Der De­tek­tiv für Pa­ti­en­ten

Jür­gen Schä­fer ist ein Arzt mit kri­mi­na­lis­ti­schem Ge­spür

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Der ge­bür­ti­ge Karls­ru­her, hier mit Herz­mo­dell, lei­tet in Mar­burg das „Zen­trum für un­er­kann­te und sel­te­ne Krank­hei­ten“.

Manch­mal müs­sen Ärz­te nur ei­ne Fra­ge um­for­mu­lie­ren, um ei­nem Men­schen das Le­ben zu ret­ten“, sagt der ge­bür­ti­ge Karls­ru­her Jür­gen Schä­fer. Der Me­di­zin­pro­fes­sor hat das im Fall ei­ner Frau er­lebt, die ei­nen Hus­ten nicht los­be­kam. Ob­wohl sie nicht er­käl­tet war. Beim Trep­pen­stei­gen ge­riet sie völ­lig au­ßer Pus­te und selbst in ih­rer Woh­nung schnür­te ihr ir­gend et­was den Atem ab. Der Lun­gen­fach­arzt fand nichts und ver­mu­te­te bei der Rau­che­rin ein Pro­blem am Her­zen. Doch der Kli­nik-Kar­dio­lo­ge Jür­gen Schä­fer war skep­tisch. Er bat ei­ne As­sis­tenz­ärz­tin, noch ein­mal mit der Pa­ti­en­tin zu spre­chen. Der Fall nahm ei­ne Wen­dung. Es kam et­was her­aus, was Kol­le­gen vor­her nicht be­rück­sich­tigt hat­ten: Die Frau war zu Hau­se häu­fig in Kon­takt mit dem Pa­pa­gei ih­rer Toch­ter. Der Lun­genarzt hat­te „nur“ab­ge­fragt, ob die Pa­ti­en­tin Haus­tie­re oder Vö­gel ha­be. Die Ärz­tin im Team von Pro­fes­sor Schä­fer woll­te aber wis­sen, ob es über­haupt Kon­takt mit Tie­ren gab. Und der hüb­sche süd­ame­ri­ka­ni­sche Mönchs­sit­tich war in Ur­laubs­zei­ten im­mer bei der Pa­ti­en­tin. Die Un­ter­su­chun­gen gin­gen von vor­ne los und her­aus kam: Die Pa­ti­en­tin war ge­gen die Ei­wei­ße im Staub der Pa­pa­gei­en­fe­dern all­er­gisch. Die­se Ei­wei­ße lös­ten die Ent­zün­dung in den Lun­gen­bläs­chen und die Atem­not aus. An die­ser sel­te­nen Al­veo­li­tis kann man ster­ben. Aus der Fahn­dung nach solch schwer er­kenn­ba­ren Krank­hei­ten hat Jür­gen Schä­fer ei­nen Job ge­macht. Er lei­tet an der Mar­bur­ger Kli­nik das „Zen­trum für un­er­kann­te und sel­te­ne Krank­hei­ten“. Dort wur­de auch die Ur­sa­che für die lan­ge un­er­klär­li­chen Bauch­schmer­zen ei­nes Man- nes ge­fun­den. Man ver­mu­te­te zu­nächst Stress bei der Ar­beit und beim Hau­sum­bau. Doch über die fest­ge­stell­te Blut­ar­mut kam Schä­fer der Sa­che auf die Spur. Der Pa­ti­ent hat­te sich ei­ne Blei­ver­gif­tung durchs häus­li­che Ba­den in ei­ner sa­nier­ten, an­ti­ken Ba­de­wan­ne ge­holt. Ei­ne el­fen­haf­te jun­ge Frau litt un­ter der „Fa­mi­li­en­dia­gno­se“Ma­ger­sucht und hielt des­halb Ab­stand zu den El­tern, trenn­te sich auch von ei­nem be­sorg­ten Freund. Erst in Zu­sam­men­hang mit ei­ner an­de­ren Be­hand­lung wur­de das Un­ter­ge­wicht als sel­te­ne Mus­kel-Ske­lett-Krank­heit iden­ti­fi­ziert. Un­er­kann­te Bor­re­lio­sen oder Wan­der­nie­ren be­schäf­ti­gen den Me­di­zinDe­tek­tiv und sein Team eben­so. Bis zu 20 Hil­fe­ru­fe am Tag ge­hen bei ihm ein. Die dra­ma­tischs­ten und in­ter­es­san­tes­ten 13 Fäl­le