An­ders le­ben: Be­such im Klos­ter Lich­ten­thal

Ein Be­such im Klos­ter Lich­ten­thal

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite -

Es ist ein war­mer Nach­mit­tag. Still und fried­lich, in herbst­li­che Far­ben ge­taucht, emp­fängt das Park­ge­län­de des Klos­ters Lich­ten­thal Be­su­cher, die hier an Füh­run­gen teil­neh­men, das Ca­fé oder den Klos­ter­la­den auf­su­chen, manch­mal auch ein­fach nur in Ru­he auf der Bank sit­zen möch­ten. Ei­ne jun­ge Mut­ter sam­melt mit ih­rem Kind Kas­ta­ni­en. Von der Cis­ter­ci­en­se­rin­nen-Ab­tei in Ba­den-Ba­den geht ei­ne ei­gen­ar­ti­ge, tie­fe Ru­he aus, die sich auf den flüch­ti­gen Gast über­trägt und in die­sem Sehn­süch­te nach Ge­bor­gen­heit, Ord­nung und Le­bens­sinn weckt. Doch: „Das Or­dens­le­ben ist ei­ne gro­ße in­ne­re Her­aus­for­de­rung. Es ist ein Marsch durch die Wüs­te“, sagt Schwes­ter Ros­wi­tha, die als Cel­le­rar­in für die Ge­schäfts­füh­rung des Klos­ters zu­stän­dig ist. Ein stren­ges, aber auch fle­xi­bles Re­gel­ge­rüst, der Ver­zicht auf welt­li­che Ver­gnü­gun­gen, die täg­li­chen St­un­den des ge­mein­sa­men Be­tens und Sin­gens, die all­um­fas­sen­de Stil­le: „Kern un­se­res Da­seins ist die Gott­su­che, ver­bun­den mit den ge­mein­sa­men Mü­hen. Nur, wer wirk­lich von Gott be­ru­fen ist, trägt und er­trägt das“, so die Schwes­ter. „Gera­de in der heu­ti­gen Zeit.“Gera­de in der heu­ti­gen Zeit? Was hat sich ver­än­dert, war­um fehlt es den Klös­tern an jun­gem Nach­wuchs? War­um hat sich die Zahl der Schwes­tern auch im Klos­ter Lich­ten­thal in­ner­halb von drei Jahr­zehn­ten um die Hälf­te re­du­ziert? Der­zeit ist die jüngs­te Schwes­ter 48, die äl­tes­te 94 Jah­re alt. Dar­auf, sagt die Cel­le­rar­in – die mit 33 Jah­ren ihr Gelüb­de ab­leg­te – gibt es nicht ei­ne, son­dern vie­le mög­li­che Ant­wor­ten. Da sei ein­mal die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung. Zu­dem ha­be sich der Un­ter­schied zwi­schen „drin­nen und drau­ßen“, zwi­schen Klau­sur und Au­ßen­welt, dras­tisch ver­grö­ßert: „Frü­her ka­men Mäd­chen, nur mit ei­nem Kof­fer in der Hand, aus Fa­mi­li­en im ka­tho­li­schen Mi­lieu. Sie wa­ren an kla­re An­sa­gen ge­wöhnt, füg­ten sich recht schnell in die Klos­ter­struk­tu­ren.“Heu­te sei­en es eher Frau­en mitt­le­ren Al­ters, die sich be­ru­fen fühl­ten: „Sie müs­sen ih­ren Haus­halt auf­lö­sen, kom­men aus ei­nem fle­xi­blen und selbst­be­stimm­ten Le­ben.“Dass vie­le die­ser Frau­en schon „Brü­che in der Bio­gra­phie“hät­ten, oft auf der Su­che nach sich selbst oder ei­nem Schutz­raum sei­en, ma­che es nicht leich­ter: „Ei­ne Ab­tei ist kei­ne Ku­schel­ecke mit ein paar from­men Ein­la­gen.“Wer das Le­ben in der Or­dens­ge­mein­schaft wäh­le, ge­ra­te im­mer wie­der in Kri­sen, hin­ter­fra­ge die Rich­tig­keit die­ses Wegs: „Das ist nicht an­ders als in ei­ner Ehe. Be­zie­hun­gen sind sel­ten et­was ganz Grad­li­ni­ges,

sie sind Hochs und Tiefs un­ter- worfen.“Die fes­te Über­zeu­gung, „von Gott be­ru­fen zu sein“, müs­se sich in sol­chen „Pha­sen der Prü­fung“als Fun­da­ment be­stä­ti­gen, sagt die Schwes­ter. Die ge­mein­sam ver­ein­bar­te Ord­nung im Klos­ter wie­der­um „ist das Ge­rüst, an dem man sich fest­hal­ten kann“. Heu­te sei­en man­che Men­schen zer­ris­sen, ori­en­tie­rungs­los, durch ge­sell­schaft­li­che Um­brü­che ver­un­si­chert; sie ent­schie­den sich häu­fig nicht mehr, fes­te Bin­dun­gen ein­zu­ge­hen: „Wer Angst hat, sich an ei­nen Part­ner zu bin­den, bin­det sich auch nicht an Gott.“Dass

