Sehr vie­le Ver­lust­an­zei­gen

Karls­ru­he und Wein­bren­ners Bau­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Die Be­su­cher­zah­len sind hoch, die Füh­run­gen stark nach­ge­fragt und der Ka­ta­log ist in der Schau be­reits aus­ver­kauft: Die ak­tu­el­le Aus­stel­lung über den Ar­chi­tek­ten Fried­rich Wein­bren­ner in der Städ­ti­schen Ga­le­rie Karls­ru­he er­lebt ei­ne nicht un­be­dingt zu er­war­ten­de Re­so­nanz. Ob­wohl viel we­ni­ger Geld für Wer­bung zur Ver­fü­gung steht als bei­spiels­wei­se bei Gro­ßen Lan­des­aus­stel­lun­gen. „Vie­le Grup­pen ha­ben sich an­ge­mel­det, vie­le Schul­klas­sen wa­ren vor den Fe­ri­en da und un­se­re Räu­me sind kon­ti­nu­ier­lich gut be­sucht“, freut sich Ga­le­rie-Lei­te­rin Bri­git­te Baum­stark. Fried­rich Wein­bren­ner präg­te zwi­schen 1800 und 1826 das Ge­sicht Karls­ru­hes – und noch heu­te ist ei­ni­ges von sei­ner Haupt­stadt-Gestal­tung sicht­bar. Er mach­te aus dem jun­gen Städt­chen ei­ne Re­si­denz mit auch re­prä­sen­ta­ti­ven bür­ger­li­chen und kirch­li­chen Bau­ten – als Er­gän­zung zum ba­di­schen Re­gie­rungs­sitz, dem ba­ro­cken Schloss. Der Markt­platz mit der säu­len­rei­chen Stadt­kir­che und dem ge­gen­über­lie­gen­den Rat­haus gilt bis heu­te als gro­ßer Wurf. Nir­gend­wo sonst in Deutsch­land wur­de an­ti­ki­sie­ren­de Stadt­pla­nung so kon­se­quent um­ge­setzt. Über das ver­schwun­de­ne Ett­lin­ger Tor – ei­ne Mi­nia­tur­aus­ga­be des heu­ti­gen Bran­den­bur­ger Tors in Berlin – be­trat man ei­ne ar­chi­tek­to­ni­sche Pracht­mei­le. Karls­ru­he galt als ei­ne Haupt­stadt des Klas­si­zis­mus. Aber wie we­nig da­von bis heu­te ge­blie­ben ist, das er­staunt und schmerzt vie­le Be­su­cher der Aus­stel­lung. Denn sie stellt be­wusst frü­her und heu­te an­schau­lich ge­gen­über. Na­tür­lich litt Karls­ru­he un­ter gro­ßen Zer­stö­run­gen im Zwei­ten Welt­krieg 1939 bis 1945. Und na­tür­lich sind ei­ni­ge Wein­bren­ner-Fas­sa­den wie­der auf- ge­baut. Doch war­um wur­den prak­tisch kei­ne sei­ner In­nen­räu­me in ih­rer Ur­sprüng­lich­keit wie­der­her­ge­stellt und war­um ver­schwan­den so vie­le an­de­re Wein­bren­ner-Bau­ten? „Die Grund­stim­mung in Karls­ru­he nach 1945 war auf die Zu­kunft ge­rich­tet. Beim Wie­der­auf­bau ging es vor al­lem um Woh­nun­gen für die Men­schen. Karls­ru­he als re­la­tiv jun­ge Stadt soll­te für die neue Zeit und wirt­schaft­li­chen Er­folg er­tüch­tigt wer­den. Ge­dan­ken an die his­to­ri­sche Bau­sub­stanz wur­den hin­ten an­ge­stellt“. So ana­ly­siert es Ger­hard Ka­bier­s­ke vom Süd­west­deut­schen Ar­chiv für Ar­chi­tek­tur und In­ge­nieur­bau (saai) am KIT. Er hat zu­sam­men mit Joa­chim Klein­manns die Wein­bren­ner-Aus­stel­lung er­ar­bei­tet. We­der die ein­fluss­rei­chen Ar­chi­tek­ten noch die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen im Karls­ru­he der 1950er Jah­re setz­ten sich da­für ein, die ori­gi­na­len Raum­ge­stal­tun­gen Wein­bren­ners wie­der­her­zu­stel­len. Viel­leicht