Un­ter Dampf

Vor 175 Jah­ren ging die ers­te ba­di­sche Ei­sen­bahn­stre­cke in Be­trieb

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Es ge­schah die­se Er­öff­nung oh­ne al­le Fei­er­lich­keit“, be­merk­te die Karls­ru­her Zei­tung zur In­be­trieb­nah­me der ers­ten ba­di­schen Ei­sen­bahn­stre­cke vor 175 Jah­ren. Am 12. Sep­tem­ber 1840 roll­ten erst­mals „fahr­plan­mä­ßig“Zü­ge zwi­schen Mann­heim und Hei­del­berg. Die Dampf­lo­ko­mo­ti­ven „Lö­we“und „Greif“, die ih­ren Na­men nach den Wap­pen­tie­ren des Groß­her­zog­tums er­hal­ten hat­ten, be­wäl­tig­ten die knapp 19 Ki­lo­me­ter lan­ge Stre­cke in cir­ca 40 Mi­nu­ten und wa­ren da­mit deut­lich schnel­ler als „Eil­kut­schen“, die rund zwei St­un­den zwi­schen den bei­den Städ­ten un­ter­wegs war. War­um Ba­den die ers­ten Zü­ge so san­gund klang­los auf die Schie­ne schick­te? „Die Grün­de für die­se Zu­rück­hal­tung ken­nen wir nicht“, sagt Mar­tin Stingl vom Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he, der sich in­ten­siv mit der Früh­ge­schich­te der ba­di­schen Ei­sen­bahn be­schäf­tigt hat. Aber wun­dern kann man sich schon dar­über, denn an die Ei­sen­bahn knüpf­te Va­ter Staat gro­ße Hoff­nun­gen. Im März 1838 hat­te der ba­di­sche Land­tag nach in­ten­si­ven De­bat­ten den Bau ei­ner Ei­sen­bahn von Mann­heim bis Ba­sel be­sch­los- sen – zwei­ein­halb Jah­re spä­ter roll­ten zwi­schen Mann­heim und Hei­del­berg die ers­ten Zü­ge. Und es wur­de mit ge­ra­de­zu ra­san­tem Tem­po wei­ter­ge­baut: 1843 kam die Ei­sen­bahn in der Lan­des­haupt­stadt Karls­ru­he an, 1844 in Of­fen­burg, 1845 in Frei­burg. Dann wur­de das Tem­po et­was ge­dros­selt, un­ter an­de­rem, weil sich die Ver­hand­lun­gen mit Ba­sel und der Eid­ge­nos­sen­schaft über den Wei­ter­bau der ba­di­schen Haupt­bahn über Schwei­zer Ge­biet in Rich­tung Bo­den­see hin­zo­gen. 1852 kam der Ver­trag zu­stan­de, der Ba­sel den „Ba­di­schen Bahn­hof“be­scher­te, Kon­stanz wur­de 1863 er­reicht. Der Ei­sen­bahn­bau veränderte die Land­schaft und die Städ­te, aber auch die Ge­sell­schaft und die Wirt­schaft – die In­dus­tria­li­sie­rung kam in Ba­den durch die Ei­sen­bahn erst rich­tig un­ter Dampf. Vor 175 Jah­ren be­saß das agra­risch ge­präg­te Groß­her­zog­tum noch kei­ne leis- tungs­fä­hi­ge Ma­schi­nen­bau­in­dus­trie – ent­spre­chend han­del­te es sich bei „Lö­we“und „Greif“, den Loks, die zwi­schen Mann­heim und Hei­del­berg pen­del­ten, um Im­por­te aus En­g­land, dem „Mut­ter­land“der In­dus­tria­li­sie­rung. Zu­dem wur­de ein Mecha­ni­ker der Her­stel­ler­fir­ma Sharp, Ro­berts und Co. in Man­ches­ter für zwei Jah­re un­ter Ver­trag ge­nom­men, um hie­si­ge Bahn­be­diens­te­te in die Be­die­nung und War­tung der neu­en Tech­nik ein­zu­ar­bei­ten. Frei­lich hat­ten ba­di­sche Tüft­ler, et­wa die In­ha­ber der 1837 ge­grün­de­ten Karls­ru­her Ma­schi­nen­fa­brik Keß­ler & Mar­ti­en­sen, ein enor­mes In­ter­es­se dar­an, das Ge­schäft nicht al­lein den En­g­län­dern zu über­las­sen. „Die Ober­di­rek­ti­on des Was­ser- und Stra­ßen­baus stell­te Keß­ler & Mar­ti­en­sen die Kon­struk­ti­ons­plä­ne der an­ge­kauf­ten eng­li­schen Lo­ko­mo­ti­ven zur Ver­fü­gung“, be­rich­tet Mar­tin Stingl. Dank die­ser groß­zü­gi­gen Un­ter­stüt­zung durch die Be­hör­den konn­te die Karls­ru­her Fa­b­rik schon 1842 die „Ba­de­nia“aus­lie­fern: Die­se ers­te in Süd­west­deutsch­land pro­du­zier­te Lok war, so Stingl, nichts an­de­res als ein Nach­bau der eng­li­schen Ori­gi­na­le.

Die In­dus­tria­li­sie­rung in Schwung ge­bracht

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