Durch­blick für To­le­ranz

Im Gar­ten der Re­li­gio­nen blü­hen kur­ze Glau­bens­tex­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Foto: Ar­tis / Mon­ta­ge SO

In Karls­ru­he stößt ein blei­ben­des Ge­schenk zum Stadt­ge­burts­tag auf gu­te Re­so­nanz. Mit­ten in ei­nem Park er­hält man Zu­gang zu fünf Welt­re­li­gio­nen

Ein Mann schiebt den Dop­pel­kin­der­wa­gen über die schma­len We­ge. In der kräf­ti­gen Herbst­son­ne la­den klei­ne Be­ton­bän­ke noch zum Sit­zen ein. An­ge­nehm viel Ra­sen und ho­he Bäu­me mit noch strah­lend gel­ben Blät­tern ge­ben den Au­gen Er­ho­lung. Et­was wei­ter weg sieht man die neue­ren Karls­ru­her Bü­ro­tür­me an der Lud­wig-Er­hard-Al­lee, die mo­der­nen qua­dra­ti­schen Wohn­blö­cke der Süd­ost­stadt und blickt auf die im Bau be­find­li­che Feu­er­wa­che an der Stutt­gar­ter Stra­ße. Mit­ten im Stadt­le­ben schafft der Ci­ty-Park ei­nen Frei­raum und mit­ten im Park hat die Re­li­gi­on ih­ren Platz. Aber ganz oh­ne Ge­bäu­de, Bild­stock oder Denk­mal. Kei­ne Ka­pel­le steht hier, kein Kreuz ist auf­ge­rich­tet, kein Ge­bets­raum oder Tem­pel fin­det sich in Nach­bar­schaft des Ten­nis-Clubs Grün-Weiß. Und doch ist die Re­li­gi­on ver­tre­ten. So­gar im Plu­ral. Durch Tex­te und Sym­bo­le auf schwar­zen Stahl­plat­ten. Brot und Fi­sche sind im christ­li­chen Rund zu ent­de­cken oder auch ei­ne Frie­dens­tau­be. Über­all blü­hen im Karls­ru­her Gar­ten der Re­li­gio­nen auch kur­ze Tex­te ganz- und mehr­jäh­rig. Wäh­rend die La­ven­del­bü­sche jetzt in Win­ter­ru­he ge­hen und die Zie­räp­fel­bäu­me noch schmal sind. Fünf Welt­re­li­gio­nen: Chris­ten­tum, Ju­den­tum, Is­lam, Bud­dhis­mus und Hin­du­is­mus ha­ben im run­den Gar­ten der Re­li­gio­nen ih­ren wie­der­um kreis­run­den Platz. Zum 300. Ge­burts­tag hat sich Karls­ru­he die­ses blei­ben­de und aus­sa­ge­kräf­ti­ge Ge­schenk ge­macht – in Er­in­ne­rung an die re­li­giö­se To­le­ranz, die schon im Pri­vi­le­gi­en­brief bei der Stadt­grün­dung wich­tig war. Seit der Er­öff­nung am 24. Sep­tem­ber spür­ten schon vie­le Men­schen die sanf­te Aus­strah­lung die­ser An­la­ge und lie­ßen sich – die Re­so­nanz war über­ra­schend groß – in Grup­pen füh­ren. „Aber die Re­li­gio­nen sind doch wirk­lich nicht al­le gleich“, hat Mir­ja Kon-The­deran dann als Ar­gu­ment ge­gen die gleich­be­rech­tig­te Ver­tre­tung ge­hört. Die Bud­dhis­tin ge­hört mit der evan­ge­li­schen Pfar­re­rin Ul­ri­ke Krumm und Rüstü As­lan­dur, dem Vor­sit­zen­den des deutsch­spra­chi­gen Mus­lim­krei­ses, zu den geis­ti­gen Ar­chi­tek­ten des Pro­jekts. „Nein, die Re­li­gio­nen sind nicht gleich, aber wie Men­schen ver­schie­de­ner Re­li­gio­nen in der Stadt ne­ben- und mit­ein­an­der woh­nen, so sind sie auch im Gar­ten ver­tre­ten“, sagt Kon-The­deran. „Wenn wir ihn vor­stel­len, dann gibt es Ba­sis­in­for­ma­tio­nen zu je­der Re­li­gi­on, aber nicht um das Tren­nen­de zu ver­tie­fen. Hier füh­ren al­le We­ge zu­ein­an­der, um die Wer­te in der Ver­schie­den­heit zu er­ken­nen“. Selbst in­ner­halb der Re­li­gio­nen gibt es ja die Tren­nung in Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten, Sun­ni­ten und Schii­ten. Die­se wird nicht the­ma­ti­siert. Er­in­nert wird je­doch an die Bahá’í-Re­li­gi­on und die Frei­re­li­giö­se Ge­mein­de, bei­de sind mit Ta­feln im Gar­ten