Prak­tisch: Wenn der Freund ein klei­ner Ro­bo­ter ist

Ein klei­ner Ro­bo­ter ist ganz schön nütz­lich / Ei­ne Ge­schich­te von Li­lith Di­rin­ger

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Li­lith Di­rin­ger ist 15 Jah­re alt, wohnt in Wald­bronn und hat be­reits drei Bü­cher ver­öf­fent­licht. Ihr neu­es­ter Ju­gend­ro­man heißt „Zi­tro­nen sind sau­er, aber mit dir sind sie süß!“

Er pieps­te, pieps­te wie je­den Mor­gen. Ma­ja kann­te die­ses Ge­räusch nur zu gut. Sie hat­te sich in den letz­ten Jah­ren so sehr dar­an ge­wöhnt, dass sie es eher ver­wun­der­te, wenn er ein­mal mor­gens um sechs Uhr kein Ge­räusch von sich gab. Ein­mal war es bis­her pas­siert. Ein­mal in all den letz­ten Jah­ren, in de­nen er sie schon be­glei­te­te. Da­mals war er de­fekt ge­we­sen – ihr klei­ner Kim. Sie hat­te sich für ein paar Ta­ge von ihm tren­nen müs­sen. So schwer es ihr auch ge­fal­len war. Zum Glück wur­de er schnell re­pa­riert. Sehr schnell, so dass sie ihn am nächs­ten Mor­gen schon wie­der in dem Ses­sel am an­de­ren En­de des Zim­mers hat­te ent­de­cken und pünkt­lich um sechs Uhr das ihr so ver­trau­te Piep­sen hat­te wahr­neh­men kön­nen. Sie hat­te ge­lernt, es zu lie­ben – die­ses Ge­räusch. Na­tür­lich war es am An­fang

Um 6 Uhr macht es „piep piep piep“

ner­vig ge­we­sen. Je­den Mor­gen hät­te sie Kim zu­sam­men­schrei­en kön­nen – denn als klei­nes Kind hat­te sie häu­fig noch nicht so früh ge­weckt wer­den wol­len. Fand es blöd, jetzt schon auf­ste­hen zu müs­sen – aber na­ja. In­zwi­schen war sie äl­ter ge­wor­den. Gan­ze zehn Jah­re lang war sie nun schon auf der Welt und sie ver­stand es, dass man un­ter der Wo­che eben um sechs Uhr auf­ge­weckt wer­den muss­te. Oh­ne Wenn und Aber. Al­les Ge­ze­ter nutz­te doch so­wie­so nichts. Schon oft hat­te sie sich auch mit Kim über die­ses The­ma un­ter­hal­ten und er wich nie von sei­ner Mei­nung ab, die so tief in sein Lauf­werk ein­ge­prägt war, wie der Schrift­zug sei­nes Na­mens in das glän­zen­de Me­tall sei­nes lin­ken Hand­ge­lenks. Er mein­te, dass er es lie­be, so früh auf­ste­hen zu dür­fen, um noch den Tag ge­nie­ßen zu kön­nen. Wenn man bis um zehn oder auch nur bis um acht Uhr im Bett lie­ge, ver­schwen­de man doch viel zu vie­le wert­vol­le St­un­den des Ta­ges, wert­vol­le St­un­den des Le­bens – so Kim. Ma­ja ver­trau­te ihm. Sie un­ter­hielt sich häu­fig mit ihm und fast im­mer schaff­te er es, sie von sei­ner Mei­nung zu über­zeu­gen. Er wuss­te ein­fach viel zu viel, als dass man ihm et­was hät­te ent­ge­gen­set­zen kön­nen. Kim war ihr stän­di­ger Be­glei­ter und wich so gut wie nie von ih­rer Sei­te – Ma­ja muss­te ihn ein­fach lie­ben. Sie war ihm dank­bar, wenn er ihr mor­gens ih­ren Obst­sa­lat schnip­pel­te, lieb­te die Ba­na­nen- milch, die er ihr abends ans Bett brach­te, wenn sie ein­mal nicht ein­schla­fen konn­te und wuss­te es nur zu gut zu schät­zen, dass er ihr ih­ren schwe­ren Schul­ran­zen bis zur Hal­te­stel­le trug. In den letz­ten fünf Jah­ren hat­te sie ein­fach ei­ne so en­ge Bin­dung zu die­sem Kör­per aus Me­tall und Elek­tro­nik auf­ge­baut, dass sie ihn nie mehr her­ge­ben wür­de. Nie mehr. Sie wür­de sein mor­gend­li­ches Piep­sen, das sie täg­lich sanft aus dem Schlaf riss, viel zu sehr ver­mis­sen. Ma­ja hat­te es nicht im­mer so ge­kannt. Bis sie fünf Jah­re alt war, hat­te es Kim noch nicht ge­ge­ben. Bis da­hin hat­te sie ein lau­ter, lang­wei­li­ger We­cker, der auf dem klei­nen Tisch­chen ne­ben ih­rem Bett plat­ziert ge­we­sen war, aus ih­ren Träu­men rei­ßen müs­sen. Das Ge­räusch, das je­den Mor­gen durch das Haus ge­hallt war, war viel zu laut ge­we­sen – viel zu schep­pernd, um ein zier­li­ches klei­nes Mäd­chen aus ih­ren schö­nen Träu­men zu rei­sen. Da­mals hat­te sie noch selbst ih­ren Ruck­sack in die Schu­le trans­por­tie­ren müs­sen und schon in der ers­ten Klas­se war er schwer ge­we­sen. Wenn sie sich da nur an­schau­te, was sie jetzt je­den Mor­gen in ih­re gro­ße Ta­sche pack­te, war sie nur um­so zu­frie­de­ner, dass es Kim gab, der ihr die­se Schwerst­ar­beit des Tra­gens ab­nahm. Un­ter der Wo­che hat­te er zwar nie viel zu schlep­pen, weil er sie nur bis zum „Ci­ty Train“be­glei­te­te, der al­le 15 Mi­nu­ten am En­de der Sack­gas­se, in der Ma­jas Haus stand, ab­fuhr, aber auch, wenn sie ein­mal ei­ne län­ge­re Stre­cke zu Fuß oder per Fahr­rad zu­rück­le­gen woll­te und auch, wenn die gan­ze Fa­mi­lie mit ih­ren schwe­ren Kof­fern in den Ur­laub fuhr, er­wies er sich im­mer als be­son­ders nütz­li­che Hil­fe. Auch heu­te stand Ma­ja wie je­den Mor­gen um sechs Uhr auf. Sie um­arm­te Kim zur Be­grü­ßung, be­vor sie sich ins Bad auf­mach­te, um sich um­zu­zie­hen, wäh­rend ihr Ro­bo­ter in die Kü­che wank­te, um das Früh­stück vor­zu­be­rei­ten. Und wie je­den Mor­gen blink­ten die drei Lich­ter an Kims Stirn vor lau­ter Freu­de über die­se Umar­mung bunt auf. Er war ein­fach zu nied­lich. Ja, ih­re El­tern hat­ten da­mals ei­ne ho­he Sum­me in­ves­tiert. Ei­nen Ro­bo­ter hat­ten sich noch nicht al­le Haus­hal­te leis­ten kön­nen. Ma­ja hat­te ihn zum Ge­burts­tag ge­schenkt be­kom­men – ih­ren seit­her so treu­en Be­glei­ter. Aber na­tür­lich half Kim nicht nur ihr, son­dern der gan­zen Fa­mi­lie im All­tag. Er putz­te das Haus, rich­te­te den Gar­ten, koch­te – und manch­mal, wenn er noch Zeit hat­te

