Und wie geht’s jetzt wei­ter?

Karls­ru­her Künst­ler­ko­lo­nie soll nach 22 Jah­ren ge­räumt wer­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Wolf­gang Weber

War­um Ant­je Schu­ma­cher, Tanja Schnei­der und ei­ni­ge ih­rer Kol­le­gen die­se Ent­schei­dung gar nicht gut fin­den, le­sen Sie auf der

Die Karls­ru­her Künst­le­rin Ant­je Schu­ma­cher ist ei­ne lus­ti­ge Per­son. Ganz gleich, ob sie so­lo mit ih­rer Uku­le­le oder als Teil ei­nes Tri­os in der be­lieb­ten „Dreist-Show“auf die Büh­ne tritt: Stets ver­brei­tet sie Froh­sinn und gu­te Lau­ne. Im Mo­ment probt „Frau Ant­je“in ih­ren Pro­be­räu­men hin­ter dem Haupt­bahn­hof ihr neu­es Come­dy­pro­gramm, doch zum La­chen ist ihr schon seit ei­ni­ger Zeit nicht mehr zu­mu­te. „Auch ich muss wohl hier raus“, sagt sie. „Und ich ha­be noch kei­ne Ah­nung, wie es da­nach wei­ter­ge­hen soll.“Die sem­mel­blon­de Mu­si­ke­rin, Sän­ge­rin und aus­ge­bil­de­te Schau­spie­le­rin ist ei­ne von 25 Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die von der Ent­schei­dung des Karls­ru­her Ge­mein­de­rats be­trof­fen sind, die Häu­ser hin­ter dem Haupt­bahn­hof nun end­gül­tig zu räu­men. „Im No­vem­ber wer­den wir un­se­re Kün­di­gun­gen er­hal­ten“, sagt die Ma­le­rin, Grafikerin und Fo­to­gra­fin Tanja Schnei­der, die sich seit 1994 zwei Ate­lier­räu­me und ein La­ger mit Ant­je Schu­ma­cher teilt. „Bis En­de März 2016 müs­sen wir raus.“Ein Jahr vor dem Ein­zug der bei­den Freun­din­nen wa­ren die ehe­ma­li­gen Be­triebs­ge­bäu­de der Bahn hin­ter dem Haupt­bahn­hof Karls­ru­her Künst­lern als Ate­liers und Pro­be­räu­me an­ge­bo­ten wor­den. Die Künst­ler rich­te­ten in den et­was her­un­ter­ge­kom­me­nen, aber sehr char­man­ten Rä­um­lich­kei­ten ih­re Werk­stät­ten ein. Die Mie­ten wa­ren sehr preis­wert, da­für muss­ten sich die Mie­ter aber auch um den Er­halt der Ge­bäu­de küm­mern. „Und es schweb­te im­mer das Da­mokles­schwert über uns, dass wir ir­gend­wann raus müs­sen“, sagt der Ma­ler und Fo­to­graf Gun­ter Wess­mann, der von An­fang an da­bei ist und vor al­lem die her­vor­ra­gen­den La­ger­mög­lich­kei­ten schätzt. „Der Ate­lier­raum muss nicht un­be­dingt rie­sig sein“, sagt er. „Aber die Kunst­wer­ke müs­sen ja auch ir­gend­wo ge­la­gert wer­den.“ Doch seit vie­len Jah­ren herrsch­te Un­si­cher­heit in der Künst­ler­ko­lo­nie. Im­mer wie­der war zu hö­ren, die Stadt wol­le das Ge­län­de an zah­lungs­kräf­ti­ge In­ves­to­ren ver­kau­fen. Der wei­te­re Ver­bleib wur­de den Mie­tern nur durch die Un­ter­zeich­nung ei­ner no­ta­ri­el­len Un­ter­wer­fungs­er­klä­rung ge­stat­tet. Bis zur Ge­mein­de­rats­sit­zung am 28. Ju­li, als die Stadt­rä­te ent­schie­den: „Die Künst­ler müs­sen raus.