Frust bei Land­wir­ten: Preis für Milch bleibt ma­ger

Für das Pro­dukt ih­rer Milch­kü­he er­hal­ten sie seit Mo­na­ten 30 Cent pro Li­ter – 40 Cent wä­ren nö­tig

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher/avs

Je­den Mor­gen um 6.30 Uhr und je­den Abend um 17.30 Uhr wer­den auf dem Bau­ern­hof von Ru­dolf Mül­ler die Milch­kü­he ge­mol­ken. 70 Tie­re hält der Bret­tener Land­wirt und den täg­li­chen Um­gang mit ih­nen hat er, bei al­ler Ar­beit, im­mer ge­nos­sen. Jetzt al­ler­dings ist ihm die Milch so­zu­sa­gen sau­er ge­wor­den. So­bald der Tank­wa­gen der Mol­ke­rei sein Pro­dukt ab­holt, um es zur Wei­ter­ver­ar­bei­tung nach Heil­bronn zu brin­gen, dann weiß Ru­dolf Mül­ler: „Jetzt ha­ben wir al­le wie­der ge­ar­bei­tet, um drauf­zu­le­gen.“Für ei­nen Li­ter Milch er­hält er 30 Cent. „Und das seit ei­ni­gen Mo­na­ten, der Preis­ver­fall ist im­mer schlim­mer ge­wor­den. Um die Pro­duk­ti­ons­kos­ten zu de­cken, müss­ten 38 bis 40 Cent be­zahlt wer­den.“Die Milch macht’s eben nicht mehr, um ei­nen al­ten Wer­be­spruch ab­zu­wan­deln. Man­che deut­sche Mol­ke­rei­en zahl­ten so­gar nur 28 oder 25 Cent pro Li­ter. In die­sen Ta­gen er­hält Susanne Sch­lein­k­o­fer die Sep­tem­ber-Abrech­nung ei­ner Frei­bur­ger Mol­ke­rei für die Milch aus ih­rem Rüppur­rer Hof. Auch die Agrar-In­ge­nieu­rin kann nur mit 29 Cent plus ei­ni­gen Auf­schlä­gen rech­nen. „Ei­gent­lich müss­ten in Süd­deutsch­land mit den klei­ne­ren Hof­struk­tu­ren so­gar 50 Cent be­zahlt wer­den“, meint sie. Zu Hof ge­hö­ren 100 Rin­der, da­von 40 Milch­kü­he. Im­mer­hin kann die Land­wir­tin an die 30 Pro­zent der Milch­men­ge noch selbst ver­mark­ten. Vie­le Men­schen aus Karls­ru­he oder Ett­lin­gen ken­nen Milch­au­to­ma­ten und La­den im Hof­gut Sch­lein­k­o­fer. Der nied­ri­ge Preis bei gleich­zei­tig gro­ßen An­stren­gun­gen für die gu­te Hal­tung der Ras­sen Hol­stein-Schwarz­bunt oder Rot­bunt ge­hen mit der Zeit an die Exis­tenz der Land­wir­te. „Ei­gent­lich hat­ten wir wei­te­re In­ves­ti­tio­nen in den Stall vor, aber dar­an ist nicht mehr zu den­ken“, meint Ru­dolf Mül­ler. Er baut noch un­ge­spritz­tes Ge­trei­de für „Kraich­gau Korn“so­wie Zu­cker­rü­ben an. Die fri­sche Milch er­nährt im­mer we­ni­ger Bau- ern im Süd­wes­ten. In den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren ga­ben 2600 Milch­vieh­hal­ter in Ba­den-Würt­tem­berg auf. Das war fast je­der Vier­te. Die Kri­se hat mehr als ei­ne Ur­sa­che: So ist mit Russ­lands Ein­fuhr­ver­bot für eu­ro­päi­sche Le­bens­mit­tel ein wich­ti­ger Ab­satz­markt weg­ge­bro­chen. In Chi­na schwä­chelt die Nach­fra­ge. Die Milch­bau­ern ma­chen au­ßer­dem den Weg­fall der EU-wei­ten Milch­quo­te zum 1. April für ih­re Mi­se­re ver­ant­wort­lich. Die Er­zeu­ger wer­fen auch den Han­dels­ket­ten vor, an­ge­sichts des Über­an­ge­bots an Milch die Prei­se zu drü­cken. Es ist die gro­ße Aus­nah­me, dass ei­ne klei­ne­re Mol­ke­rei wie „Berch­tes­ga­de­ner Land“ih­ren Ge­nos­sen­schafts­bau­ern den fai­ren Preis von 42 Cent ga­ran­tiert und de­ren Pro­duk­te wie Jo­ghurt eben mehr kos­ten. Doch wie vie­le Ver­brau­cher schau­en nicht nur auf den