Das Ge­fährt als Ge­fähr­te

Wenn der Bull­dog tu­ckert: Al­te Trak­to­ren sind für Män­ner je­den Al­ters at­trak­tiv

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Tho­mas Liebs­cher

Bernd Mein­zer ist Ban­ker bei der Spar­kas­se Karls­ru­he. Ein er­fah­re­ner Mann der Zah­len, ver­siert im Um­gang mit Pri­vat- und Fir­men­kun­den. Be­su­cher in sei­nem Bü­ro schau­en schon mal in­ter­es­siert auf drei Fahr­zeug­mo­del­le. Es sind Mi­nia­tur-Trak­to­ren der äl­te­ren Art. Sie deu­ten an, wo Bernd Mein­zer eben­falls gro­ße Fach­kennt­nis­se hat. Wenn die Ar­beits­ta­ge mit An­zug und Kra­wat­te hin­ter dem Lie­dols­hei­mer lie­gen, fährt er auf uri­ge Trak­to­ren ab, die min­des­tens 45 Jah­re alt sind. Zur Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on ge­hört es, dass bei den Mein­zers die Mar­ke Ha­no­mag ge­fah­ren wird. Al­so Schlep­per der Han­no­ver­schen Ma­schi­nen­bau AG, ab­ge­kürzt Ha­no­mag. Je äl­ter, des­to bes­ser. „Qua­si als Kat­ze im Sack ha­be ich mal ei­nen Ha­no­mag R 40 von 1947 er­stei­gert und in zwei Jah­ren wie­der fit ge­macht“, er­zählt Mein­zer. Die­ser le­gen­dä­re Trak­tor mit den weit ge­schwun­ge­nen Ab­de­ckun­gen der Rä­der und dem qua­dra­ti­schen Küh­ler­grill ist bei Aus­fah­ren und Tref­fen ein viel um­schwärm­ter Old­ti­mer. Wie Mein­zer sind über­all in der Re­gi­on Män­ner vom Trak­tor­vi­rus, meist mit ge­wis­ser Mar­ken­treue, be­fal­len. In Scheu­nen ent­deck­te Fahr­zeu­ge von Fir­men wie Kra­mer, Deutz oder Fendt wer­den wie­der fit ge­macht. Für klei­ne­re land­wirt­schaft­li­che Ar­bei­ten oder ein­fach, um stolz und sehr lang­sam aus­zu­fah­ren. Die Trak­tor­fans le­sen die Zeit­schrift „Schlep­per­post“und ge­nie­ßen es, an den Ma­schi­nen aus den 50er und 60er Jah­ren noch selbst schrau­ben zu kön­nen. An vie­len Or­ten ha­be sich in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren Ver­ei­ni­gun­gen von Trak­tor­freun­den ge­grün­det. In Det­ten­heim-Lie­dols­heim le­ben und tref­fen sich be­son­ders vie­le Gleich­ge­sinn­te. Lud­wig Wes­ten­fel­der hat die „In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Freun­de al­ter Land­ma­schi­nen“(IG FAL) mit be­grün­det. Der frü­he­re Fahr­zeug­schlos­ser und Werk­meis­ter ging im Ort her­um, klopf­te an Hof­to­re und mach­te ei­ne Be­stands­auf­nah­me von his­to­ri­schen Schät­zen. „Ich ha­be al­le er­mun­tert, sich in lo­cke­rer Ge­mein­schaft zu tref­fen und bei Aus­fahr­ten zu prä­sen­tie­ren. Bei uns sind in­zwi­schen Trak­tor­freun­de aus der gan­zen Re­gi­on da­bei“, sagt Wes­ten­fel­der stolz. Zu sei­nem ei­ge­nen Fuhr­park ge­hö­ren ein Hol­der, ein Bautz, ein Unimog von 