Fla­schen­post: Wenn der Brief erst nach 100 Jah­ren an­kommt

Wer Nach­rich­ten in ei­ner Fla­sche ver­schickt, muss meis­tens viel Ge­duld ha­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tanja Ka­sisch­ke

Ein be­son­de­res Wie­der­se­hen be­scher­ten Sechst­kläss­ler kürz­lich dem Münch­ner Erz­bi­schof Rein­hard Kar­di­nal Marx. Die Kin­der aus dem Ort Ge­se­ke bei Pa­der­born be­ob­ach­te­ten Bau­ar­bei­ten im Schul­hof, da­bei ent­deck­ten sie ei­ne al­te Fla­sche mit ei­nem Zet­tel drin. Ei­ne Fla­schen­post! Ge­mein­sam wur­de der Fund ge­bor­gen und ge­öff­net. Ab­sen­der des Brie­fes wa­ren Abitu­ri­en­ten der Schu­le aus dem Jahr 1972. Die Bot­schaft war in Latein ver­fasst. Als Ers­ter hat­te sie Rein­hard Marx un­ter­schrie­ben, wei­te­re Na­men folg­ten. Dass die Fla­sche wäh­rend des AbiStreichs vor 43 Jah­ren ver­gra­ben wor­den war, er­fuh­ren die fin­di­gen Sechst­kläss­ler spä­ter per­sön­lich – vom Ab­sen­der höchst­per­sön­lich. Rein­hard Kar­di­nal Marx stammt aus Ge­se­ke. Er freu­te sich rie­sig über den Fund und ge­stand den Schü­lern, 1992 selbst nach der Fla­schen­post ge­bud­delt zu ha­ben, oh­ne Er­folg. Ver­gra­ben ist ei­ne Fla­schen­post nor­ma­ler­wei­se nicht. Ihr Ab­sen­der wirft sie in ei­nen Fluss oder ins Meer, von wo sie ei­nem un­be­kann­ten Ziel ent­ge­gen­treibt. An­ders als bei Brie­fen, die man per Post schickt, weiß nie­mand, wann, wo und bei wem die Fla­sche lan­det. Und ob sie über­haupt je­mals ge­fun­den wird. Je wei­ter sie aber reist, des­to bes­ser ist das. Viel­leicht zu ei­nem Men­schen, den man sonst nie ge­trof­fen hät­te. Wer noch nie ei­ne Fla­schen­post los­ge­schickt hat, ver­passt was! Nur Um­welt­schüt­zer sind von den schwim­men­den Bot­schaf­ten nicht be­geis­tert. Ei­ne lee­re Fla­sche bleibt ei­ne lee­re Fla­sche und da­mit: Müll. Ob ein Brief drin­steckt oder nicht. Zu­min­dest Plas­tik­fla­schen soll­ten des­halb im Müll oder in der Wert­stoff­samm­lung blei­ben. Glas­fla­schen eig­nen sich oh­ne­hin bes­ser als Fla­schen­post, sie sind schwe­rer und schwim­men bes­ser. Die Fla­schen­post ist kei­ne Er­fin­dung von Lie­bes­paa­ren. Auch nicht von Kin­dern, die sich Brief­freun­de wün­schen. Mee­res­for­scher dach­ten sich vor 150 Jah­ren die­se Art der Nach­rich­ten­über­mitt­lung aus, um Mee­res­strö­mun­gen zu er­for­schen. Lee­re Glas­fla­schen wa­ren nicht teu­er, ro­bust und lie­ßen sich was­ser­dicht ver­schlie­ßen. Der Weg ei­ner Fla­schen­post zeig­te Strö­mun­gen an, die man mit blo­ßem Au­ge nicht sah. Cle­ver! Schif­fe trans­por­tier­ten die Fla­schen aufs of­fe­ne Meer. Meis­tens ließ es sich der Ka­pi­tän nicht neh­men, die Fla­schen­post an ei­ner zu­vor ver­ein­bar­ten Stel­le per­sön­lich über Bord zu wer­fen. Statt Brie­fen druck­ten die Wis­sen­schaft­ler Zet­tel, auf de­nen der Fin­der ei­ner Fla­schen­post den Fund­ort und das Fund­da­tum ein­trug, ehe er den Brief dem Ab­sen­der zu­rück­schick­te. Et­wa an die Adres­se des Bun­des­amts für See­schiff­fahrt und Hy­dro­gra­fie (Ge­wäs­ser­ver­mes­sung) in Ham­burg, des­sen Di­rek­tor 1864 be­gann, Fla­schen­post-Nach­rich­ten zu sam­meln. Über 600 Zet­tel mit In­for­ma­tio­nen über Mee­res­strö­mun­gen lie­gen im Ar­chiv. Die äl­tes­te Fla­schen­post stammt aus dem Jahr 1867 und war drei Jah­re un­ter­wegs ge­we­sen, ehe sie ge­fun­den wur­de. Sie trieb 15 000 Ki­lo­me­ter von Süd­ame­ri­ka bis nach Aus­tra­li­en. Die äl­tes­te Fla­sche mit ei­ner per­sön­li­chen Nach­richt fand ein Fi­scher aus Schles­wig-Hol­stein vo­ri­ges Jahr in sei­nem Netz in der Ost­see. Der Ab­sen­der, ein jun­ger Mann aus Berlin, hat­te sie 1913 von Dä­ne­mark aus ins Meer ge­wor­fen und den Fin­der ge­be­ten, ihm zu schrei­ben. Ihn in­ter­es­sier­te genau wie die Mee­res­for­scher, wie weit die Fla­sche ge­kom­men war. Die Ant­wort wird den Mann nicht mehr er­rei­chen, er ist schon tot. Sei­ne En­ke­lin lebt aber noch im­mer in Berlin und freu­te sich rie­sig über die Nach­richt ih­res Opas. Ob­wohl das Meer exo­ti­sche­re Fund­or­te in Aus­sicht stellt, fin­det man vie­le schwim­men­de Brie­fe in Flüs­sen. Die Ab­sen­der schi­cken ih­re Fla­schen­post auf Rei­sen, nach­dem sie ein be­son­ders glück­li­ches – oder ein trau­ri­ges – Er­leb­nis hat­ten, das sie tei­len möch­ten. Men­schen ver­ab­schie­den sich auf die­se Wei­se von je­man­dem, der ge­stor­ben ist, oder freu­en sich nach der Hoch­zeit oder der Ge­burt ei­nes Ba­bys auf ei­nen neu­en Le­bens­ab­schnitt. Das glück­li­che Er­eig­nis kann auch das Abitur sein, wie bei Rein­hard Kar­di­nal Marx.

Heu­ti­ger Erz­bi­schof ver­steck­te Fla­schen­post Manch­mal dau­ert es über 100 Jah­re

Fo­to: The Ma­ri­ne Bio­lo­gi­cal As­so­cia­ti­on/avs

Zwi­schen 1904 und 1906 wur­den über 1000 die­ser Fla­schen im süd­eng­li­schen Ply­mouth aus­ge­setzt, um Bo­den­was­ser­be­we­gun­gen zu er­for­schen. Am Strand der Nord­see­insel Am­rum ist kürz­lich ei­ne mehr als 100 Jah­re al­te Fla­schen­post aus Groß­bri­tan­ni­en ge­fun­den wor­den.

Fo­to: bilderbox

Span­nend: Wer ei­ne Fla­schen­post sieht, weiß nie, was ihn er­war­tet.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.