Zu­hau­se: Wie ist das, wenn man oft um­zie­hen muss?

Vie­le Kin­der zie­hen mit ih­ren Fa­mi­li­en im­mer wie­der in an­de­re Län­der um

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tanja Ka­sisch­ke

Als Kind hät­te sich die Oma von Li­am (8) und Noah (11) nicht träu­men las­sen, dass sie im Lau­fe ih­res Le­bens drei Zu­hau­se in drei ver­schie­de­nen Län­dern ha­ben wür­de: Po­len, Is­ra­el, Deutsch­land. Was für ih­re En­kel nor­mal ist, dass Mäd­chen und Jun­gen aus an­de­ren Län­dern in Deutsch­land le­ben oder dass deut­sche Fa­mi­li­en ins Aus­land um­zie­hen, war vor 50 Jah­ren die Aus­nah­me. In­ter­net, Sky­pe und so­zia­le Netz­wer­ke wa­ren noch nicht er­fun­den. Des­halb war es auch schwie­ri­ger, Kon­takt in die Hei­mat zu hal­ten. Span­nend sind Aus­lands­er­fah­run­gen im­mer. Des­halb ver­an­stal­te­te das Aus­wär­ti­ge Amt, das in Deutsch­land zu­stän­di­ge Mi­nis­te­ri­um für in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen, vor den Som­mer­fe­ri­en den Ge­schich­ten­wett­be­werb „Mein Zu­hau­se, Dein Zu­hau­se“für Kin­der, de­ren Fa­mi­li­en im Aus­land le­ben. Das kann auch be­deu­ten: in Deutsch­land. Aus al­len Ein­sen­dun­gen ist ein Buch ent­stan­den, in dem Kin­der und Ju­gend­li­che aus al­ler Welt be­rich­ten. „Mei­ne Oma hat zu­erst in Po­len ge­lebt, spä­ter in Is­ra­el. In­zwi­schen wohnt sie in Deutsch­land. Wie wir al­le“, sagt Noah Ad­ler über sei­ne Fa­mi­lie. Mit den Kin­der, die er aus den Fe­ri­en in Is­ra­el kennt, schreibt sich der Elf­jäh­ri­ge auf WhatsApp und Twit­ter. Noah fin­det es gut, „dass das In­ter­net weit ent­fern­te Räu­me ver­bin­det. Es ist leich­ter ge­wor­den, sein Zu­hau­se zu tei­len und an­de­ren zu zei­gen wie man lebt, auch wenn sie in ei­nem an­de­ren Land woh­nen.“Er denkt an ei­nen Freund, der mit sei­ner Fa­mi­lie nach Spa­ni­en ge­zo­gen ist. Oder an den Sohn es US-ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaf­ters, Sam, der bei ihm in der Klas­se war, ehe sei­ne Fa­mi­lie nach Ame­ri­ka zu­rück­ging. Noah hat es ge­schafft, sei­nen jün­ge­ren Bru­der mit dem Schrei­ben ei­ner Ge­schich­te an­zu­ste­cken. Li­am schlüpf­te in ei­ne Fi­gur aus sei­nem Lieb­lings­com­pu- ter­spiel Mine­craft und schil­dert, wie ein Zu­hau­se ent­steht oder ge­teilt wird. „Am Com­pu­ter ist ein Haus schnell ge­baut. Wenn zwei Fa­mi­li­en den­sel­ben Platz wol­len, teilt man ihn und es wird trotz­dem nicht eng.“Char­lot­te Okin­da (12) fand es schwie­rig, in Deutsch­land Freun­de zu fin­den. Sie er­zählt: „Ich bin in Gha­na auf­ge­wach­sen. Gha­na ist ein Land in Westafrika. Jetzt ge­he ich auf ein Gym­na­si­um in Berlin, aber es ge­fällt mir nicht so gut wie in Gha­na, weil nicht al­le Kin­der nett und hilfs­be­reit sind.“Auch Lo­renz Ha­ge­lü­ken (12) hat manch­mal Heim­weh. Er kommt aus Frankfurt am Main, wohnt aber seit zwei Jah­ren mit sei­ner Fa­mi­lie in Doha, der Haupt­stadt Ka­tars. „Ka­tar ist ei­ne ara­bi­sche Halb­in­sel, un­ge­fähr so groß wie Hes­sen. Mein Va­ter ar­bei­tet dort. Ich muss­te mit. Vie­le ken­nen Ka­tar mitt­ler­wei­le, weil dort 2022 die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft statt­fin­den soll. Ich ge­he auf die Deut­sche In­ter­na­tio­na­le Schu­le. In mei­ner Klas­se sind acht Schü­ler. Wir wa­ren mal 18. Man bleibt hier nicht so lan­ge, oft be­kom­men die Vä­ter nach ei­ni­ger Zeit ei­nen neu­en Job in ei­nem an­de­ren Land. Das ist doof, da man dann wie­der neue Freun­de su­chen muss.“Noch mehr Um­zü­ge hat Fe­lix Stet­ter (11) hin­ter sich: „Ich bin in Wind­huk ge­bo­ren, der Haupt­stadt Na­mi­bi­as im Süd­wes­ten Afri­kas. Dort ha­be ich zwei Jah­re lang ge­lebt. Dann sind wir nach Ka­sachs­tan ge­zo­gen und ha­ben dort drei Jah­re lang in der Haupt­stadt Astana ge­lebt. Ich war in ei­nem ka­sa­chi­schen Kin­der­gar­ten. Da­nach sind wir zu­rück nach Deutsch­land, in ein Dorf in Schles­wig-Hol­stein ge­zo­gen. Dort war es sehr schön. Im Som­mer 2014 ha­ben mir mei­ne El­tern ge­sagt, dass wir nach Ma­lay­sia in Süd­ost­asi­en um­zie­hen. In Deutsch­land ha­ben wir ins­ge­samt sechs Jah­re lang ge­lebt. In­zwi­schen ge­he ich in die fünf­te Klas­se der Deut­schen Schu­le in Kua­la Lum­pur. So heißt die Haupt­stadt Ma­lay­si­as.“„Ich fin­de es toll, dass wir nach Deutsch­land ge­kom­men sind, aber ich freue mich auch schon wie­der dar­auf, ins Aus­land zu ge­hen“, er­klärt Tim Nöt­zold (14). Er hat mit sei­ner Fa­mi­lie in Ost­afri­ka ge­lebt und ist dort je­den Tag mit dem Au­to zur Schu­le ge­fah­ren wor­den. Als er in Deutsch­land zum ers­ten Mal den Schul­bus nahm, fuhr Tim prompt ei­ne Sta­ti­on zu weit: „Weil ich kei­ne Ah­nung hat­te, wie ich zu­rück­kom­me, kam ich viel zu spät zum Un­ter­richt.“Lau­ra Ra­mi­rez (10) wur­de in Me­xi­koS­tadt ge­bo­ren. In­zwi­schen lebt auch sie in Deutsch­land. „Un­ge­fähr ein­mal im Jahr fah­ren wir zu Be­such nach Me­xi­ko. Wenn ich dort bin, füh­le ich mich auch Zu­hau­se. Mei­ne Hei­mat ist, wo mei­ne Fa­mi­lie ist.“

Fo­to: Ka­sisch­ke

Li­am (links) und Noah Ad­ler sit­zen im gro­ßen Saal des Aus­wär­ti­gen Am­tes in Berlin an dem Platz, an dem sonst Au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er Platz nimmt. Dass sie das dür­fen, hängt mit dem Schreib­wett­be­werb „Mein Zu­hau­se, Dein Zu­hau­se“zu­sam­men.

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