Frau­en im Or­dens- le­ben schei­tern, wo­mög­lich frü­he­ren see­li­schen Ver­let­zun­gen wei­te­re hin­zu­fü­gen, ver­su­chen die Schwes­tern zu ver­hin­dern: Der Weg bis zur ewi­gen Pro­fess ist lang; er dau­ert ins­ge­samt mehr als fünf Jah­re, wäh­rend de­rer sie die Kan­di­da­tin­nen auch in de­ren In­ter­es­se in­ten­siv be­glei­ten. Das Klos­ter­le­ben, dar­an lässt Schwes­ter Ros­wi­tha kei­nen Zwei­fel, be­deu­tet frei ge­wähl­ten Ver­zicht, „um das Herz für Gott frei­zu­ma­chen“. Ver­zicht auf Ehe und Fa­mi­lie, auf Rau­chen, Thea­ter, Dis­co, Aus­schla­fen (der Tag be­ginnt um 4.30 Uhr); Ver­zicht na­tür­lich auch auf Sex. „Frü­her wa­ren die Mäd­chen noch nicht ‚wach­ge­küsst’, wenn sie ins Klos­ter ka­men. Keusch­heit stell­te kein so gro­ßes Pro­blem dar.“Wer heu­te ent­halt­sam le­be, sei ein Exot: „Um­so schwe­rer wiegt die­se Ent­schei­dung, die man ganz be­wusst tref­fen muss.“Ganz ge­ne­rell, meint sie, ste­he der Le­bens­ent­wurf von Non­nen und Mön­chen im Ge­gen­satz zum heu­ti­gen Trend („Ich muss das Le­ben ge­nie­ßen, oh­ne mich an­zu­stren­gen“). „Wir Or­dens­schwes­tern sind nicht hier, um zu ge­nie­ßen“, kon­sta­tiert sie nüch­tern. Zwar zähl­ten auch in­ter­ne Fes­te oder mal ein ge­mein­sa­mes Eis zum Klos­ter­le­ben, doch: Wich­ti­ger sei die ech­te tie­fe Freu­de, die aus ei­nem „au­then­ti­schen Le­bens­ent­wurf“kom­me. In all ih­rer Nüch­tern­heit wirkt Schwes­ter Ros­wi­tha, wie vie­le ih­rer Mit­schwes­tern, kei­nes­wegs ver­härmt, ganz im Ge­gen­teil: Ih­re Au­gen sind wach und le­ben­dig, sie ist sehr auf­ge­schlos­sen. Viel­leicht – oder so­gar wahr­schein­lich – hat je­ne tie­fe Me­di­ta­ti­on und Freu­de, von der sie ins­be­son­de­re im Kon­text mit den täg­li­chen gre­go­ria­ni­schen Ge­sän­gen er­zählt, sie mit der Aus­ge­gli­chen­heit er­füllt, die sie aus­strahlt. „Al­les, was wirk­lich gut wer­den soll, ist mit Be­mü­hung ver­bun­den“, sagt sie: „Aber auch mit ei­ner ge­wis­sen Leich­tig­keit, wenn man sich mit gan­zem Her­zen und vol­ler Über­zeu­gung ein­setzt.“Als sie von ei­ner som­mer­li­chen Rad­tour er­zählt – wäh­rend ih­res Ur­laubs dür­fen die Schwes­tern die Klau­sur ver­las­sen („das war frü­her nicht so, das Klos­ter­le­ben ist of­fe­ner und mensch­li­cher ge­wor­den“) –, fällt es da­her auch nicht schwer, sich die Schwes­ter fröh­lich und mit we­hen­dem Ha­bit vor­zu­stel­len. „Auf die­ser Rei­se ha­ben vie­le Men­schen zu mir ge­sagt: Be­ten Sie für mich“, sagt sie. „Das zeigt, dass die meis­ten von ih­nen re­li­gi­ös auf der Su­che sind.“Sie sieht durch­aus die Chan­ce ei­ner Ge­gen­strö­mung zu be­sag­tem ober­fläch­li­chen Le­ben­s­trend: Die Chan­ce zu ei­ner Rück­be­sin­nung auf in­ne­re Wer­te und Spi­ri­tua­li­tät – und da­mit die Chan­ce, dass sich jun­ge Men­schen wie­der für ein Le­ben im Klos­ter ent­schei­den. Schließ­lich sagt sie ei­nen Satz, der je­de wei­te­re Fra­ge mü­ßig macht und den auch ei­ne Mit­schwes­ter spä­ter spon­tan wie­der­ho­len wird: „Al­les, was ge­schieht und ge­sche­hen wird, liegt in Got­tes Hand.“

Schwes­ter Ir­men­gard (links) ist mit 94 Jah­ren die äl­tes­te Or­dens­schwes­ter im Klos­ter Lich­ten­thal in Ba­den-Ba­den. Rechts Schwes­ter Ma­ria

Hil­de­gard.

Fo­tos: Ka­trin Kö­nig

Schwes­ter Ros­wi­tha (rechts) im Klos­ter­la­den: Für die meis­ten Ar­bei­ten in­ner­halb des Klos­ters wur­de längst Per­so­nal ein­ge­stellt, da ein Groß­teil der Non­nen be­reits in Ren­te ist (der Al­ters­durch­schnitt liegt bei 69 Jah­ren). Links Mit­ar­bei­te­rin Ar­nol­de Kraft.

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