Ver­füh­rung im Groß­for­mat

Von der Per­fek­ti­on zur Po­li­tik: Fo­tos von Andre­as Gurs­ky in Ba­den-Ba­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Der Rhein und sei­ne zwei Far­ben: Grün ist das fla­che Ufer im Vor­der­grund, grau kräu­selnd das Was­ser, wie­der grün das schma­le an­de­re Ufer. Wie auf ei­ner ima­gi­nä­ren Lan­des­fah­ne er­gän­zen sich die Farb­strei­fen auf dem Fo­to „Rhein 2“von Andre­as Gurs­ky. Das Fo­to ist 3,3 Me­ter lang und 1,8 Me­ter hoch. Der Fluss hin­ge­gen, den wir im­mer als mäch­ti­gen Strom be­schrei­ben, ist dar­auf schmal. Ei­ne un­wirk­li­che Schön­heit geht von die­sem nüch­ter­nen Fo­to-Ge­mäl­de aus. Di­rekt ge­gen­über von „Rhein 2“ist „Bah­rain“plat­ziert, ein über drei Me­ter ho­hes Fo­to mit wie­der nur zwei Land­schafts­far­ben. Dies­mal Schwarz und Hell­braun. Hier sind die Li­ni­en nicht gera­de. Hier bren­nen sich schwar­ze Stra­ßen in die Wüs­te. Aus der For­mel-1Renn­stre­cke im ara­bi­schen Staat hat der Fo­to­graf mit Bild­be­ar­bei­tung ei­ne Ach­ter­bahn ent­ste­hen las­sen. Was die Men­schen aus der Land­schaft ma­chen, das könn­te der Fo­to­graf in ei­ner rea­lis­ti­schen Auf­nah­me ab­bil­den. Hier aber will er selbst mo­del­lie­ren, um ein Bild mit we­ni­gen star­ken Zei­chen zu er­zeu­gen. In vie­len frü­he­ren Wer­ken hat der heu­te 60-Jäh­ri­ge in Düsseldorf le­ben­de und leh­ren­de Andre­as Gurs­ky noch mit ana­lo­ger Fo­to­gra­fie das Zei­chen­haf­te in Na­tur­auf­nah­men be­tont und ei­ne Äs­t­he­tik der Din­ge auf­ge­baut. In­zwi­schen nutzt er die di­gi­ta­le Bild­be­ar­bei­tung, um sei­ne Auf­nah­men in per- fek­te Ta­bleaus zu über­füh­ren. Zu se­hen sind Spar­ge­lä­cker in Bran­den­burg mit schwar­zen Fo­li­en und ei­ni­gen Ern­tear­bei­tern, Rie­sen­wohn­blocks in Pa­ris Mont­par­nas­se oder an der De­cke auf­ge­häng­te Klei­dung von Berg­werks­ar­bei­tern. Rie­si­ge, gran­dio­se Kom­po­si­tio­nen, an de­nen die Naht­stel­len der Mon­ta­ge oder Schich­tung ver­schwun­den sind. „Wirk­lich­keit ist über­haupt nur dar­zu­stel­len, in dem man sie kon­stru­iert“, sagt Gurs­ky. Dar­aus ent­steht ei­ne äs­the­ti­sche Ver­füh­rung im Groß­for­mat. Und na­tür­lich wol­len Pan­ora­men wie die Still­le­ben beim Be­trach­ter As­so­zia­tio­nen we­cken. Die Werk­schau im Mu­se­um Frie­der Bur­da soll an­re­gen, die bild­haf­ten Ober­flä­chen, „wie ei­ne Zwie­bel zu schä­len“, so Ku­ra­tor Udo Kit­tel­mann. Der Di­rek­tor der Ber­li­ner Na­tio­nal­ga­le­rie stellt die „so­zia­len Wahr­hei­ten“her­aus, auf die Gurs­kys Fo­tos – üb­ri­gens schon im­mer – ver­wei­sen. Aber viel­leicht braucht es wirk­lich die­se Zu­sam­men­stel­lung, in der die Auf­nah­men ei­ner Müll­hal­de in Me­xi­ko, der prall ge­füll­ten Su­per­markt­re­ga­le so­wie des rie­si­gen Vieh­markts in Gre­e­ley, Ari­zo­na ein tra­gi­sches Drei­eck bil­den. Gurs­kys Fo­tos sind schon für Mil­lio­nen von Dol­lars ver­stei­gert wor­den. Die Ba­den-Ba­de­ner Schau ent­hält auch die be­rühm­ten Men­schen­mas­sen­bil­der, mon­tiert in mo­dern brueg­hel­scher Ma­nier. Und, ganz neu, vier deut­sche Kanz­ler vor ei­nem abs­trak­ten ro­ten Ge­mäl­de. Die Be­geg­nung mit Gurs­kys Fo­to­kunst, aus al­len sei­nen Schaf­fens­pha­sen, hat ei­nen ge­heim­nis­vol­len Ef­fekt auf un­ser Emp­fin­den und Den­ken. Des­halb soll­te man die­se Aus­stel­lung nicht ver­säu­men.

Fo­to: avs/Deck

Der Fo­to­graf Andre­as Gurs­ky bei der Er­öff­nung sei­ner Aus­stel­lung in Ba­den-Ba­den.

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