“Der Grund sind Si­cher­heits­be­den­ken. So ent­sprä­che die Elek­trik in kei­ner Wei­se mehr den Vor­schrif­ten, es dro­he Ge­fahr für Leib und Le­ben. „Die gra­vie­rends­ten Män­gel sind un­se­rer Mei­nung nach in­zwi­schen aber schon be­sei­tigt“, er­zäh­len Ant­je Schu­ma­cher und Tanja Schnei­der. Ih­rer Mei­nung nach hät­te man die wei­te­re Sa­nie­rung auch bei lau­fen­dem Be­trieb durch­füh­ren kön­nen. Das aber woll­te die Stadt nicht. Statt­des­sen sieht der Plan nun vor, die Ge­bäu­de, die zum Teil un­ter Denk­mal­schutz ste­hen, auf­wen­dig zu sa­nie­ren und dort ei­nen wei­te­ren „Krea­tiv­park“zu er­rich­ten. „Den wird sich von uns aber kei­ner mehr leis­ten kön­nen“, sa­gen vie­le der Künst­ler, die im Mo­ment nur ei­nen Eu­ro Mie­te pro Qua­drat­me­ter be­zah­len. „Mit die­ser nied­ri­gen Mie­te ha­ben wir uns aber auch gleich­zei­tig die Für­sor­ge für die Ge­bäu­de er­kauft“, sagt Klaus Günd­chen, der ge­mein­sam mit sei­ner Kol­le­gin An­ge­li­ka Mül­ler ei­nen mit Stahl­plas­ti­ken an­ge­rei­cher­ten Gar­ten auf dem Ge­län­de an­ge­legt hat. Nach der Fer­tig­stel­lung des neu zu er­rich­ten­den Kul­tur- und Krea­tiv­parks soll, so der Ge­mein­de­rats­be­schluss, „den der­zei­ti­gen Nut­ze­rin­nen und Nut­zern ei­ne Rück­kehr un­ter den zu­künf­ti­gen Be­din­gun­gen“an­ge­bo­ten wer­den. „Aber das Flair hin­term Haupt­bahn­hof wird zer­stört wer­den“, be­fürch­tet Tanja Schnei­der. „Selbst wenn wir uns die Mie­te noch ir­gend­wie leis­ten kön­nen, wird es nicht mehr die schö­ne Ar­beits­at­mo­sphä­re ha­ben, die wir uns in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren hier ge­schaf­fen ha­ben.“Hin und wie­der flat­tern den Künst­lern schon jetzt An­ge­bo­te der Stadt für neue Räu­me ins Haus. „Das sind dann bei­spiels­wei­se leer­ste­hen­de Volks­woh­nun­gen, völ­lig un­ge­eig­net als Ate­liers oder Pro­be­räu­me von Mu­si­kern“, sagt Ant­je Schu­ma­cher. „Wel­cher Mie­ter möch­te denn über sich ein Ate­lier ha­ben, in dem ei­ne Band ih­ren Auf­tritt probt?“Hin­term Haupt­bahn­hof stört das kei­nen. Da wird ge­häm­mert, ge­bohrt und mu­si­ziert, oh­ne dass sich je­mand be­schwert. „Wenn wir jetzt al­le hier raus müs­sen und die Ge­bäu­de ste­hen dann erst­mal zwei Jah­re leer, dann sind sie qua­si zer­stört“, be­fürch­tet Klaus Günd­chen. Und die Künst­le­rin­nen und Künst­ler wer­den ih­ren ein­ma­li­gen Rä­um­lich­kei­ten nach­wei­nen. „Auch wenn wir kei­ne Be­rühmt­hei­ten sind, tra­gen wir doch zum kul­tu­rel­len Ge­sche­hen un­se­rer Stadt bei“, schrie­ben Ant­je Schu­ma­cher und Tanja Schnei­der in ei­nem Brief an den OB, in dem sie Men­trup ih­re ver­zwick­te La­ge schil­dern. „Wir sind seit 1994 in un­se­ren Räu­men. Die Ar­beits­si­tua­ti­on dort ist per­fekt und wir sind be­reit, uns voll und ganz ein­zu­brin­gen, die­se zu er­hal­ten.“Ge­ant­wor­tet hat der Ober­bür­ger­meis­ter auf die­ses Schrei­ben nie. Und den­noch ha­ben die bei­den Künst­le­rin­nen die Hoff­nung auf ein Wun­der noch nicht gänz­lich auf­ge­ge­ben: „Ir­gend­wie glau­ben wir noch im­mer dar­an, dass wir zum gu­ten Schluss viel­leicht doch blei­ben dür­fen.“(Was der OB da­zu sagt, le­sen Sie un­ten im In­ter­view).

Fo­to: Ar­tis/Mon­ta­ge

Fo­tos: Ar­tis

Die Karls­ru­her Künst­ler­ko­lo­nie von oben: Der Ge­mein­de­rat hat jetzt ent­schie­den, dass die zum Teil denk­mal­ge­schütz­ten Ge­bäu­de hin­ter dem Haupt­bahn­hof nach rund 22 Jah­ren bis spä­tes­tens En­de März 2016 ge­räumt wer­den müs­sen. An­schlie­ßend soll dort ein „Krea­tiv­park“ent­ste­hen.

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