„Auf Pa­pier zeich­net es sich ganz an­ders“

Ein Be­such bei der Por­zel­lan­ma­le­rin Ute Spe­da in der welt­be­rühm­ten Ma­nu­fak­tur in Mei­ßen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Frau Hieronymus, die Leh­re­rin, steht vor ih­rer Klas­se und zeich­net et­was mit Krei­de an die Ta­fel. Auf Ti­schen in der Mit­te des Rau­mes ste­hen aus­ge­stopf­te Vö­gel, an den Wän­den hän­gen Bil­der von Pflan­zen und in ei­ner Ecke des Rau­mes lehnt so­gar ein men­sch­li­ches Ske­lett. Aber wie passt der Zei­chen­un­ter­richt zu den Tas­sen und Sup­pen­ter­ri­nen auf den Bän­ken der Schü­ler? Die Ant­wort: Die Klas­se von Frau Hieronymus lernt, Bil­der ei­nes Vo­gels oder ei­ner Pflan­ze auf Por­zel­lan zu zeich­nen. Im Saal sit­zen zehn an­ge­hen­de Por­zel­lan­ma­le­rin­nen und Por­zel­lan­ma­ler. Heut­zu­ta­ge ler­nen mehr jun­ge Frau­en die­sen Be­ruf, vor zwei Ge­ne­ra­tio­nen wa­ren die meis­ten Lehr­lin­ge Män­ner. Drei­ein­halb Jah­re dau­ert die Aus­bil­dung in Mei­ßen, ei­ner Stadt in Sach­sen, in der seit über 300 Jah­ren Por­zel­lan her­ge­stellt wird. „In mei­nem ers­ten Lehr­jahr vor rund 40 Jah­ren dach­te ich, aus mir wird nie ei­ne Por­zel­lan­ma­le­rin“, er­in­nert sich Ute Spe­da, „die Um­stel­lung war schwie­rig: Auf Pa­pier zeich­net es sich völ­lig an­ders als auf Por­zel­lan, ers­tens muss man den Pin­sel an­ders an­set­zen, zwei­tens än­dern sich die Far­ben. Und nach­dem das Ge­schirr ge­brannt ist und aus dem Brenn­ofen kommt, se­hen die Far­ben er­neut an­ders aus.“Längst ist die Por­zel­lan­ma­le­rin ein Pro­fi, sie kann so­gar Ma­len, wäh­rend sie spricht. Was leicht aus­sieht, ist hoch kon­zen­trier­te Ar­beit. Ute Spe­das Ar­beits­platz be­fin­det sich ei­ni­ge Räu­me vom Zei­chen­saal ent­fernt. Ob­wohl drau­ßen die Son­ne scheint, hat sie ei­ne klei­ne Lam­pe an­ge­knipst, um die zar­ten Um­ris­se ei­nes chi­ne­si­schen Dra­chens auf dem Tel­ler in ih­rer lin­ken Hand ganz genau se­hen zu kön­nen. Der Dra­che ist wie mit Blei­stift vor­ge­zeich­net, die Por­zel­lan­ma­le­rin zieht die Li­ni­en mit ro­ter Far­be nach. Statt ei­nes Pin­sels ver­wen­det sie ei­ne dün­ne Schreib­fe­der, die be­son­ders fei­nes Ar­bei­ten er­mög­licht. „Der Pin­sel kommt spä­ter zum Ein­satz.“Da­mit ih­re lin­ke Hand nicht ein­schläft vom Tel­ler­hal­ten, stützt sie Ute Spe­da auf ei­nem Pols­ter ab, dem Hand­kis­sen. Die Fe­der taucht sie in ein Ge­fäß, das aus meh­re­ren in­ein­an­der ge­sta­pel­ten Schäl­chen be­steht. Dar­in ist kein Was­ser, son­dern Öl, das die Por­zel­lan­ma­le­rin be­nö­tigt, um die Far­be auf­zu­tra­gen. In der kleins­ten Scha­le ist die Lö­sung flüs­si­ger, in den grö­ße­ren Scha­len wird sie im­mer di­cker. Der chi­ne­si­sche Dra­che er­in­nert an die Hei­mat des Por­zel­lans. Er­fun­den ha­ben es die Meiß­ner nicht. Por­zel­lan hat sei­nen Ur­sprung in Chi­na. Weil es von dort nach Eu­ro­pa ei­nen