ver­tre­ten. (Auf der Home­page zum Karls­ru­her Gar­ten der Re­li­gio­nen gibt es wei­ter­füh­ren­de In­for­ma­tio­nen, er­freu­li­cher­wei­se, oh­ne dass gleich al­le In­hal­te der An­la­ge di­gi­ta­li­siert wur­den.) Re­li­giö­sen Dia­log er­mög­li­chen und an­de­re Gläu­bi­ge ken­nen­ler­nen – die­se Früch­te sol­len im bun­des­weit bei­spiel­haf­ten Gar­ten ge­ern­tet wer­den. Schließt das aber nicht wie­der Men­schen aus – je­ne, die nicht glau­ben? Um­ge­ben ist der re­li­giö­se „Kern­gar­ten“von der aus­führ­li­chen Do­ku­men­ta­ti­on welt­li­cher Tex­te. Die Er­klä­rung der Men­schen­rech­te, das Grund­ge­setz oder die Lan­des­ver­fas­sung Ba­den-Würt­tem­berg kön­nen stu­diert wer- den. Weis­hei­ten ein­zel­ner Köp­fe kom­men hin­zu. Über die Men­schen sagt Kon­fu­zi­us: „Von Na­tur aus sind wir ein­an­der nah, aus Ge­wohn­heit sind wir ein­an­der fern.“Und vom klas­si­schen deut­schen Dich­ter Goe­the wird die­ses Zi­tat her­vor­ge­ho­ben: „To­le­ranz soll­te ei­gent­lich nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Ge­sin­nung sein: Sie muss zur An­er­ken­nung füh­ren. Dul­den heißt be­lei­di­gen.“Die goe­the­sche „An­er­ken­nung“mün­det heu­te vi­el­leicht in den Be­griff „in­ter­re­li­giö­se Kom­pe­tenz“. Was macht man in Karls­ru­he aus dem ver­tief­ten Wis­sen von­ein­an­der, wo­für bil­det der Gar­ten im Ci­typark ei­ne Ba­sis? Dar­über spra­chen wäh­rend der heu­te zu En­de ge­hen­den „Is­lam­wo­che“un­ter Mo­de­ra­ti­on von Pfar­re­rin Ul­ri­ke Krumm Ver­tre­ter von Re­li­gio­nen im In­ter­na­tio­na­len Be­geg­nungs­zen­trum. „Über­haupt re­li­gi­ös zu sein, gilt vie­len als eher ver­däch­tig. Im Gar­ten wird Re­li­gi­on sicht­bar ge­macht und ei­ne Be­geg­nung dort, kann Hal­tun­gen ver­än­dern“, sag­te Er­hard Bechthold, der stell­ver­tre­ten­de ka­tho­li­sche De­kan in Karls­ru­he. Der jü­di­sche Rab­bi­ner Arie Fol­ger mein­te, er sei kein Fan von in­ter­re­li­giö­sen Ge­be­ten, wie sie als „Gar­ten­pro­gramm“ins Ge­spräch ge­bracht wur­den. Für ihn ist das Ge­bet et­was sehr per­sön­li­ches. Statt­des­sen soll­te die Ar­beits­ge­mein­schaft für den Gar­ten kon­kre­te so­zia­le Ak­tio­nen, et­wa für Ob­dach­lo­se, Ar­me oder be­dürf­ti­ge Kin­der auf die Bei­ne stel­len. Vol­ler Op­ti­mis­mus zeig­te sich Rüstü As­lan­dur, dass Karls­ru­he Vor­rei­ter sei wenn es dar­um geht, dass re­li­giö­se Men­schen mit­ein­an­der aus­kom­men. Chris­toph Rapp, der sich als Nicht­gläu­bi­ger der Hu­ma­ni­tät ver­pflich­tet sieht, sprach von ei­nem be­son­de­ren Geist der Ge­mein­sam­keit in der Stadt. Der ha­be sich in fünf Jah­ren Vor­be­rei­tung des Gar­tens der Re­li­gio­nen ge­zeigt. Al­le Spre­cher wa­ren sich ei­nig: Mo­dern ge­spro­chen sei der Gar­ten ein „nie­der­schwel­li­ges re­li­giö­ses An­ge­bot“. Man könn­te auch sa­gen, dort wird so et­was wie Öku­me­ne 5.0 prak­ti­ziert. Mit­ten im Le­ben, mit­ten in der Stadt.

Foto: Ar­tis

Mit­ten im Stadt­le­ben ein Platz zum In­ne­hal­ten: Na­he der mo­der­nen Karls­ru­her Süd­ost­stadt blü­hen im Gar­ten der Re­li­gio­nen ganz­jäh­rig Tex­te von fünf Welt­re­li­gio­nen: Chris­ten­tum, Is­lam, Ju­den­tum, Hin­du­is­mus und Bud­dhis­mus. Und Ak­ti­vis­ten pfle­gen auf der Gar­ten­ba­sis wei­ter den in­ter­re­li­giö­sen Dia­log.

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