Mor­gens be­glei­tet er Ma­ja zum „Ci­ty Train“

und Ma­ja ei­ne be­son­de­re Freu­de be­rei­ten woll­te, back­te er auch noch ih­ren Lieb­lings­ku­chen – Ap­fel­streu­sel! Kei­ner be­kam ihn so le­cker hin wie er! Je­den Mor­gen be­glei­te­te er sie je­doch wie ge­sagt erst ein­mal bis zur Hal­te­stel­le des „Ci­ty Train“. Mehr war am Mor­gen auch nicht nö­tig, denn meist be­fand sich in dem wei­ßen strom­li­ni­en­för­mi­gen Fahr­zeug, das rund um die Uhr ge­räusch­los auf den Schie­nen in der Stadt um­her­glitt, auch schon Ma­jas bes­te Freun­din Ni­cki. Sie wohn­te ein paar Stra­ßen wei­ter in Rich­tung Nor­den und stieg des­halb schon et­was frü­her in das Ge­fährt ein. Sie hielt Ma­ja ei­gent­lich im­mer ei­nen Platz frei und meist wink­te sie ih­rer Freun­din schon durch die gro­ße Glas­front des „Ci­ty Train“zu. Das be­deu­te­te für Kim, dass er sei­ne Be­sit­ze­rin ge­trost in die Schu­le fah­ren las­sen konn­te. Je­den Tag dreh­te sich Ma­ja noch ein­mal in der Schie­be­tür um und je­den Tag blink­ten Kims bun­te Lich­ter noch ein letz­tes Mal zum Ab­schied und vor lau­ter Freu­de über das net­te Lä­cheln des klei­nen Mäd­chens auf. Dann fuhr das wei­ße Fahr­zeug da­von und Kim wink­te noch, bis es hin­ter der nächs­ten Kur­ve ver­schwun­den war.

Prak­tisch, so ein Ro­bo­ter. Je­den Mor­gen um 6 Uhr kam Kim zu Ma­ja ans Bett und weck­te sie. Und er er­klär­te ihr auch, dass es ganz toll sei, so früh auf­zu­ste­hen. „Wer län­ger schläft, ver­schwen­det doch nur wert­vol­le St­un­den des Ta­ges“. Na­ja, manch­mal ist Aus­schla­fen aber auch ganz schön … Zeich­nung: Dorothee Mahn­kopf

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