mit merk­wür­di­gen Krank­hei­ten be­schreibt Schä­fer an­schau­lich in sei­nem Buch „Der Krank­heits­er­mitt­ler“, wo­bei er die Le­bens­wel­ten der Pa­ti­en­ten selbst­ver­ständ­lich völ­lig ver­än­dert hat. Zu­sätz­lich baut er kri­tisch-kon­struk­ti­ve Kom­men­ta­re zum Ge­sund­heits­we­sen ein. Ein dop­pelt nütz­li­ches Werk ist so ent­stan­den. Denn Schä­fer kann Me­di­zin­chi­ne­sisch über­set­zen. Sein Ge­spür für über­grei­fen­des dia­gnos­ti­sches Den­kens hat be­reits vor Jah­ren für Auf­se­hen ge­sorgt. In der Ärz­teaus­bil­dung nutz­te Schä­fer bei Vor­le­sun­gen seit 2008 die Dreh­bü­cher der ame­ri­ka­ni­schen Arzt-Se­rie „Dr. Hou­se“. Das war je­ner mie­se­pe­tri­ge Typ im wei­ßen Kit­tel, der in sei­ner Kli­nik bei rät­sel­haf­tes­ten Krank­hei­ten hel­fen konn­te. RTL zeig­te die Se­rie bis 2012. „Deut­scher Dr. Hou­se“- die­sen Ti­tel be­kam Schä­fer ver­passt. Da­bei ist der 59-Jäh­ri­ge viel um­gäng­li­cher als die Fern­seh­fi­gur. Bei der Berg­wacht Nord­schwarz­wald schnup­per­te der in Karls­ru­he Auf­ge­wach­se­ne früh in me­di­zi­ni­sche Auf­ga­ben hin­ein. „Ich woll­te wis­sen, wie es mit den Ver­letz­ten wei­ter­geht“, sagt Schä­fer, der in Wol­farts­wei­er wohn­te und das Mark­gra­fen-Gym­na­si­um Dur­lach be­such­te. Beim LSV Pfinz­gau war er Se­gel­flie­ger. Nach dem Abitur 1975 ab­sol­vier­te er den Wehr­dienst, un­ter an­de­rem in Neu­reut, und stu­dier­te zu­nächst Bio­che­mie. Schä­fer wech­sel­te zur Me­di­zin, wur­de In­ter­nist, En­do­kri­no­lo­ge und Herz­spe­zia­list. Er hat die Stif­tungs­pro­fes­sur für Prä­ven­ti­ve Kar­dio­lo­gie in Mar­burg in­ne und grün­de­te am pri­va­ti­sier­ten Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum das Zen­trum für un­er­kann­te und sel­te­ne Krank­hei­ten. Der Trä­ger von Ärz­te­prei­sen sieht sich als Küm­me­rer und öf­fent­li­cher An­walt ver­un­si­cher­ter oder ver­zwei­fel­ter Pa­ti­en­ten, die im Sys­tem leicht zu kurz kom­men. „Wenn kei­ne ein­deu­ti­ge Dia­gno­se vor­liegt, be­steht die Ge­fahr, dass schnell psy­chi­sche Stö­run­gen ver­mu­tet wer­den“, sagt Schä­fer. „Mein Buch soll zum Tür­öff­ner wer­den und Fa­mi­li­en wie Freun­de auf­merk­sam ma­chen, wenn mys­te­riö­se Krank­hei­ten auf­tau­chen.“

Me­di­zin­pro­fes­sor gilt als „deut­scher Dr. Hou­se“

Jür­gen Schä­fer, „Der Krank­heits­er­mitt­ler. Wie wir Pa­ti­en­ten mit mys­te­riö­sen Krank­hei­ten hel­fen“, 256 Sei­ten, Dro­emer-Ver­lag, 19,99 Eu­ro.

Fo­to: Imago/Mon­ta­ge SO

Fo­to: UKGM

Te­am­be­spre­chung beim „De­tek­tiv-Arzt“Jür­gen Schä­fer (rechts). Der Me­di­zi­ner stammt aus Karls­ru­he und grün­de­te das Zen­trum für un­er­kann­te und sel­te­ne Krank­hei­ten an der Uni­k­li­nik Mar­burg. Dort en­det man­che Pa­ti­en­tenodys­see. Über die span­nens­ten Fäl­le be­rich­tet Schä­fer in ei­nem gera­de er­schie­ne­nen Buch.

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