hät­te man da­mit war­ten kön­nen, bis an­de­re Bau­auf­ga­ben er­le­digt wa­ren. Aber der Blick ging nicht zu­rück, son­dern in die Ge­gen­wart – und das be­deu­te­te, wie in der Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che oder bei St. Ste­phan, ei­ne gänz­lich neue, mo­der­ne In­nen­ge­stal­tung. Au­ßer­dem wur­de an vie­len an­de­ren Stel­len das Wein­bren­ner-Er­be leicht­fer­tig dem Ver­fall über­las­sen und schließ­lich ab­ge­ris­sen. Das lässt sich am Mark­gräf­li­chen Pa­lais in der Karl-Fried­rich-Stra­ße zei­gen. Die Fas­sa­de am Ron­dell­platz steht heu­te noch, aber die Sei­ten­bau­ten sind weg­ge­fal­len. „Bei ei­nem Luft­an­griff 1942 brann­te das Pa­lais aus. Es war von Städ­ti­schen Be­hör­den ge­nutzt. Aber nach dem Krieg blieb es ein­fach Rui­ne, noch 1957 wur­de manch wun­der­ba­re Stuck­ge­stal­tung her­aus­ge­schla­gen“, be­rich­tet Ka- bier­s­ke. Viel­leicht wä­re das Ge­bäu­de be­nö­tigt wor­den, wenn Karls­ru­he die Funk­ti­on ei­ner Haupt­stadt zu er­fül­len ge­habt hät­te. Dann wä­ren die Mi­nis­te­ri­en froh ge­we­sen über re­prä­sen­ta­ti­ve und re­stau­rier­te Räu­me. So aber ver­schwand durch das am­pu­tier­te Pa­lais ein wei­te­rer Mo­sa­ik­stein der „Via Tri­um­pha­lis“vom Ett­lin­ger Tor bis zum Schloss.“Dass die­se Ach­se igno­riert wur­de, ist kei­ne Sün­de al­lein der neu­en Zeit. Der Ab­riss des Ett­lin­ger To­res 1872 und der Bau des Ho­tels Ger­ma­nia auf dem Grund­stück von Wein­bren­ners Wohn­haus 1873 gin­gen be­reits auf kom­mer­zi­el­le In­ter­es­sen zu­rück. Über­haupt wur­de bald nach Wein­bren­ners Tod 1826 sei­ne Ar­chi­tek­tur als ärm­lich und hand­werk­lich grob an­ge­se­hen. Denn er muss­te noch am Ma­te­ri­al spa­ren und ver­wen­de­te ver­put­ze Bruch­stei­ne. Der Stadt­er­wei­te­rung in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts fie­len auch die meis­ten ad­li­gen Gär­ten zum Op­fer, die in Wein­bren­ners Karls­ru­he be­wusst ent­lang der heu­ti­gen Kriegs­stra­ße la­gen, um grü­ne Lun­gen in der Stadt zu be­las­sen. Au­ßer­dem ver­schwan­den an­de­re Groß­bau­ten lei­der durch Brän­de: Das Hof­thea­ter, die Sy­nago­ge oder der Sitz der Mu­se­ums­ge­sell­schaft. Wie wun­der­bar die­se Ge­bäu­de auch im Innern ge­stal­tet wa­ren, zeigt die Aus­stel­lung über Fried­rich Wein­bren­ners Bau­ten. Nach de­ren Be­trach­tung und dem Ver­gleich mit Karls­ru­he heu­te schrieb Gott­fried Knapp in der Süd­deut­schen Zei­tung: In Karls­ru­he sei ein Haupt­werk des Klas­si­zis­mus ver­lo­ren ge­gan- gen. Des­halb kön­ne man in München dank­bar sein, dass des­sen zer­stör­te Klas­si­zis­mus-Ar­chi­tek­tur am Ode­ons­und Kö­nigs­platz so­wie der Max-Jo­se­phPlatz wie­der auf­ge­baut wur­de. In Wein­bren­ners Hei­mat­stadt ist nur das letz­te von ihm ge­plan­te Ge­bäu­de ori­gi­nal er­hal­ten ge­blie­ben: die Staat­li­che Münz­prä­ge­an­stalt (Mün­ze) in der Ste­pha­ni­en­stra­ße.

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