„Na­di­ne“gibt der Zu­kunft ein Ge­sicht

Von der Ma­the­ma­ti­ke­rin Ada Lo­ve­lace zur Ro­bo­ter­frau: Die weib­li­che Sei­te der Com­pu­ter­tech­nik

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen -

Alan Tu­ring, Kon­rad Zu­se, Tho­mas Wat­son jr., Ste­ve Woz­ni­ak und Ste­ve Jobs, Bill Ga­tes und Paul Al­len, Lar­ry Pa­ge und Mark Zu­cker­berg: Die Ge­schich­te der Com­pu­ter scheint ei­ne Ge­schich­te von Män­nern zu sein. Doch in Pa­der­born kann man nun die an­de­re Sei­te se­hen. Ein Lä­cheln huscht über das Ge­sicht der braun­haa­ri­gen Frau. Freund­lich winkt sie ih­rem Ge­gen­über zu. Doch die mensch­li­che Ges­te täuscht. „Na­di­ne“ist ein Ro­bo­ter, ei­ner der we­ni­gen welt­weit, die nach mensch­li­chem Vor­bild ge­stal­tet sind. Im Pa­der­bor­ner Heinz Nix­dorf Mu­se­umsfo­rum ver­leiht „Na­di­ne“der Zu­kunft ein Ge­sicht. Zu­gleich mar­kiert sie den vor­läu­fi­gen End­punkt ei­ner mehr als 170-jäh­ri­gen Ge­schich­te weib­li­cher Com­pu­ter-Pio­nie­re, die die Aus­stel­lung „Am An­fang war Ada – Frau­en in der Com­pu­ter­ge­schich­te“nach­zeich­net. Al­les be­gann mit Ada Lo­ve­lace. Die 1815 ge­bo­re­ne eng­li­sche Ma­the­ma­ti­ke- rin war die ers­te Pro­gram­mie­re­rin der Welt. Sie ver­fass­te 1843 ei­nen Al­go­rith­mus für die so­ge­nann­te „Ana­ly­ti­cal En­gi­ne“des Er­fin­ders Charles Bab­ba­ge, ei­ne me­cha­ni­sche Re­chen­ma­schi­ne. „Da­bei ver­wen­de­te sie Pro­gram­mierP­rin­zi­pi­en, die bis heu­te gül­tig sind, wie Schlei­fen und Ver­zwei­gun­gen“, er­klärt Aus­stel­lungs­ku­ra­to­rin Do­re­en Hart­mann die Pio­nier­leis­tung von Ada Lo­ve­lace. „Wäh­rend Bab­ba­ge sei­nen me­cha­ni­schen Com­pu­ter als rei­ne Re­chen­ma­schi­ne sah, er­kann­te Ada schon das Po­ten­zi­al der uni­ver­sel­le Ein­setz­bar­keit von Com­pu­tern in vie­len Le­bens­be­rei­chen.“Viel Glück brach­te die Er­kennt­nis der Ur-Mut­ter al­ler Pro­gram­mie­rer nicht. Die „Ana­ly­ti­cal En­gi­ne“wur­de nicht ge­baut und das Pro­gramm nie im­ple­men­tiert. Auch per­sön­li­che An­er­ken­nung blieb Ada ver­sagt, da sie ihr Pro­gramm un­ter dem Kür­zel A.A.L. ver­fass­te. Erst 1953 wur­de der Ar­ti­kel er­neut ver­öf­fent­licht und zu­min­dest in der Fach­welt wahr­ge­nom­men. Nach ei­nem von Krank­hei­ten ge­präg­ten Le­ben starb Ada Lo­ve­lace mit nur 36 Jah­ren an Krebs. Der 200. Ge­burts­tag am 10. De­zem­ber 2015 gab nun den An­lass, ihr Le­ben und Werk in ei­ner gro­ßen Aus­stel­lung zu prä­sen­tie­ren. Die Schau ver­mit­telt de­tail­lier­tes Wis­sen für Ken­ner – et­wa mit der Prä­sen­ta­ti­on des Dia­gramms, das heu­te als ers­tes Com­pu­ter­pro­gramm der Welt gilt. Auch un­ter­halt­sa­me Ein­bli­cke in die Per­sön­lich­keit der Ad­li­gen wer­den ser­viert: Als Toch­ter des be­rühm­ten ro­man­ti­schen Dich­ters Lord By­ron nahm Ada Lo­ve­lace am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben Lon­dons teil, mach­te mit au­ßer­ehe­li­chen Lie­bes­af­fä­ren von sich re­den und häuf­te durch ih­re Spiel­lei­den­schaft er­heb­li­che Wett­schul­den an. Auch wei­te­re be­deu­ten­de Frau­en der Com­pu­ter­ge­schich­te wer­den vor­stellt: et­wa die ame­ri­ka­ni­sche Ma­the­ma­ti­ke­rin Gra­ce Hop­per. Sie ent­wi­ckel­te 1952 den ers­ten Com­pi­ler, ein Pro­gramm, das die Be­feh­le an­de­rer Pro­gram­me in Ma­schi­nen­codes um­wan­delt und die Men­schCom­pu­ter-Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­schei­dend er­leich­tert. Ma­ry Al­len Wil­kes ge­hör­te zu den Ent­wick­lern des ers­ten Com­pu­ters, der nicht ei­nen gan­zen Saal füll­te, son­dern in ei­nem pri­va­ten Haus­halt Platz fand: ein Kühl­schrank-gro­ßes „Schnäpp­chen“für 40 000 Dol­lar, aber letzt­lich der Be­ginn mas­sen­taug­li­cher Heim-Com­pu­ter. Ein Ori­gi­nal-Ex­em­plar des ers­ten PC ist in der Aus­stel­lung zu se­hen. Die In­for­ma­ti­ke­rin Ade­le Gold­berg leg­te wie­der­um am le­gen­dä­ren ka­li­for­ni­schen For­schungs­zen­trum Xerox PARC den Grund­stein da­für, dass heu­te je­der Com­pu­ter per Maus­klick be­dient wer­den kann. Zu ihr pil­ger­te einst der jun­ge Ste­ve Jobs, um sich die ent­schei­den­den An­re­gun­gen für die Gestal­tung ei­ner gra­fi­schen Be­nut­zer­ober­flä­che zu ho­len, die dann im App­le Li­sa und dem ers­ten App­le Ma­c­in­tosh in ein kom­mer­zi­el­les Pro­dukt um­ge­setzt wur­de. Wen wun­dert es da noch, dass auch Ro­bo­te­rin „Na­di­ne“ein Werk aus Frau­en­hand ist? Der hu­ma­no­ide Ro­bo­ter ent­stand un­ter Lei­tung der Com­pu­ter-Spe­zia­lis­tin Na­dia Ma­g­ne­n­at-Thal­mann, nach de­ren Vor­bild auch Ge­sicht und Hän­de des Ro­bo­ters ge­stal­tet wur­den. Mit „Na­di­ne“kön­nen die Be­su­cher nach Her­zens­lust kom­mu­ni­zie­ren und sich an der mit­un­ter er­staun­lich ge­lun­ge­nen sprach­li­chen, mi­mi­schen und ges­ti­schen Aus­drucks­wei­se er­freu­en. Ge­nü­gend Zeit da­zu bleibt al­le­mal: Die Aus­stel­lung läuft bis zum 10. Ju­li 2016.

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