Riad Sat­touf: Ge­zeich­ne­ter Ro­man über die Kind­heit

Riad Sat­touf zeich­ne­te ei­nen Ro­man über sei­ne Kind­heit

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite -

W egen des Kriegs in Sy­ri­en sind Tau­sen­de Men­schen nach Eu­ro­pa ge­flo­hen. Da­durch kommt das ara­bi­sche Land, das süd­lich an die Tür­kei grenzt, ak­tu­ell be­son­ders häu­fig in den Nach­rich­ten vor. Riad Sat­touf hat ei­ni­ge Jah­re sei­ner Kind­heit in Sy­ri­en ver­bracht und ein Buch dar­über ge­schrie­ben, oder: ge­zeich­net. Es ge­hört zu den Gra­phic No­vels (über­setzt: ge­zeich­ne­te Ro­ma­ne). Das be­deu­tet, die Er­zäh­lung ist län­ger und die Hand­lung kom­ple­xer als in ei­nem Co­mic. Der Krieg in Sy­ri­en kommt dar­in aber nicht vor, denn Riad Sat­touf lebt seit lan­gem in Frank­reich fern sei­ner Hei­mat. Der SONN­TAG hat ihn ge­trof­fen.

Hal­lo, Herr Sat­touf! Der klei­ne Riad in Ih­rem Buch hat lan­ge blon­de Haa­re. Sie ha­ben schwar­ze Haa­re. Ha­ben Sie ge­lo­gen?

Riad Sat­touf: Nein, ich hat­te als Jun­ge tat­säch­lich blon­de Haa­re. Mei­ne Mut­ter war blond, sie ist Fran­zö­sin. Mein Va­ter ist Sy­rer und hat­te schwar­ze Haa­re. Als ich zwölf oder 13 Jah­re alt war, wur­den auch mei­ne Haa­re dunk­ler und dunk­ler. Da­bei blieb es.

War­um ha­ben Sie Ih­re Ge­schich­te aus Sicht des klei­nen Riad er­zählt, nicht aus Sicht des Er­wach­se­nen?

Riad: Weil Kin­der das Le­ben be­wun­dern. Al­les ist ei­ne Ent­de­ckung. Das fin­de ich toll.

Sie sind in Frank­reich ge­bo­ren, dann zog Ih­re Fa­mi­lie nach Sy­ri­en, spä­ter zu­rück nach Frank­reich. Wo ha­ben Sie sich woh­ler ge­fühlt?

Riad: Die bei­den Län­der zu ver­glei­chen, fällt mir schwer. Ich fand es über­all span­nend, ob­wohl ich so­wohl in Frank­reich als auch in Sy­ri­en der Au­ßen­sei­ter war. In Frank­reich war ich der Sy­rer, in Sy­ri­en der Fran­zo­se. Dort bin ich noch stär­ker auf­ge­fal­len, weil ich blond war und an­ders ge­klei­det als die sy­ri­schen Kin­der. Mei­ne Groß­el­tern leb­ten in ei­nem Dorf sie­ben Ki­lo­me­ter au­ßer­halb der Stadt Homs.

Fin­den Sie, Au­ßen­sei­ter zu sein ist et­was Schö­nes?

Riad: Nein. Mir hat es trotz­dem et­was ge­bracht: Ich be­gann, mei­ne Um­ge­bung und die Men­schen in­ten­siv zu be­ob­ach­ten. Ich stand ja so­zu­sa­gen im­mer am Rand. Dar­aus hat sich mein Ta­lent ent­wi­ckelt, Per­so­nen und Sze­nen zu zeich­nen. In­zwi­schen ist das mein Be­ruf. Dass ich schon als Kind die Welt be­ob­ach­tet ha­be, hat mir bei der Ar­beit an mei­nem Buch sehr ge­hol­fen. Die gan­ze Ge­schich­te ha­be ich aus mei­ner Er­in­ne­rung ge­zeich­net.

Wow! Wel­che ist Ih­re stärks­te Er­in­ne­rung an Sy­ri­en?

Riad: Das Rot der Er­de. Des­halb sind die Ka­pi­tel mei­nes Bu­ches, die in Sy­ri­en spie­len, über­wie­gend rot ge­zeich­net. Frank­reich war für mich das Blau des Mee­res, mei­ne fran­zö­si­sche Oma leb­te an der Küs­te. Die BuchSze­nen in Frank­reich sind blau.

Ih­re Mut­ter ist mit Ih­rem Va­ter ein­fach so nach Sy­ri­en um­ge­zo­gen. Hat­te sie kei­ne Angst?

Riad: Nein. Da­zu muss man wis­sen, das ist lan­ge her. Ich bin 37 Jah­re alt. Das Sy­ri­en da­mals ist nicht das Sy­ri­en von heu­te. Da­mals gab es kei­nen Krieg. Mein Va­ter be­kam ei­nen Job an der Uni­ver­si­tät, des­halb sind wir um­ge­zo­gen. Zu­vor hat­te er 17 Jah­re lang in Frank­reich ge­lebt.

Ihr Buch er­zäh­len Sie aus Sicht des klei­nen Jun­gen Riad. In vie­len Gra­phic No­vels und Co­mics sind die Hel­den männ­lich. War­um ist das so?

Riad: Weil Jungs lie­ber Co­mics le­sen. Dort fin­den sie ih­re Hel­den. Vi­el­leicht ha­ben Jungs au­ßer­dem eher ein op­ti­sches Ge­dächt­nis als Mäd­chen. Sie kön­nen sich Ge­schich­ten bes­ser mer­ken, wenn sie in Bil­dern er­zählt wer­den. Wenn ich in Schu­len aus mei­nem Buch le­se, fra­gen mich da­nach die Jungs, ob man als Zeich­ner mehr Geld ver­dient oder als Fuß­ball­spie­ler.

Und was emp­feh­len Sie?

Riad: Ich ha­be lei­der kei­ne Ah­nung von Fuß­ball. In­ter­view: Tan­ja Ka­sisch­ke Riad Sat­toufs Buch „Der Ara­ber von mor­gen“ist im Kn­aus-Ver­lag er­schie­nen und kos­tet 19,99 Eu­ro. Ein Fort­set­zungs­band er­scheint 2016.

In sei­ner ge­zeich­ne­ten Au­to­bio­gra­fie „Der Ara­ber von mor­gen“er­zählt Riad Sat­touf sei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen. Hier ein Aus­schnitt aus dem Buch. Der zwei­te Teil ist in Frank­reich schon er­schie­nen und wird im Fe­bru­ar auch in Deutsch­land ver­öf­fent­licht. Ab­bil­dung: Kn­aus-Ver­lag

Foto: Riad Sat­touf

Ein Sel­fie für den SONN­TAG. Riad Sat­touf hat sich selbst fo­to­gra­fiert.

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