Sein wah­res Ge­sicht

Le­bend­mas­ke des Zwei­ra­der­fin­ders über­dau­er­te in Pa­ri­ser Mu­se­ums­kel­ler

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Zwei Spei­chen­rä­der, ein Len­ker, ein wuch­ti­ger Rah­men und ein tief ge­le­ge­ner Sitz: Mit dem Bau ei­nes Lauf­rads be­gann 1817 in der Fä­cher­stadt die Ge­schich­te der Fahr­rad­fah­re­rei. Wie ei­ne Holz­d­rai­si­ne aus­sieht, weiß in Karls­ru­he heu­te je­des Kind. Doch wie sah ei­gent­lich ihr Er­fin­der aus, der lan­ge Zeit ver­kann­te Mo­bi­li­tät­spio­nier Karl Drais? So wie die Büs­te des DraisDenk­mals auf dem Grün­strei­fen an der Bei­ert­hei­mer Al­lee je­den­falls nicht. Denn das vom Münch­ner Künst­ler Theo­dor Haf im Jah­re 1893 er­schaf­fe­ne St­ein­bild­nis hat in Wirk­lich­keit kei­ner­lei Ähn­lich­keit mit dem be­kann­tes­ten Fahr­rad­pio­nier, sagt Hans-Er­hard Les­sing. Der Tech­nik­his­to­ri­ker und Drais-Bio­graf hat sich in­ten­siv mit der Ge­schich­te des Lauf­ra­der­fin­ders aus­ein­an­der­ge­setzt und ver­weist auf ei­ne kürz­lich ent­deck­te Ge­sichts­mas­ke von Karl Drais. In ei­ner Aus­stel­lung im Foy­er der BBBank-Zen­tra­le in Karls­ru­he kann man der­zeit das wah­re Ge­sicht des Zwei­ra­der­fin­ders se­hen. Die Ge­schich­te der Mas­ke führ­te Les­sing in die fran­zö­si­sche Haupt­stadt. Fast zu­fäl­lig war näm­lich der fran­zö­si­sche Wein­bau­er und Fahr­rad­samm­ler Clau­de Reyn­aud auf ei­nen al­ten Mu­se­ums­füh­rer ge­sto­ßen, in dem er ei­nen Ge­sichts­ab­guss von ei­nem „Ba­ron de Drais“ent­deck­te, der sich dem Be­gleit­text zu­fol­ge mit macha­ni­schen Kon­struk­tio­nen be­schäf­tig­te und „ge­nia­le Ge­rä­te“rea­li­sier­te. Reyn­aud fand her­aus, dass die Le­bend­mas­ke von Karl Drais An­fang des 19. Jahr­hun­derts von dem ge­bür­ti­gen Ba­de­ner Fran­zJo­seph Gall an­ge­fer­tigt wur­de. Der war sei­ner­zeit ein re­nom­mier­ter Hirn­for­scher und ließ Gips­mas­ken von den klügs­ten Köp­fen sei­ner Zeit an­fer­ti­gen. Wahr­schein­lich wur­de der Ab­druck von Drais 1818 in Pa­ris an­ge­fer­tigt. Im Kel­ler des dor­ti­gen Mu­sée de l’Hom­me fand sich die et­was an­ge­staub­te Büs­te. Ei­ne Ko­pie der Mas­ke ist ne­ben ei­nem Nach­bau der Ori­gi­nal Drai­si­ne nun der Blickfang der Aus­stel­lung „Karl Drais – Er­fin­der, Be­am­ter und De­mo­krat“. Die Idee zu der Schau über das Le­bens­werk ei­nes der be­rühm­tes­ten Söh­ne der Fä­cher­stadt hat­te Mar­tin Hau­ge. Der Chef ei­nes Fahr­rad­la­dens ist be­ken­nen­der Drais-Fan und fand zum 300. Stadt­ge­burts­tag ei­ne Aus­stel­lung rund um das Le­bens­werk des Lauf­ra­der­fin­ders mehr als an­ge­mes­sen. Weil das Stadt­mar­ke­ting das Fahr­rad und sei­nen Er­fin­der erst 2017, wenn die Drai­si­ne 200 Jah­re alt wird, in Sze­ne set­zen woll­te, nahm Hau­ge die Sa­che selbst in die Hand und hol­te sich zur Un­ter­stüt­zung den re­nom­mier­ten Drais-For­scher Les­sing mit ins Boot. Von Stadt­mu­se­ums­di­rek­tor Pe­ter Pretsch und Ernst Ot­to Bräun­che, dem Lei­ter des Stadt­ar­chiv und der städ­ti­schen his­to­ri­schen Mu­se­en, gab es Lob für die Kon­zep­ti­on der Aus­stel­lung. Al­ler­dings kün­dig­te Bräun­che auch an, dass es nun ver­mut­lich kei­ne städ­ti­sche Drais-Aus­stel­lung bei den Hei­mat­ta­gen 2017 mehr ge­ben wer­de. Hau­ge wer­tet das als Re­tour­kut­sche für sei­ne bis­si­ge An­spra­che und Sei­ten­hie­be in Rich­tung Stadt­ver­wal­tung bei der Aus­stel­lungs­er­öff­nung. Aber um das An­den­ken an Karl Drais zu be­wah­ren, hat der Fahr­rad­händ­ler noch wei­te­re Ide­en ent­wi­ckelt. In der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek, der BBBank und im Ca­fé Pa­la­ver gibt es „Drais-Les­ecken“mit den Les­sing-Bü­chern über Karl Drais. Und ge­mein­sam mit dem Tex­ter Ge­org Veit schrieb Hau­ge das halb­stün­di­ge Stück „Carl und Carl oder wenn die bei­den sich heu­te trä­fen“, das im Stadt­ge­burts­tags­pa­vil­lon Pre­mie­re fei­er­te und künf­tig auch in Schu­len oder Ju­gend­ein­rich­tun­gen ge­spielt wer­den soll. Im Stück schlüp­fen Hau­ge und Veit in die Rol­len der Karls­ru­her Mo­bi­li­tät­spio­nie­re Carl Benz und Karl Drais und lie­fern sich ein iro­ni­sches Wort­ge­fecht über den Stel­len­wert ih­rer Er­fin­dun­gen in der heu­ti­gen Zeit. Als Benz ent­schul­digt sich Hau­ge beim Lauf­ra­der­fin­der für die von Au­tos über­fah­re­nen Rad­ler und stellt kri­ti­sche Fra­gen. Et­wa, war­um die Denkmäler der bei­den be­rühm­ten Söh­ne Karls­ru­hes an der Bei­ert­hei­mer Al­lee ein Schat­ten­da­sein fris­ten müs­sen? Oder war­um die Stadt in ih­rem Ge­burts­tags­jahr dem Au­to­er­fin­der Benz ei­ne Old­ti­mer-Pa­ra­de als Tri­but wid­me­te, die Er­in­ne­rung an Drais je­doch erst in zwei Jah­ren bei den Hei­mat­ta­gen hoch­ge­hal­ten wer­den soll­te?

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