Hier geht’s um un­ser Kli­ma

100 Ju­gend­li­che aus Deutsch­land, Frank­reich und Ma­rok­ko „spiel­ten“Welt­kli­ma­gip­fel

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Josè­phe ist zu­nächst gar nicht be­geis­tert, dass er beim Plan­spiel der Welt­kli­ma­kon­fe­renz die Grup­pe der Ent­wick­lungs­län­der ver­tre­ten muss. Spä­ter wird der jun­ge Fran­zo­se sa­gen, dass er „die span­nends­te De­le­ga­ti­on von al­len“führ­te. „Die Er­fah­rung, dass wir uns ge­gen die rei­chen mäch­ti­gen In­dus­trie­staa­ten be­haup­ten muss­ten und das ge­schafft ha­ben, war toll!“100 Ju­gend­li­che aus Deutsch­land, Frank­reich und Ma­rok­ko ha­ben sich vor we­ni­gen Ta­gen in Ham­burg ge­trof­fen und die Welt­kli­ma­kon­fe­renz der Ver­ein­ten Na­tio­nen si­mu­liert. Das heißt, sie sind in die Rol­len der teil­neh­men­den Staa­ten ge­schlüpft und ha­ben ver­han­delt, wie es die Po­li­ti­ker im De­zem­ber in Pa­ris tun wer­den. Dann fin­det der „ech­te“Welt­kli­ma­gip­fel statt. Das Plan­spiel wird wie die rich­ti­ge Kon­fe­renz vom Ge­ne­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­lei­tet. Bei den Ju­gend­li­chen heißt er Clé­ment Mé­ti­vier, ist Fran­zo­se, und ist mit An­zug und Kra­wat­te gut auf die Di­plo­ma­ten­rol­le ein­ge­stellt. Sein pro­fes­sio­nel­les Auf­tre­ten hat aber noch ei­nen an­de­ren Grund: „Ich lei­te das Plan­spiel zum sechs­ten oder sieb­ten Mal.“Clé­ment lä­chelt. Rou­ti­ne. Trotz­dem oder genau des­halb weiß er auf sei­ne „De­le­gier­ten“ein­zu­ge­hen. So nennt man die Ver­tre­ter der Staa­ten, die von ih­rer Re­gie­rung de­le­giert (ge­schickt) wer­den. Dies­mal teilt Clé­ment den Ju­gend­li­chen ih­re Rol­len zu. Sie spie­len die Eu­ro­päi­sche Uni­on (EU), die USA, die üb­ri­gen west­li­chen In­dus­trie­na­tio­nen (zu de­nen Ka­na­da, Aus­tra­li­en, Ja­pan und Russ­land ge­hö­ren), au­ßer­dem Chi­na, In­di­en, so­wie die Ent­wick­lungs­län­der. Der Ge­ne­ral­se­kre­tär gibt die Zie­le des Welt­kli­ma­gip­fels aus: Die Er­der­wär­mung darf bis zum Jahr 2100 ma­xi­mal zwei Grad Cel­si­us be­tra­gen. Da­zu müs­sen die Na­tio­nen ih­ren Aus­stoß an Ab­ga­sen, zum Bei­spiel gro­ßer Fa­b­ri­ken oder des Ver­kehrs, re­du­zie­ren und sich ver­pflich­ten, Wäl­der auf­zu­fors­ten. Die näm­lich hel­fen mit, die Luft sau­ber zu hal­ten. Und schließ­lich gilt es, Geld auf ein Kon­to ein­zu­zah­len, das für den Na­tur­schutz ein­ge­setzt wird: 100 Mil­li­ar­den Dol­lar soll der Fonds im Jahr 2100 be­tra­gen. Das ist ei­ne 1 mit elf Nul­len. Ei­ne schwie­ri­ge Auf­ga­be! Doch um das En­de vor­weg zu ver­ra­ten: Die Bi­lanz fällt so­gar hö­her aus, als er­war­tet: 160 Mil­li­ar­den Dol­lar sind die Staa­ten be­reit, zu be­zah­len. Die Grup­pe legt sich ins Zeug, um die Kli­ma­zie­le zu er­rei­chen. Das läuft nicht ganz oh­ne Kon­flik­te ab. Die Ju­gend­li­chen