Fas­zi­nie­rend: Die Welt der Fle­der­mäu­se

Der SONN­TAG hat zwei Fle­der­m­aus­for­sche­rin­nen be­glei­tet

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Me­la­nie Schnau­fer Im neu­en Exo­ten­haus des Karls­ru­her Zoos kön­nen Be­su­cher die Tie­re in der Fle­der­maus­grot­te haut­nah er­le­ben.

Ein lei­ses Flat­tern in der Dun­kel­heit, das Netz vi­briert – die klei­ne Mü­cken­fle­der­maus ist in die Fal­le ge­gan­gen und hängt zap­pelnd in den fei­nen Ma­schen. Mit kräch­zen­dem Ge­me­cker bringt sie ih­re Un­zu­frie­den­heit zum Aus­druck, doch Li­sa lässt sich da­von nicht be­ein­dru­cken. Mit ei­ner ge­üb­ten Be­we­gung, die Fin­ger ge­schützt durch Hand­schu­he, greift sie nach dem Nacht­schwär­mer und be­freit ihn vor­sich­tig. Schnell steckt sie die Fle­der­maus in ein gel­bes Säck­chen und hängt es an ei­nen na­hen Ast, an dem be­reits fünf wei­te­re ver­däch­tig zap­peln­de Beu­tel bau­meln. Wie­der wa­ckelt das Netz – im Licht der Ta­schen­lam­pe brei­tet ein Mau­s­ohr sei­ne Schwin­gen aus. Wenn an­de­re in den Fei­er­abend star­ten, fängt die Ar­beit für Li­sa Söhn und ih­re Kol­le­gin An­na Le­na Schulz erst rich­tig an. Zum Wohl der Fle­der­maus sind die bei­den Bio­lo­gin­nen in den Abend­stun­den in Wäl­dern in ganz Ba­den-Würt­tem­berg un­ter­wegs. „Wir sind un­ab­hän­gig und er­stel­len neu­tra­le Gut­ach­ten“, be­schreibt Li­sa ih­re Ar­beit im „Fle­der­maus­team“des In­sti­tuts für Um­welt­stu­di­en in Hei­del­berg. „Ein­grif­fe in die Na­tur, zum Bei­spiel das Asphal­tie­ren gro­ßer Flä­chen, das Ab­hol­zen von Wäl­dern oder der Bau von Wind­kraft­an­la­gen, kön­nen sich ne­ga­tiv auf den Le­bens­raum vie­ler Tie­re aus­wir­ken“, schil­dert die 31-Jäh­ri­ge. Fle­der­mäu­se sind in Deutsch­land streng ge­schützt – und hier kom­men die bei­den jun­gen Frau­en ins Spiel. Sie er­for­schen, wo wel­che Fle­der­maus­ar­ten ja­gen und in wel­chen Ge­bie­ten sie sich an­ge­sie­delt ha­ben. „Wir stel­len die Kon­se­quen­zen für die Tie­re dar, ge­ben Emp­feh­lun­gen oder zei­gen Al­ter­na­ti­ven auf“, er­gänzt An­na. Wäh­rend im Eli­sa­be­then­wörth bei Det­ten­heim tags­über das Kin­der­la­chen des na­hen Wald­klas­sen­zim­mers durch den Wald tönt, ver­wan­delt sich das Na­tur­schutz­ge­biet bei Son­nen­un­ter­gang zu ei­nem stim­mungs­vol­len Schau­platz – die gro­ßen Bäu­me wer­fen un­heim­li­che Schat­ten, klei­ne Frö­sche hüp­fen über die Lich­tung, Schna­ken schwir­ren um­her. Et­wa zehn schwar­ze Ny­lon­net­ze bau­en die jun­gen Frau­en auf, vie­le quer über Wald­we­ge ge­spannt. „Fle­der­mäu­se ori­en­tie­ren sich an li­nea­ren Struk­tu­ren und flie­gen ger­ne an He­cken und Wald­rän­dern ent­lang“, weiß An­na. Die Tie­re se­hen so­zu­sa­gen mit den Oh­ren, denn sie flie­gen und ja­gen In­sek­ten mit Hil­fe der Echo-Or­tung. Da­bei sto­ßen sie stän­dig Ul­tra­schall­tö­ne aus, die so hoch sind, dass sie vom mensch­li­chen Ohr nicht wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen. Tref­fen die­se Tö­ne auf ein Hin­der­nis, wer­den sie zu­rück­ge­wor­fen; die Fle­der­maus kann das Echo hö­ren und aus­wei­chen. „Ken­nen die Tie­re die Um­ge­bung, or­ten sie je­doch in grö­ße­ren Ab­stän­den und ihr Ri­si­ko, im Netz zu lan­den, steigt“, er­klärt die 27-Jäh­ri­ge. „Die Nacht­ar­beit schlaucht ir­gend­wann“, ver­rät An­na, aber „es macht auch un­glaub­lich viel Spaß, denn Fle­der­mäu­se sind ein­fach tol­le Tie­re.