Welt-Mäd­chen­tag: Ein Be­such bei Ana­bel in Pe­ru

Ein Tag im Le­ben der elf­jäh­ri­gen Pe­rua­ne­rin Ana­bel / Heu­te ist Welt-Mäd­chen­tag

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite -

Manch­mal wür­de Ana­bel mor­gens am liebs­ten lie­gen blei­ben. Sich noch ein­mal um­dre­hen, die De­cke un­ters Kinn zie­hen und noch ein Stünd­chen schla­fen. Doch es hilft nichts. Sie muss raus aus dem Bett, auch wenn die Luft hier oben in den Ber­gen furcht­bar kalt ist, mor­gens um sechs Uhr, wenn die Son­ne noch gar nicht rich­tig auf­ge­gan­gen ist. Je­den Mor­gen steht die Elf­jäh­ri­ge um sechs Uhr auf. Egal, ob Mon­tag oder Sams­tag, ob Fe­ri­en oder Schul­zeit. Denn die sie­ben Esel ha­ben im­mer Hun­ger. Um sie muss sich Ana­bel als ers­tes küm­mern, noch be­vor sie selbst früh­stückt. We­cker aus­schal­ten, auf­ste­hen, schnell et­was War­mes an­zie­hen, ein biss­chen Brot in die Hand und schon geht es raus aus dem klei­nen Lehm­haus, im­mer steil berg­auf. Ei­ne hal­be St­un­de, manch­mal län­ger, wenn es ge­reg­net hat und die We­ge rut­schig sind. Die sie­ben Esel ste­hen in ei­nem klei­nen Stall und be­grü­ßen Ana­bel mit ei­nem lau­ten „I-AA.“Ei­ne St­un­de küm­mert sich das Mäd­chen um die Esel, füt­tert sie, lässt sie aus dem Stall auf die Wie­se, schaut, ob es al­len gut geht. Es ist ih­re Auf­ga­be, so wie je­der in der Fa­mi­lie ei­ne Auf­ga­be hat. Ih­re Mut­ter be­rei­tet das Früh­stück zu, ih­re Ge­schwis­ter hel­fen dem Va­ter, al­les für den Tag auf dem Feld vor­zu­be­rei­ten. Ana­bel lebt in ei­nem 200-Ein­woh­nerDorf in Pe­ru. In den An­den, in 4000 Me­ter Hö­he. Nicht weit ent­fernt von der al­ten Stadt Cus­co und den In­ka­rui­nen Mac­chu Pic­chu, wo sich so vie­le Tou­ris­ten drän­geln, dass man sei­ne Ein­tritts­kar­te drei Mo­na­te vor­her kau­fen muss. Ob­wohl die Son­ne brennt und nach we­ni­gen Mi­nu­ten ei­nen Son­nen­brand hin­ter­lässt, ist es hier kühl, vor al­lem im Schat­ten. „Wenn ich zu­rück nach Hau­se lau­fe, geht die Son­ne auf“, er­zählt Ana­bel. Die Berg­gip­fel, die stei­len Hän­ge, an de­nen in die­ser Hö­he fast nichts wächst und die auf der Son­nen­sei­te lie­gen­den gras­grü­nen Wie­sen – was die Tou­ris­ten mit ih­ren Ka­me­ras fest­hal­ten, ist für Ana­bel der ganz nor­ma­le All­tag. Dass Tou­ris­ten um die hal­be Welt flie­gen, nur um hier zu wan­dern, dar­über wun­dert sie sich. Wie­der zu Hau­se an­ge­kom­men, früh­stückt die Fa­mi­lie ge­mein­sam, isst ein we­nig Brot und Obst. Dann zieht sich Ana­bel schnell die Schul­uni­form an. „Um acht be­ginnt die Schu­le, zum Glück woh­ne ich gleich um die Ecke“, sagt sie und sucht un­ter ih­rem Bett, das sie sich mit ih­rer fünf Jah­re al­ten Schwes­ter teilt, nach ih­ren Hef­ten. An­de­re Kin­der müs­sen mehr als ei­ne St­un­de zur Schu­le lau­fen, er­zählt sie, wäh­rend sie über die Stra­ße ins Schul­ge­bäu­de läuft, vor­bei an den Plumps­klos der Schü­ler und den gro­ßen Jungs, die ver­su­chen, mög­lichst cool un­ter ih­ren Schirm­müt­zen in die Luft zu schau­en. Den El­tern bei der Ar­beit hel­fen, das müs­sen üb­ri­gens al­le Kin­der hier in der Ge­gend. „Hier sind fast al­le El­tern Bau­ern“, sagt Ana­bel. Ei­ni­ge Müt­ter we­ben bun­te Tü­cher und Ta­schen, die sie an Tou­ris­ten ver­kau­fen, die hier vor­bei­kom­men. Ei­ni­ge Vä­ter ar­bei­ten in Cus­co, der gro­ßen Stadt, die drei St­un­den Au­to­fahrt ent­fernt liegt. Doch ein Au­to hat hier im Dorf ei­gent­lich nie­mand. Mit den klapp­ri­gen bun­ten Li­ni­en­bus­sen, die ein­mal am Tag fah­ren, dau­ert es noch viel län­ger. „Und dann fah­ren sie nicht bis zu uns ins Dorf, son­dern nur bis ins Tal.