­ten Mal­chin und Dem­min. Er ist der viert­größ­te See im Bun­des­land und ver­eint Meck­len­burg mit Vor­pom­mern. Auf der Land­kar­te ha­ben die rund 33 Qua­drat­ki­lo­me­ter Was­ser­flä­che die Form ei­ner gro­ßen Ba­de­wan­ne. Hier tref­fen sich die drei Qu­ell­flüs­se der Pee­ne, die ab Ver­chen den mehr als 80 Ki­lo­me­ter lan­gen Weg in die Ost­see an­tritt. Von Ver­chen am Nord­ufer nach Gra­ve­lot­te am Ost­ufer führt ein ma­le­ri­scher Na­tur­lehr­pfad, der zu den schöns­ten in Meck­len­burg-Vor­pom­mern zählt. Der knapp drei Ki­lo­me­ter lan­ge Wan­der­weg ist mit ei­nem gel­ben Schmet­ter­ling mar­kiert und ver­läuft auf dem 37 Me­ter ho­hen Hochufer. Im Ge­gen­satz da­zu steht das Meck­len­bur­gi­sche Ufer. Dort deh­nen sich vor den Hö­hen­zü­gen der Meck­len­bur­gi­schen Schweiz wei­te Schilf- und Wie­sen­gür­tel aus. Um den Kum­me­ro­wer See her­um gibt es ei­nen rund 50 Ki­lo­me­ter lan­gen Rad­weg. Ei­ne schö­ne Ra­d­rund­tour führt von Neu­ka­len am We­st­ufer des Sees nach Dar­gun. Auf dem 25 Ki­lo­me­ter lan­gen Weg ra­delt man durch wei­te Wie­sen und schö­ne Bu­chen­wäl­der. Schon nach zwei Ki­lo­me­tern lohnt sich ein Stopp am Be­ob­ach­tungs­turm am Wal­des­rand. Von hier blickt man weit in das Na­tur­schutz­ge­biet „Mo­or­wie­sen“und hat ei­ne gu­te Chan­ce, Kra­ni­che zu se­hen, die hier ih­ren be­vor­zug­ten Brut­platz ha­ben. In Dar­gun be­ein­dru­cken die mäch­ti­gen Mau­ern der Klos­ter- und Schloss­an­la­ge, die im Som­mer die Ku­lis­se für vie­le Kon­zer­te und Ver­an­stal­tun­gen ist. Im Klos­ter­la­den bie­tet Klos­ter­vogt Hart­wig re­gio­na­le Spe­zia­li­tä­ten aus Meck­len­bur­gVor­pom­mern feil. Ei­ne be­son­de­re Köst­lich­keit sind die haus­ge­mach­ten Scho­ko­trüf­fel, die wie die Na­tur­kos­me­tik und das Kunst­hand­werk in Hand­ar­beit und in klei­nen Auf­la­gen von Künst­lern und Hand­wer­kern der Re­gi­on her­ge­stellt wer­den. Ein Klos­ter­li­kör fehlt auch nicht, der nach von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­be­nen Re­zep­ten her­ge­stellt wird. Die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on geht bis ins 14. Jahr­hun­dert auf den ein­fluss­rei­chen Klos­ter­vogt Hart­wi­cus zu­rück, um den sich ei­ne mys­te­riö­se Mord­ge­schich­te rankt. Auf dem Rück­weg lohnt sich ein Ab­ste­cher nach Aal­bu­de, wo es nur ei­nen Weg über die Pee­ne gibt: ei­ne klei­ne Per­so­nen­fäh­re. Rü­di­ger Ne­u­mann steu­ert sie seit vie­len Jah­ren auf dem 20 Me­ter lan­gen Weg von Ufer zu Ufer. Bei Aal­bu­de be­ginnt der Gro­ße Ro­sin, ei­ne Mo­or­land­schaft, die re­na­tu­riert wird und ein Pa­ra­dies für Was­ser­vö­gel ge­wor­den ist. Ei­ne Stra­ße für Fahr­rad­fah­rer und Fuß­gän­ger führt di­rekt hin- durch. Vom Aus­sichts­turm hin­ter der Aal­bu­der Gast­stät­te, die für ih­re fri­schen Fisch­ge­rich­te und die schö­ne Ter­ras­se am Fluss be­rühmt ist, steht auch ein Aus­sichts­turm für ei­nen ers­ten Blick über den Gro­ßen Ro­sin. Die Per­spek­ti­ve auf die Land­schaft wech­selt, wenn man sich aufs Was­ser be­gibt. Am Nord­ufer in Ver­chen – das ist schon Vor­pom­mern – ist die Ka­nu­sta­ti­on von In­go Ernst ein idea­ler Aus­gangs­punkt für Tou­ren auf dem Kum­me­ro­wer See oder auf der Pee­ne. Aus­ge­rüs­tet mit Schwimm­wes­ten und Pack­sä­cken be­ginnt ei­ne der schöns­ten Ta­ges­tou­ren vom Kum­me­ro­wer See in die Dreis­trom­stadt Dem­min, denn dort ge­sel­len sich auch Tre­be und Tol­len­se zur Pee­ne. Am En­de der Tour war­tet In­go Ernst in Dem­min und bringt die Padd­ler zu­rück nach Ver­chen. Auf der 15 Ki­lo­me­ter lan­gen Etap­pe ist nach dem Start am Strand des Sees schon nach 400 Me­tern die Pee­ne er­reicht und bald er­in­nern die Er­len mit ih­ren Luft­wur­zeln an Man­gro­ven­wäl­der, die der Pee­ne den Bei­na­men „Ama­zo­nas des Nor­dens“ein­ge­bracht ha­ben. Ob­wohl sie ei­ne Bun­des-Was­ser­stra­ße ist, wer­den Ka­nu­fah­rer hier nicht von Last­käh­nen be­hel­ligt. Fast ist es hier, wo Bi­ber, Eis­vo­gel Fisch- und See­ad­ler ihr Re­vier ha­ben. In­go Ernst steht mit ih­nen auf gu­tem Fuß und weiß von vie­len Tou­ren, wo sie woh­nen oder sich gern auf­hal­ten. „Wenn man viel Glück hat, pas­siert es auch, dass Bi­ber und Reh­bock gleich­zei­tig vor dem Boot durch die Pee­ne schwim­men“, er­zählt der 32-Jäh­ri­ge. Auf abend­li­chen Na­tur­er­leb­nis­tou­ren per Boot zeigt er sei­nen Gäs­ten, wo die Tie­re zu Hau­se sind.

Gel­ber Schmet­ter­ling mar­kiert Na­tur­pfad

Meck­len­bur­gi­sche Se­en­plat­te., Turn­platz 2, 17207 Rö­bel/Mü­ritz, Te­le­fon (03 99 31) 53 80, www.meck­len­bur­gi­sche-se­en­plat­te.de

Fo­to: srt

Im Nor­den der Se­en­plat­te: Un­wirk­lich ein­sam und still geht es an der Pee­ne zu, vor al­lem am frü­hen Mor­gen, wenn die auf­ge­hen­de Son­ne den Fluss in ein ge­heim­nis­vol­les Licht taucht. Hier gibt es Bi­ber, Eis­vo­gel und Fi­sch­ad­ler.

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