“Au­ßer­dem be­sit­zen sie vie­le er­staun­li­che Fä­hig­kei­ten. Sie kön­nen zum Bei­spiel oh­ne Kraft­an­stren­gung kopf­über hän­gen und da­bei so­gar schla­fen, denn dank ih­rer be­son­de­ren Kral­len­seh­nen fal­len sie nicht her­un­ter. „Ein Säu­ge­tier, das flie­gen kann, das ist to­tal cool“, schwärmt auch Li­sa. Be­hut­sam nimmt sie ei­ne der Fle­der­mäu­se aus dem Säck­chen, er­mit­telt Art, Ge­schlecht und Ge­wicht, misst die Un­ter­arm­län­ge und sucht die Flü­gel nach Mil­ben ab. Al­le Da­ten wer­den sorg­fäl­tig in ei­ne Ta­bel­le ein­ge­tra­gen. Streicht man über das flau­schi­ge Fell der Fle­der­maus fühlt es sich ganz weich an. Mit ih­ren lan­gen Oh­ren und den spit­zen Zähn­chen sieht sie aus wie ein klei­ner Ko­bold. Als Er­ken­nungs­merk­mal be­kommt der Nacht­schwär­mer ei­nen Klecks Na­gel­lack auf die vor­de­re Kral­le und wird frei­ge­las­sen – „geht er ein zwei­tes Mal ins Netz, muss er die Un­ter­su­chung nicht noch ein­mal mit­ma­chen“, er­läu­tert Li­sa. Mit Stirn­lam­pe aus­ge­rüs­tet, kon­trol­lie­ren die Bio­lo­gin­nen in der Dun­kel­heit ab­wech­selnd die Net­ze und un­ter­su­chen die ein­ge­fan­ge­nen Fle­der­mäu­se – manch­mal bis 6 Uhr mor­gens. Be­son­ders in­ter­es­sant ist für die bei­den Fle­der­maus­ex­per­tin­nen das Auf­spü­ren der Wo­chen­stu­ben. „So nennt man Quar­tie­re, in de­nen die Weib­chen im Früh­jahr zu­sam­men­fin­den, um ih­re Jun­gen auf die Welt zu brin­gen und auf­zu­zie­hen“, ver­rät Li­sa. Die­se Wo­chen­stu­ben um­fas­sen je nach Art meist fünf bis 50 Mut­ter­tie­re – manch­mal so­gar meh­re­re hun­dert. „Um sie zu fin­den, ver­se­hen wir ei­ni­ge Fle­der­mäu­se mit ei­nem Sen­der“, fährt sie fort. Mit ei­nem Emp­fän­ger, der mit ei­ner gro­ßen, auf­fäl­li­gen An­ten­ne ver­bun­den ist, ver­su­chen die For­sche­rin­nen die Tie­re und ih­re Quar­tie­re auf­zu­spü­ren. Manch­mal schnal­len sie die An­ten­ne auch ein­fach aufs Dach ih­res Klein­trans­por­ters und fah­ren da­mit durch die Stra­ßen. Da­bei er­re­gen sie ei­ni­ge Auf­merk­sam­keit: „Wir wer­den manch­mal rich­tig an­ge­starrt“, be­rich­tet Li­sa la­chend. „Ich glau­be, die Leu­te hal­ten uns dann für Spio­ne“. In Deutsch­land gel­ten 24 Fle­der­maus­ar­ten als hei­misch (die Zwerg­fle­der­maus kommt am häu­figs­ten vor), in Ba­denWürt­tem­berg 23. Vie­le Tie­re mö­gen es ger­ne eng und sit­zen in den kleins­ten Rit­zen, wie Baum­höh­len und (Fle­der­maus)-Nist­käs­ten, an­de­re zie­hen ge­räu­mi­ge Dach­bö­den vor. „Lei­der sind al­le Fle­der­maus­ar­ten stark be­droht“, be­klagt An­na, denn wenn al­te Ge­bäu­de ab­ge­ris­sen oder Bäu­me ge­fällt wer­den, ver­lie­ren die nacht­ak­ti­ven Tie­re ihr Zu­hau­se oder fin­den nicht mehr ge­nug Nah­rung. 15 Ex­em­pla­re ha­ben Li­sa und An­na in die­ser Nacht ein­ge­fan­gen, im Sep­tem­ber en­det die Sai­son. Wenn die Fle­der­mäu­se in der kal­ten Jah­res­zeit Win­ter­schlaf hal­ten, ar­bei­ten die bei­den im Bü­ro und wer­ten die ge­won­nen Da­ten aus. Doch im Früh­jahr, wenn die Tie­re wie­der ak­tiv wer­den, zieht es auch Li­sa und An­na zu­rück in die Na­tur – zur nächt­li­chen Fle­der­maus­jagd.

Ech­te De­tek­tiv­ar­beit: Man­che Fle­der­mäu­se tra­gen ei­nen Sen­der am Kör­per. Mit Hil­fe des Emp­fän­gers und der rie­si­gen An­ten­ne kann Li­sa die Tie­re in ih­rem Quar­tier auf­spü­ren.

Flau­schi­ges Fell und spit­ze Zähn­chen: Sel­ten hat man die Ge­le­gen­heit, die Mü­cken­fle­der­maus (links) und das Mau­s­ohr aus der Nä­he zu be­trach­ten.

An­na be­rei­tet al­les für die Fle­der­maus­jagd vor: So lan­ge es hell ist, bleibt das Netz zu­sam­men­ge­wi­ckelt, da­mit kei­ne Vö­gel hin­ein­flie­gen. Fo­tos (6) / Mon­ta­ge oben: Tanja Mo­ri Mon­tei­ro

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