Preis, son­dern auch auf das Eti­kett und prü­fen, wo ein Pro­dukt her­kommt? Die Mas­se der 80 000 deut­schen Milch­bau­ern lie­fert nicht in die Ni­schen und lei­det. Kein Wun­der, dass ei­ni­ge hun­dert Land­wir­te am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de das Ta­gungs­lo­kal der deut­schen Agrar­mi­nis­ter in Ful­da be­la­ger­ten und be­setz­ten. Im­mer­hin ha­ben die „Gro­ßen“un­ter den Wei­ter­ver­ar­bei­tern und Ver­käu­fern in­zwi­schen re­agiert auf die Nö­te der Milch­bau­ern. Die Fa­mi­li­en­mol­ke­rei Ehr­mann ga­ran­tie­re ih­ren Lie­fe­ran­ten we­nigs­tens die 30 Cent net­to bis Jah­res­en­de, mel­det der Deut­sche Bau­ern­ver­band. Lidl, Al­di oder Net­to ha­ben Preis­er­hö­hun­gen für Milch und But­ter um­ge­setzt oder an­ge­kün­digt. Der Bun­des­ver­band Deut­scher Milch­vieh­hal­ter (BDM) spricht von ei­nem „Zei­chen des gu­ten Wil­lens“. BDM-Spre­cher Hans Fol­de­nau­er schränkt aber ein: „In der Sum­me ist das nur ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein.“Selbst wenn al­le mit­zie­hen wür­den – bei den Milch­bau­ern kom­me ma­xi­mal ein Cent mehr an. Wenn der Li­ter Voll­milch im Su­per­markt bei­spiels­wei­se 55 Cent kos­tet, be­kommt der Land­wirt da­von nur 23,1 Cent, hat das Kie­ler In­sti­tut für Er­näh­rungs­wis­sen­schaft er­mit­telt. Die Milch­bau­ern sind die Al­ler­letz­ten, die von ei­ner Preis­er­hö­hung pro­fi­tie­ren. Aber ei­ne Ober­gren­ze für die deut­sche Milch­pro­duk­ti­on leh­nen der Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­ter und der Bau­ern­ver­band ab. Sie setz­ten al­lein auf den frei­en Markt und neue Ab­satz­märk­te. Dies aber führt zu noch mehr Agrar­fa­bri­ken und zu ei­ner Milch­vieh­hal­tung fast nur noch in Rie­sen-Stäl­len, die ir­gend­wann nur noch von Groß­in­ves­to­ren fi­nan­ziert wer­den kön­nen, fürch­tet Bäue­rin Sch­lein­k­o­fer. Da­bei ha­ben Land­wir­te mit über­schau­ba­ren Stäl­len und Aus­lauf für die Kü­he ei­ne gro­ße ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz. Ih­re Pro­duk­te wer­den ge­schätzt. Wer sei­ne Tie­re auf die Wei­de bringt, wie Susanne Sch­lein­k­o­fer, hat mehr Kos­ten. Die Rüppur­re­rin ist Mit­glied der Ar­beits­ge­mein­schaft bäu­er­li­che Land­wirt­schaft (AbL). Kon­ven­tio­nel­le und Öko-Be­trie­be sind dort ver­tre­ten. Sie wol­len den so­zi­al- so­wie tier- und um­welt­ver­träg­li­chen An­bau stär­ken. Auf klei­ne­ren oder mitt­le­ren Hö­fen soll die nach­hal­ti­ge Tier­hal­tung plus ei­ge­ner Fut­ter­mit­tel­pro­duk­ti­on er­hal­ten blei­ben. Al­lei­ne um ein Kalb bis zur Milch­kuh auf­zu­zie­hen, braucht es zwei Jah­re. Dass dies ge­hen soll, oh­ne für das wei­ße Ge­tränk ge­nü­gend Geld zu er­hal­ten, ist nun wirk­lich ei­ne Milch­mäd­chen­rech­nung.

Zwei Milch­kü­he las­sen sich’s schme­cken: Dann kön­nen sie auf dem Hof­gut Sch­lein­k­o­fer in Karls­ru­he-Rüppurr auch für gu­te Milch sor­gen. Doch die Prei­se für das Pro­dukt schme­cken den Land­wir­ten über­haupt nicht. Die Kos­ten über­stei­gen den Er­lös. Die hef­ti­ge Preis­kri­se hat hei­mi­sche und glo­ba­le Ur­sa­chen. Fo­to: Fa­b­ry

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