wei­ten Weg auf Schif­fen zu­rück­le­gen muss­te, war es teu­er. Sach­sens Herr­scher grün­de­te vor et­wa 300 Jah­ren die Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur in Mei­ßen. Er hat­te Glück: Al­le „Zu­ta­ten“, die man zur Her­stel­lung von Por­zel­lan be­nö­tig­te, lie­fer­ten Sach­sens Berg­wer­ke. Um das säch­si­sche Por­zel­lan zu kenn­zeich­nen, dach­ten sich die Meiß­ner ei­ne Art Stem­pel aus: Zwei dun­kel­blaue über­kreuz­te Schwer­ter. Sie wa­ren Teil des kö­nig­li­chen Wap­pens. Wenn Ute Spe­da Tel­ler, Va­sen oder Kan­nen zum Be­ma­len an ih­ren Ar­beits­platz ge­lie­fert be­kommt, fin­det sie die blau­en Schwer­ter be­reits mit­tig auf der Un­ter­sei­te der Stü­cke. „Sie wer­den nicht zu­letzt auf­ge­malt, son­dern zu­erst, noch ehe das Por­zel­lan ge­brannt wird. Das nennt man Un­ter­glas­ma­le­rei.“Es be­deu­tet: vor der Gla­sur. Dann hat das Por­zel­lan noch nicht sein strah­len­des Weiß und sei­ne glat­te Ober­flä­che. Es ist matt, beige und rau. Ute Spe­da be­malt gla­sier­tes Por­zel­lan nur mit ost­asia­ti­schen Mo­ti­ven. Für Blu- men­mo­ti­ve oder Vö­gel be­schäf­ti­gen die Meiß­ner wei­te­re Por­zel­lan­ma­ler, 202 sind es ins­ge­samt. Je­der kann theo­re­tisch al­les ma­len und ist prak­tisch doch ein Spe­zia­list. So­gar für die blau­en Schwer­ter gibt es zwei Un­ter­glas­ma­ler, die den gan­zen Tag über nur das Por­zel­lan aus­zeich­nen. „Wenn An­fän­gern mal ein Strich ver­rutscht, ist das nicht schlimm. Auf gla­sier­tem Por­zel­lan lässt sich die Far­be wie­der ab­wi­schen“, ver­rät Ute Spe­da. Un­ter­glas­ma­ler ha­ben die­sen Vor­teil nicht. Un­ge­brann­tes Por­zel­lan saugt die Far­be auf wie ein Schwamm, Ab­wi­schen klappt nicht. Da­für hat es ei­nen an­de­ren Vor­teil: Weil es be­malt ge­brannt wird, kann man es in der Spül­ma­schi­ne stel­len. Die hand­be­mal­ten Stü­cke von Ute Spe­da und ih­ren Kol­le­gen müs­sen spä­ter hin­ge­gen von Hand ge­spült wer­den. Sonst ver­blas­sen ir­gend­wann die Far­ben. Die Por­zel­lan­ma­le­rin hat sich mitt­ler­wei­le ei­ne Va­se vor­ge­nom­men, ein neu­er Dra­che nimmt Gestalt an. „137 Mi­nu­ten be­nö­ti­ge ich pro Va­se. Sie­ben­ein­halb St­un­den lang führt sie kon­zen­triert Pin­sel und Fe­der. „Mein Be­ruf ist ein Hand­werk. Künst­le­ri­sche Frei­heit ha­be ich we­nig, die Mo­ti­ve sind eben vor­ge­ge­ben.“Das macht Ute Spe­da nichts aus. Da­für be­sit­zen vie­le Haus­hal­te in Deutsch­land und der gan­zen Welt Tel­ler, Kan­nen oder Va­sen, die sie be­malt hat. Je­der Por­zel­lan­ma­ler schreibt in win­zi­gen Zah­len sei­ne Ma­ler­num­mer auf die Un­ter­sei­te ei­nes fer­ti­gen Stücks. Al­lein 200000 Tel­ler lie­fern die Sach­sen je­des Jahr aus.

Der Ming Dra­che ge­hört zu den be­kann­tes­ten Bil­dern der Ma­nu­fak­tur. Hier se­hen wir ihn auf ei­ner gro­ßen Kaf­fee­tas­se. Fo­to: Meis­se­ner Por­zel­lan

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.