Im Trü­ben fi­schen

„Zu­rück zur Na­tur“? – Wenn es um Flüs­se geht, ist das nicht so ein­fach

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Sie kön­nen idyl­lisch da­hin­plät­schern, bei schwe­ren Re­gen­fäl­len und Un­wet­tern aber auch mäch­tig Hoch­was­ser füh­ren. Sie sind be­deu­ten­der Fak­tor für Kraft­wer­ke, aber auch wich­ti­ge Bio­to­pe. Sie freu­en sich über die vie­len Klär­an­la­gen, lei­den aber un­ter Rück­stän­den aus Arz­nei­mit­teln oder ein­ge­spül­tem Dün­ger. Und manch­mal sind sie auch im­mer noch Auf­fang­be­cken un­ge­klär­ter Ab­wäs­ser. „In Flüs­sen ist al­les drin, was man sich vor­stel­len kann“, sagt Jens Flei­scher, der am Stutt­gar­ter Lan­des­ge­sund­heits­amt für Was­ser­hy­gie­ne zu­stän­dig ist. Ba­den-Würt­tem­berg ist mit Flüs­sen wie Rhein und Neckar, mit den gro­ßen Zuflüs­sen Jagst und Ko­cher ein was­ser­rei­ches Land. Je nach­dem, wie man auf die Flüs­se blickt, ist ihr Zu­stand gut – oder auch schlecht. Ba­den im Fluss zum Bei­spiel: „Wir ra­ten grund­sätz­lich ab“, er­klärt Flei­scher. Von mehr als 300 of­fi­zi­el­len Ba­de­stel­len im Süd­wes­ten sei­en nicht mal ein Pro­zent so­ge­nann­te Fließ­ge­wäs­ser. „Auch wenn Flüs­se durch die vie­len in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ge­bau­ten Klär­an­la­gen in viel bes­se­rem Zu­stand sind als frü­her, soll­te man noch lan­ge nicht in ih­nen ba­den.“Flüs­se sei­en la­bi­le Sys­te­me, de­ren Zu­stand durch Nie­der­schlä­ge oder Un­glücks­fäl­le wie neu­lich an der Jagst ganz schnell kip­pen kön­ne. „Es gibt über­all De­fi­zi­te im Le­bens­raum und bei der Nähr­stoff­be­las­tung der Flüs­se“, er­klärt der Ge­wäs­ser-Ex­per­te Mar­kus Leh­mann von der Lan­des­an­stalt für Um­welt, Mes­sun­gen und Na­tur­schutz ( LUBW). Na­he­zu 100 Pro­zent al­ler Haus­hal­te sind in­zwi­schen zwar an Klär­an­la­gen an­ge­schlos­sen. Der Sau­er­stoff­ge­halt und da­mit die Was­ser­qua­li­tät der Flüs­se hat sich da­durch dra­ma­tisch ver­bes­sert. Aber für ei­nen kla­ren Blick ins oft nicht so kla­re Was­ser be­trach­ten die For­scher den Fluss von vie­len Sei­ten. Als Le­bens­raum zum Bei­spiel – „und da sieht es schlech­ter aus“, sagt Leh­mann. An knapp der Hälf­te von et­was über 900 LUBW-Mess­stel­len fal­len De­fi­zi­te auf. We­ni­ger Ar­ten­viel­falt, we­ni­ger Kleinst­le­be­we­sen auf dem Ge­wäs­ser­grund, kurz „ei­ne Ver­ar­mung des im Was­ser vor­kom­men­den Le­bens“, er­klärt er. Die Fi­sche- rei­for­schungs­stel­le in Langenargen (Bo­den­see­kreis) hat zwi­schen 2007 und 2013 an knapp 430 Stel­len die Ge­wäs­ser un­ter­sucht. „Zu 80 Pro­zent ist dort aber kein gu­ter Zu­stand er­reicht“, sagt auch Pe­ter De­hus, Fi­sche­rei­re­fe­rent im Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um. Von gut 50 Fi­sch­ar­ten im Bun­des­land sei­en sechs in­zwi­schen „ver­schol­len“, sprich aus­ge­stor­ben. Je­de zwei­te Art ist be­droht, da sich die Le­bens­räu­me durch künst­lich veränderte Fluss­läu­fe ver­schlech­tert ha­ben. Das sieht der Na­bu-Lan­des­vor­sit­zen­de André Bau­mann ge­nau­so. „Bei der Was­ser­struk­tur, da gibt es vie­le Sor­gen­kin­der“, warnt er. Fast al­le flie­ßen­den Ge­wäs­ser in Ba­den-Würt­tem­berg sind um- oder aus­ge­baut, be­gra­digt oder mit Weh­ren und Schleu­sen ver­se­hen. Die his­to­ri­sche Be­sied­lung der Flüs­se gibt es oft nicht mehr. „Wenn ein Fluss nur noch in ei­ner Be­ton­rin­ne fließt, dann kann da kein Lachs oder Aal mehr wan­dern“, sagt Bau­mann. Neue Pro­ble­me rü­cken zu­dem in den Fo­kus von Fluss­for­schern: Der Kon­sum von Arz­nei­mit­teln steigt und da­mit die Ve­r­un­rei­ni­gung des Was­sers et­wa durch den Schmerz­mit­tel-Wirk­stoff Di­clofe­nac mit ei­nem bun­des­wei­ten Jah­res­ver­brauch von et­wa 80 bis 90 Ton­nen. Un­ter­su­chun­gen der LUBW zei­gen, dass sich bei Fi­schen, die dem Wirk­stoff lan­ge Zeit aus­ge­setzt sind, zum Bei­spiel die Le­ber ver­än­dert. Auch Rück­stän­de von Rönt­gen­kon­trast­mit­teln, Bio­zi­den oder Weich­ma­chern fin­den sich zu­neh­mend in Ge­wäs­sern wie­der. EU-weit soll seit dem Jahr 2000 die Was­ser­rah­men­richt­li­nie in eu­ro­päi­schen Ge­wäs­sern ei­nen gu­ten Zu­stand wie­der­her­stel­len. Zu­rück zur Na­tur – in ei­nem be­völ­ke­rungs- und in­dus­trie­rei­chen Land wie Ba­den-Würt­tem­berg ist das pu­res Wunsch­den­ken, selbst für Na­tur­schüt­zer wie Bau­mann. „Was ich mir wün­sche ist ei­ne Um­set­zung der Was­ser­rah­men­richt­li­nie.“Und das wird ein Kom­pro­miss sein – „zwi­schen Ur­zu­stand und Zu­stand heu­te“.

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