Knig­ge lässt grü­ßen

Vom phi­lo­so­phi­schen Werk zur prak­ti­schen Ben­imm-Fi­bel: Gu­te Um­gangs­for­men ste­hen wie­der hoch im Kurs

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Ei­gent­lich ver­dankt „Der Knig­ge“sei­nen Er­folg ei­nem Miss­ver­ständ­nis: Das Werk von Adolph Frei­herr von Knig­ge (1752–1796) gilt als das Ben­imm-Buch schlecht­hin. Doch über den Um­gang mit Mes­ser und Ga­bel ließ sich der his­to­ri­sche Knig­ge gar nicht aus. Viel­mehr woll­te der Frei­mau­rer mit dem Buch „Über den Um­gang mit Men­schen“ei­ne prak­ti­sche Le­bens­phi­lo­so­phie bie­ten – und die Zie­le der Auf­klä­rung ver­brei­ten. Das 1788 er­schie­ne­ne Werk, das da­zu die­nen soll­te, „in die­ser Welt und in Ge­sell­schaft mit an­de­ren Men­schen glück­lich und ver­gnügt zu le­ben und sei­ne Ne­ben­men­schen glück­lich und froh zu ma­chen“, wur­de ein Best­sel­ler. Wer heu­te ei­nen „Knig­ge“kauft (es gibt wel­che von al­len mög­li­chen Au­to­ren und für na­he­zu je­de Le­bens­la­ge) er­war­tet in der Re­gel kei­ne welt­an­schau­li­che Schrift, son­dern ein prak­ti­sches Hand­buch über gu­tes Be­neh­men. Ei­ne sol­che Ben­imm-Fi­bel ist auch „Der neue gro­ße Knig­ge“von Silke Schnei­der-Flaig, der in­zwi­schen in der 18. Auf­la­ge vor­liegt. Und doch spürt man in dem flott auf­ge­mach­ten Buch mit vie­len To-do- und Ta­bu-Lis­ten ein biss­chen vom Geist sei­nes Na­mens­ge­bers: Letzt­lich dreht sich auch hier al­les dar­um, dass Leu­te un­ter­schied­li­chen Stan­des und un­ter­schied­li­cher Her­kunft so rei­bungs­los und an­ge­nehm wie mög­lich mit­ein­an­der um­ge­hen soll­ten – im Pri­vat­le­ben eben­so wie im Be­ruf, wo ein ge­wand­tes Auf­tre­ten, an­ge­mes­se­ne Klei­dung und stil­si­che­re Mails durch­aus kar­rie­re­för­dernd wir­ken. Rich­ti­ges Grü­ßen und zeit­ge­mä­ße Tisch­ma­nie­ren – sol­che The­men ge­hö­ren für Schnei­der-Flaig zu den Ben­imm-Ba­sics. Da­bei ver­säumt sie nicht, den Hin­ter­grund der Re­geln zu er­läu­tern – vie­le las­sen sich nicht nur his­to­risch, son­dern auch lo­gisch be­grün­den. So zeigt der­je­ni­ge, der ein Weiß­wein­glas am Stil an­fasst, nicht nur gu­ten Stil – er sorgt zu­gleich da­für, dass das ed­le Tröpf­chen nicht warm wird und an Ge­schmack ein­büßt. Wer die Ba­sics in­tus hat, wird im zwei­ten Ka­pi­tel mit den Fein­hei­ten gu­ter Um­gangs­for­men im Pri­vat­be­reich ver­traut ge­macht – Tipps gibt es für Ge­le­gen­hei­ten von der Par­ty bis zum Trau­er­fall. Dem „Ben­imm im Bu­si­ness“ist das drit­te Ka­pi­tel ge­wid­met. Das vier­te führt aufs in­ter­na­tio­na­le Par­kett. Zwar kann ein Hand­buch die­ser Art längst nicht al­le Fett­näpf­chen auf­zäh­len, in die Tou­ris­ten oder Ge­schäfts­rei­sen­de in den USA, im Na­hen Os­ten oder in Chi­na tap­pen kön­nen – aber es schafft zu­min­dest ein Be­wusst­sein da­für, dass man sich über die frem­de Kul­tur kun­dig ma­chen soll­te, ehe man ei­ne Rei­se un­ter­nimmt. Zu gu­ter Letzt kann man bei ei­nem „gro­ßen Ben­imm-Test“noch sein Wis­sen tes­ten – und stol­pert prompt über ei­nen Faux­pas, der wohl noch aus frü­he­ren Aus­ga­ben des „neu­en gro­ßen Knig­ge“her­rührt: Die Fra­ge, ob man sich im Re­stau­rant ei­ne Zi­ga­ret­te an­zün­den darf, wenn man mit lau­ter Nicht­rau­chern am Tisch sitzt, hat sich ja de­fi­ni­tiv er­üb­rigt. Und die Ant­wort, dass man zwi­schen den Gän­gen nur paf­fen soll­te, wenn es sich um ei­nen rei­nen Rau­cher­tisch han­delt, war vor­ges­tern mal rich­tig.

Silke Schnei­der-Flaig, Der neue gro­ße Knig­ge. Gu­tes Be­neh­men und rich­ti­ge Um­gangs­for­men, Com­pact Ver­lag, 18. Auf­la­ge, 352 Sei­ten, 12,99 Eu­ro.

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