“Von da aus sind es noch ein­mal zwei St­un­den Fuß­marsch. Klar, dass die Vä­ter nur an den Wo­che­n­en­den zu ih­ren Fa­mi­li­en kom­men. „Ich bin froh, dass mein Va­ter nur hier auf dem Feld ar­bei­tet und nicht in der Stadt“, fin­det Ana­bel. Nach der Schu­le geht sie gleich wei­ter zu dem klei­nen Feld, das ein we­nig berg­auf liegt. Hier hilft sie ih­ren El­tern bis zum Abend­brot. Das, was die Fa­mi­lie von der Ern­te nicht selbst isst, ver­kauft die Mut­ter auf dem Markt im Tal, zu dem sie zwei St­un­den mit den sie­ben Eseln läuft, die die Kör­be mit dem Ge­mü­se tra­gen. Vor al­lem Spi­nat und Kar­tof­feln wach­sen hier. Kar­tof­feln sind ein ty­pi­sches Es­sen in Pe­ru, denn die Kar­tof­fel kommt schließ­lich aus Süd­ame­ri­ka. Wenn kei­ne Kar­tof­feln wach­sen, dann wächst hier Gras. Gras, das die Fa­mi­lie für ih­re Meer­schwein­chen braucht, um die sich Ana­bel und ih­re Schwes­ter nach der Feld­ar­beit küm­mern. Da­von ha­ben sie näm­lich gleich 20 Stück! Die wu­seln in ei­nem klei­nen Stall ne­ben dem Schlaf­zim­mer der Mäd­chen um­her. Auch Meer­schwein­chen kom­men üb­ri­gens aus Süd­ame­ri­ka! Nur hier wer­den sie nicht als ku­sche­li­ges Haus­tier ge­hal­ten – da­für wä­ren 20 Stück auch ganz schön viel. Nein, in Pe­ru sind sie ei­ne De­li­ka­tes­se und wer­den ge­ges­sen. Schon die In­kas ha­ben die klei­nen Tie­re sehr ge­schätzt und auch heu­te kann man in fast je­dem Re­stau­rant Meer­schwein­chen be­stel­len. „Drei Mo­na­te lang füt­te­re ich die Meer­schwein­chen, bis sie dick ge­nug sind, um auf dem Markt ver­kauft zu wer­den“, er­klärt Ana­bel und strei­chelt ein be­son­ders di­ckes Tier. Da die Fa­mi­lie mit der Ern­te vom Feld nicht ge­nug Geld für die sie­ben Kin­der hat­te, ha­ben sie vom Kin­der­hilfs­werk Plan In­ter­na­tio­nal die ers­ten zehn Meer­schwein­chen für ih­re Zucht er­hal­ten und ge­lernt, wie man sie pflegt, vor Krank­hei­ten schützt und rich­tig füt­tert. „Mit dem Geld, das wir für die Tie­re be­kom­men, kön­nen un­se­re Kin­der wei­ter zur Schu­le ge­hen und wir kön­nen ih­re Schul­bü­cher und die Uni­form be­zah­len“, sagt Ana­bels Va­ter. Der äl­tes­te Sohn ist 22 und stu­diert in Cus­co, auch das wä­re oh­ne die Hil­fe der Ent­wick­lungs­hel­fer von Plan nicht mög­lich ge­we­sen. Auch Ana­bel möch­te ein­mal in Cus­co stu­die­ren, am liebs­ten möch­te sie Buch­hal­te­rin wer­den, denn sie mag Zah­len. In der 500 000-Ein­woh­ner-Stadt ar­bei­tet auch ihr zweit­äl­tes­ter Bru­der. Er führt Tou­ris­ten durch die Stadt und zu den In­ka­rui­nen: „Er weiß ganz schön viel“, sagt Ana­bel stolz. „Ih­re Brü­der sind ein gu­tes Vor­bild“, sagt der Va­ter. Er fin­det es gut, wenn sei­ne Kin­der ei­ne Aus­bil­dung ma­chen oder stu­die­ren. Ei­ne gu­te Aus­bil­dung, ein gu­ter Be­ruf, das ist sein Ziel für sei­ne sie­ben Kin­der. „Das Le­ben hier im Dorf und auf dem Feld ist hart und das Geld reicht vor­ne und hin­ten nicht. Mei­ne Kin­der sol­len ein­mal ein bes­se­res Le­ben ha­ben als wir“, sagt der 44-Jäh­ri­ge. Ana­bel ist froh, dass ih­re El­tern sie un­ter­stüt­zen, denn das tun nicht al­le El­tern von ih­ren Freun­din­nen. Ihr gro­ßer Traum: „Ich möch­te mein ei­ge­nes Le­ben und ge­nug Geld ha­ben, um un­ab­hän­gig zu sein.“

Um 6 Uhr klin­gelt der We­cker

Die Frau­en in Ana­bels Dorf tra­gen meis­tens die tra­di­tio­nel­le Tracht: wei­te Rö­cke und Hü­te mit brei­ten Krem­pen, die vor der Son­ne schüt­zen, die hier oben in den Ber­gen sehr stark scheint.

Vie­le Dör­fer in den An­den sind nur über lan­ge Ser­pen­ti­nen zu er­rei­chen. Man­che Kin­der sind auf ih­rem Weg in die Schu­le ei­ne St­un­de lang zu Fuß un­ter­wegs. Die Men­schen, die hier le­ben, sind Nach­fah­ren der In­ka. Fo­tos: Nat­ha­lie Klü­ver

Ana­bel (rechts) mit ih­rer klei­nen Schwes­ter Ma­ria vor dem Haus, in dem sie mit ih­ren El­tern le­ben.

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