1955 und zwei Old­ti­mer mit dem le­gen­dä­rem Na­men Bull­dog. Der Bull­dog ist in Süd­deutsch­land zu ei­nem Syn­onym für Trak­tor ge­wor­den – wie Tem­po für Pa­pier­ta­schen­tuch. Die Mann­hei­mer Fir­ma Lanz bau­te Bull­dogs von 1921 bis 1957. Der Na­me soll tat­säch­lich von der Ähn­lich­keit des ers­ten Fahr­zeugs mit ei­ner Bull­dog­ge kom­men. Nicht satt hö­ren kann sich Lud­wig Wes­ten­fel­der am Tu­ckern sei­nes Bull­dog D 16 16 Ein­ak­ter mit 16 PS. Der ori­gi­nal blaue Trak­tor ver­fügt über ei­nen lan­gen in die hö­he stre­ben­den Aus­puff ne­ben dem Sitz. „Wenn ich im Hof sit­ze und ein Schlep­per fährt drau­ßen vor­bei, weiß ich genau, oh­ne dass ich ihn se­he, wel­cher das ist – und mei­nen Mit­strei­tern geht es ge­nau­so“, schmun­zelt der lang­jäh­ri­ge „Mo­tor“der IG FAL. Am nächs­ten Wo­che­n­en­de prä­sen­tie­ren sich die Lie­dols­hei­mer beim Bull­dog-Tref­fen auf dem Bir­ken­hof na­he der Kart-Bahn. Bir­ken­hof-Land­wirt Si­gurd Zim­mer­mann ge­nießt nach har­ten Ar­beits­ta­gen selbst die Lang­sam­keit und Ein­fach­heit der al­ten Bau­ern­schlep­per. „Das Ge­fühl ist ein­fach gut. Man ist froh, Zeit zu ha­ben beim Fah­ren und sich um­schau­en zu kön­nen bei Aus­fahr­ten.“Es ist nicht nur Nost­al­gie, wenn es ganz un­ter­schied­li­che Män­ner auf den Fah­rer­sitz zieht. Vie­le wis­sen aus der Ju­gend, wie schwer die Ar­beit in der Land­wirt­schaft sein kann. Viel­leicht war es ein Kindertraum, selbst am Steu­er zu sit­zen und trotz­dem bo­den­stän­dig zu blei­ben. Es fas­zi­niert wohl die be­frie­di­gen­de Ver­bin­dung von Ar­beit in der Na­tur und Tech­nik im freund­li­chen Maß. Au­ßer­dem ist je­der Trak­tor ein ganz ei­ge­ner Typ. Mit Ecken und Kan­ten, Rauch und Röh­ren. Mehr Ge­fähr­te der Fah­rer als nur Ge­fährt. Und Ge­fähr­ten kann man ja ei­ni­ge brau­chen. Die Part­ne­rin­nen müs­sen nicht ei­fer­süch­tig sein. Auch wenn sie den Kopf schüt­teln, weil mal wie­der Platz fürs nächs­te an­ge- schlepp­tes Fahr­zeug be­nö­tigt wird. Sehr teu­er müs­sen sie nicht sein. Es gibt ei­ni­ge Trak­to­ren auf dem Markt. Aber: je we­ni­ger PS, des­to teu­rer! Die Be­schaf­fung von Er­satz­tei­len ist leich­ter ge­wor­den, sa­gen die Spe­zia­lis­ten. Man­che mö­gen die Pa­ti­na am Trak­tor, an­de­re las­sen ihn glän­zen. Bei den „Schlep­per­und Old­tim­er­freun­den vor der Hor­nis­grin­de“bei­spiels­wei­se wie beim „Bull­dog-Old­ti­mer-Team“Walz­bach­tal. Die schö­ne Män­ner-Krank­heit Trak­to­ri­tis ist weit ver­brei­tet.

Blick un­ter die Hau­be: Der jun­ge Mar­kus Saut­ter be­schaut sich das In­nen­le­ben sei­nes Kra­mer-Trak­tors.

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