„Ein Stück Nor­ma­li­tät“

In vie­len Städ­ten schnei­den Fri­seu­re Flücht­lin­gen kos­ten­los die Haa­re

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen -

Schwar­ze Haa­re krin­geln sich auf dem Bo­den. Ganz still sitzt die jun­ge Sy­re­rin auf dem Stuhl. Die Fri­seu­rin zückt die Sche­re und wie­der glei­tet ei­ne lan­ge Sträh­ne nach un­ten. Für die 28-Jäh­ri­ge ist es der ers­te Haar­schnitt, seit sie nach Deutsch­land ge­flüch­tet ist – ein Ein­schnitt, der sich nun auch auf ih­rem Kopf wi­der­spie­gelt. „Ich füh­le mich nicht so wohl“, sagt sie. „Ich woll­te ei­ne Ve­rän­de­rung, ei­nen neu­en Look.“An die­sem Tag trennt sie sich von ih­ren lan­gen Haa­ren. Als die Fri­seu­rin Susanne Tora­man fer­tig ist, um­spielt ein Pa­gen­kopf das Ge­sicht der jun­gen Frau. Ih­re bei­den klei­nen Kin­der und zwei an­de­re Flücht­lings­frau­en schau­en der Ver­wand­lung ge­spannt zu. Zwei­mal im Mo­nat schnei­den Tora­man und ei­ne Kol­le­gin an ih- „Dan­ke­schön“, sagt die 28-Jäh­ri­ge auf Deutsch und strahlt die Fri­seu­rin an. Im Ba­de­zim­mer ne­ben­an dreht sie sich lang­sam vor dem Spie­gel hin und her, streicht sich prü­fend über die Haa­re. Dann bin­det sie ihr ro­sa­far­be­nes Kopf­tuch dar­über fest. Auch wenn nur we­ni­ge Men­schen ih­re neue Fri­sur zu se­hen be­kom­men, für sie sei es ein schö­nes Ge­fühl, sagt sie. „Lei­der hat man viel zu we­nig Zeit, et­was für sich zu tun. Stän­dig ist man mit den Ge­dan­ken in der Hei­mat.“Sich wa­schen kön­nen, sei­nen Kör­per zu pfle­gen – auch das hat mit Men­schen­wür­de zu tun. Vie­le Flücht­lin­ge sind mo­na­te­lang un­ter­wegs, schla­fen un­ter frei­em Him­mel und tei­len sich in über­füll­ten La­gern we­ni­ge Toi­let­ten. „Vie­le ha­ben manch­mal nur das, was sie am Leib tra­gen“, sagt Erik Hatt­ke vom Netz­werk „Dres­den für Al­le“, das Hy­gie­ne­ar­ti­kel an Flücht­lin­ge ver­teilt. Vie­le Men­schen spen­de­ten Klei­dung. An Sei­fe, Zahn­pas­ta und Zahn­bürs­ten feh­le es da­ge­gen. Auch das Deut­sche Ro­te Kreuz stat­tet die Men­schen in den Not­un­ter­künf­ten mit Wasch­zeug aus – aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den, aber auch für das Wohl­be­fin­den der Flücht­lin­ge. Dass sich die­se in ih­rer Haut we­nigs­tens ein biss­chen woh­ler füh­len kön­nen, da­für wol­len Fri­seu­re in Bre­men, Berlin, Düsseldorf, Ham­burg und vie­len an­de­ren Städ­ten sor­gen. Ein An­ge­bot, das auch bei den Män­nern gut an­kommt. Im Bre­mer Flücht­lings­heim war­ten sie schon in ei­ner So­fa­ecke dar­auf, dass sie an die Rei­he kom­men. Als ers­tes nimmt der klei­ne Ma­so­um auf dem Stuhl vor Susanne Tora­man Platz. Der Zwei­jäh­ri­ge blickt et­was ängst­lich drein, lässt sich dann aber ge­dul­dig die Haa­re mit der Ma­schi­ne kür­zen. Ein kri­ti­scher Blick vom Va­ter, ein zu­frie­de­nes Ni­cken, dann bit­tet er Tora­man kurz um das Ge­rät. Mit ge­üb­ter Hand ra­siert er sei­nem Sohn drei waa­ge­rech­te Li­ni­en auf die rech­te Kopf­sei­te – so wie er es zu Hau­se auch tra­gen wür­de.

Wa­schen, Schnei­den, Zu­wen­dung

Fri­seu­rin Susanne Tora­man schnei­det in Bre­men dem zwei­jäh­ri­gen Ma­so­um aus Sy­ri­en die Haa­re. Ein­mal die Wo­che be­sucht sie ein Über­gangs­wohn­heim. Fo­to: avs

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