Durch die Höl­le

El­tern dro­gen­ab­hän­gi­ger Kin­der hel­fen sich ge­gen­sei­tig wei­ter

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Dro­gen­ab­hän­gi­ge – so sagt man – ge­hen durch die Höl­le. El­tern dro­gen­ab­hän­gi­ger Kin­der geht es da nicht an­ders. Sie schwan­ken zwi­schen be­din­gungs­lo­sem Hel­fen und be­din­gungs­lo­ser Stren­ge, zwi­schen Selbst­zwei­feln und Schuld­zu­wei­sun­gen. Und nicht sel­ten ha­ben sie nie­man­den, mit dem sie sich wirk­lich aus­tau­schen kön­nen. Für sie ist der Ver­ein EL-dro-ST (El­tern­kreis dro­gen­ge­fähr­de­ter und dro­gen­ab­hän­gi­ger Söh­ne und Töch­ter für Karls­ru­he und Um­ge­bung) ei­ne Chan­ce. Die­se Selbst­hil­fe­grup­pe kam vor 35 Jah­ren erst­mals in der Fä­cher­stadt zu­sam­men. „Leu­te, von de­nen man ge­glaubt hat, sie sei­en Freun­de, fra­gen ei­nen im­mer wie­der: Was habt ihr da falsch ge­macht?“Die­ser Satz ei­nes Karls­ru­her Ehe­paars spie­gelt das wi­der, was Fa­mi­li­en er­le­ben, in de­nen es dro­gen­ab­hän­gi­ge Kin­der gibt. Al­lei­ne, hilf­los, ver­zwei­felt – so schil­dert Bet­ti­na Kon­stan­din den Zu­stand sol­cher El­tern. „Bei uns in der Grup­pe kann je­der et­was vom an­de­ren ler­nen“, sagt die Vor­sit­zen­de von EL-dro-ST. „Hier kann man Schuld­ge­füh­le ab­le­gen und Stär­ke ge­win­nen.“Die braucht man, wenn das ei­ge­ne Kind dro­gen­ab­hän­gig ist. Bet­ti­na Kon­stan­din weiß, wo­von sie spricht. Ihr 25-jäh­ri­ger Sohn lebt seit vie­len Jah­ren mit ei­ner so­ge­nann­ten Dop­pel­dia­gno­se, ei­ner Ab­hän­gig­keits­er­kran­kung und ei­ner psych­ia­tri­schen Stö­rung. Mit 16 rauch­te er Ma­ri­hua­na, um sei­ne Psy­cho­se zu be­täu­ben. Der Teu­fels­kreis­lauf be­gann. „Wer zu uns in die Grup­pen­aben­de kommt schil­dert erst mal sei­ne Pro­ble­ma­tik“, er­zählt Kon­stan­din über die Tref­fen in der Karls­ru­her Wer­der­stra­ße. „Er er­fährt Ver­ständ­nis, denn al­le durch­le­ben das glei­che. Und er be­kommt Mög­lich­kei­ten auf­ge­zeigt, wie er aus dem Jam­mern her­aus­kommt und Kon­zep­te für sein Le­ben ent­wi­ckeln kann“. Vie­le, so weiß die 50-Jäh­ri­ge, er­war­ten sich von der Grup­pe ein Pa­tent­re­zept für Dro­gen­pro­ble­me. Oft, so sagt sie, sei es für die­je­ni­gen ein Schock zu er­ken­nen, dass man nicht vor- nehm­lich et­was am Ver­hal­ten der Kin­der än­dern kann, son­dern zu­erst mal da­für sor­gen soll­te, dass es ei­nem selbst gut geht. „Nur wenn es uns gut geht, kön­nen wir auch gu­te Ent­schei­dun­gen tref­fen und Pro­ble­me lö­sen“, ist sie sich si­cher. In der Grup­pe ist An­ony­mi­tät obers­tes Ge­bot. Man spricht sich nur mit Vor­na­men an und fragt nicht lan­ge nach den Hin­ter­grün­den. Die durch­schnitt­lich 20 Teil­neh­mer der wö­chent­li­chen Zu­sam­men­künf­te kom­men aus Karls­ru­he und den an­gren­zen­den Land­krei­sen. Da ist es auch schon mal pas­siert, dass sich zwei Ar­beits­kol­le­gen plötz­lich ge­gen­über­sa­ßen. „Das war im ers­ten Mo­ment schwie­rig für die, nach­her aber ge­ra­de­zu be­frei­end als sie ge­se­hen ha­ben, dass es dem an­de­ren genau so dre­ckig geht“, er­in­nert sich Kon­stan­din. Na­tür­lich gibt es in der Grup­pe auch ganz schreck­li­che Mo­men­te, wenn je­mand stirbt oder rück­fäl­lig wird. Aber auch da kön­nen sich die El­tern ge­gen­sei­tig stüt­zen. Denn sie ma­chen al­le die Höl­le durch.

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