sind nach drei Ver­hand­lungs­run­den so sehr in ih­ren Rol­len an­ge­kom­men, dass an den Ti­schen von „uns In­dern, uns Ame­ri­ka- nern“oder „wir, die EU“die Re­de ist. Als die rei­chen USA die Ent­wick­lungs­län­der zu­rück­wei­sen, die Fi­nanz­hil­fen for­dern, gibt es Streit. Josè­phe schmollt sei­ne Freun­din Ma­ry­lin an, die als USDe­le­gier­te die Ar­me vor der Brust ver­schränkt und nicht mit sich re­den lässt. Ein Ver­mitt­lungs­ver­such der Eu­ro­pä­er schei­tert. „Man kann nicht al­les mit Geld lö­sen“, sagt Ma­ry­lin. Clé­ment führt den Ju­gend­li­chen vor Au­gen, war­um sie wei­ter­ver­han­deln soll­ten, auch die Ent­wick­lungs­län­der: „Ihr wer­det un­ter­ge­hen, des­halb neh­me ich euch sym­bo­lisch den Tisch weg.“Ge­sagt, ge­tan. „Ei­ne glo­ba­le Er­wär­mung um mehr als zwei Grad hin­ter­lässt et­li­che un­be­wohn­ba­re Re­gio­nen auf die­ser Er­de. Das Land ver­sinkt im Meer, weil der Mee­res­spie­gel steigt, oder es dürrt aus, weil es zu heiß ist und kei­ne Pflan­zen mehr wach­sen kön­nen. Auch kein Obst oder Ge­mü­se“, mahnt der Ge­ne­ral­se­kre­tär. In­zwi­schen hat er sein Ja­ckett ab­ge­legt und die Är­mel hoch­ge­krem­pelt. Josè­phe sor­tiert sei­ne No­ti­zen man­gels Tisch nun auf dem Fuß­bo­den und blickt grim­mig in Rich­tung der USA. Ma­ry­lin presst die Lip­pen auf­ein­an­der, sie merkt aber, dass ih­re Grup­pe be­reit ist, nach­zu­bes­sern. Auch die EU mel­det sich zu Wort und stellt den Ent­wick­lungs­län­dern fi­nan­zi­el­le Hil­fe in Aus­sicht, die an Um­welt­schutz­pro­jek­te ge­bun­den ist. Die Welt ist ein­ver­stan­den. Die Ent­wick­lungs­län­der sind es auch. Chi­na, nach den USA und der EU der größ­te Luft­ver­schmut­zer, will ab dem Jahr 2030 sei­ne Ab­ga­se je­des Jahr sen­ken. In­di­en be­schließt das ab 2040. Zum Ver­gleich: Zu Be­ginn der Ver­hand­lun­gen war Chi­na von 2045 aus­ge­gan­gen, In­di­en von 2080. Eu­ro­pa, die USA und die west­li­chen In­dus­trie­staa­ten fan­gen schon vor­her da­mit an. Die Kli­ma­kur­ve auf dem Com­pu­ter­mo­ni­tor des Ge­ne­ral­se­kre­tärs nä­hert sich dem Zwei-Gra­dZiel an. Ganz er­rei­chen wer­den es die Ju­gend­li­chen mit dem Plan­spiel heu­te nicht. „Ich mer­ke, wie um­fang­reich und kom­pli­ziert so ei­ne Welt­kli­ma­kon­fe­renz ist. Ein har­tes Stück Ar­beit. Für uns war es nur ein Spiel, trotz­dem sind wir to­tal drin­ge­we­sen“, sagt Nol­te aus Dres­den. Ju­lia aus Leip­zig meint: „Wir soll­ten

Der „Ge­ne­ral­se­kre­tär“trägt ei­ne Kra­wat­te

Fo­to: Ka­sisch­ke

Drei Mo­na­te vor der „ech­ten“Welt­kli­ma­kon­fe­renz im De­zem­ber ha­ben 100 Ju­gend­li­che aus meh­re­ren Län­dern in Ham­burg auch ei­nen „spie­le­ri­schen“Kli­ma­gip­fel durch­ge­führt. Es ging na­tür­lich um die Er­der­wär­mung – und dar­um, wie man die Um­welt schüt­zen kann.

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