Preu­ßisch: Mit Pi­ckel­hau­be in Ba­den-Ba­den

Mit Bur­gen­ro­man­tik und Pi­ckel­hau­ben Po­li­tik ge­macht / Wie die Ba­de­ner zu den Preu­ßen stan­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel/mt „Die Preu­ßen im Wes­ten“: bis 28. Fe­bru­ar 2016 im Mu­se­um LA8, Lich­ten­ta­ler Al­lee 8 in Ba­denBa­den. Ge­öff­net diens­tags bis sonn­tags 11 bis 18 Uhr (nicht am 24. und 31. De­zem­ber). Der Ein­tritt kos­tet sie­ben Eu­ro, er­mä­ßigt fünf Eu­ro

Im Rhein­land lie­ßen preu­ßi­sche Prin­zen Rui­nen re­stau­rie­ren und be­schwo­ren mit ro­man­tisch an­mu­ten­den Bur­gen ei­ne ver­meint­lich ur­deut­sche Ver­gan­gen­heit. Sie ver­pass­ten Bau­wer­ken und Land­schaf­ten his­to­ri­sche „Ver­klei­dun­gen“– aber Mit­glie­der des Kö­nigs­hau­ses ge­fie­len sich selbst eben­falls in ent­spre­chen­den Ko­s­tü­men. Die Ho­hen­zol­lern pfleg­ten die fest­li­che Mas­ke­ra­de – durch­aus mit Hin­ter­ge­dan­ken. Dass ihr Han­deln auch auf un­se­re Re­gi­on Aus­wir­kun­gen hat­te, er­fährt man in der Aus­stel­lung „Die Preu­ßen im Wes­ten. Kunst, Tech­nik und Po­li­tik im 19. Jahr­hun­dert“, die bis zum 28. Fe­bru­ar im Mu­se­um LA8 in Ba­den-Ba­den zu se­hen ist. „Schlaf mein Kind, schlaf leis’/ dort drau­ßen geht der Preuß. / Dei­nen Va­ter hat er um­ge­bracht, / dei­ne Mut­ter hat er arm ge­macht. / Und wer nicht schläft in stil­ler Ruh, / dem drückt der Preuß die Au­gen zu“. Im „Ba­di­schen Wie­gen­lied“wird deut­lich, dass das Ver­hält­nis von Ba­de­nern und Preu­ßen kei­nes­wegs kon­flikt­frei war. Wäh­rend sich der preu­ßi­sche Ein­fluss im Rhein­land in Bau­ten und Ver­wal­tungs­struk­tu­ren bald nach dem Wie­ner Kon­gress 1815 deut­lich ma­ni­fes­tier­te, wur­de das Groß­her­zog­tum Ba­den erst nach den Re­vo­lu­ti­on von 1848/49 zum po­li­ti­schen und dy­nas­ti­schen Part­ner der Ho­hen­zol­lern. Groß­her­zog Leo­pold, der im Mai 1849 we­gen dro­hen­der Un­ru­hen mit sei­ner Fa­mi­lie Hals über Kopf die Re­si­denz­stadt Karls­ru­he ver­ließ, such­te in Koblenz die Hil­fe Prinz Wil­helms von Preu­ßen. Der hat­te die Füh­rung der Bun­des­trup­pen über­nom­men und zog über die Pfalz Rich­tung Ba­den. Nach kur­zer Zeit wa­ren die Auf­stän­de nie­der­ge­schla­gen, zu­letzt fiel die Fe­s­tung Ras­tatt, wo sich knapp 6 000 ba­di­sche Re­vo­lu­ti­ons­kämp­fer ver­schanzt hat­ten. Die Sie­ger zeig­ten de­mons­tra­tiv Här­te, zahl­rei­che To­des- und Ge­fäng­nis­stra­fen wur­den ver­hängt und fast al­le li­be­ra­len Er­run­gen­schaf­ten der ver­gan­ge­nen Jah­re rück­gän­gig ge­macht. Wäh­rend sich in der ba­di­schen Be­völ­ke­rung die Vor­be­hal­te ge­gen al­les Preu­ßi­sche hart­nä­ckig hiel­ten, schlos­sen die Fürs­ten­häu­ser ein Bünd­nis, des­sen „pri­va­ter Cha­rak­ter in der Öf­fent­lich­keit über­aus be­tont wur­de“, wie Bar­ba­ra Wagner vom Mu­se­um LA8 in ei­nem Bei­trag zum Aus­stel­lungs­ka­ta­log schreibt: Groß­her­zog Fried­rich hei­ra­te­te 1856 Lui­se von Preu­ßen. Der Schwie­ger­sohn des „Kar­tät­schen­prin­zen“zeig­te sich in der na­tio­na­len Fra­ge als ent­schie­de­ner Be­für­wor­ter der klein­deut­schen Lö­sung un­ter preu­ßi­scher Füh­rung, die 1871 nach dem deutsch-fran­zö­si­schen Krieg mit der Reichs­grün­dung Rea­li­tät wur­de. Un­ge­ach­tet ei­nes At­ten­tats, das 1861 in der Lich­ten­ta­ler Al­lee auf den spä­te­ren deut­schen Kai­ser ver­übt wur­de, weil­ten Wil­helm I. und sei­ne Ge­mah­lin Au­gus­ta 40 Jah­re lang als Som­mer­gäs­te in Ba­den-Ba­den. Die Mai­son Mess­mer, das kai­ser­li­che Do­mi­zil, wur­de zum in­for­ma­len Zen­trum in­ter­na­tio­na­ler Spit­zen­di­plo­ma­tie. Die Aus­stel­lung, die jetzt in der eins­ti­gen „Som­mer­haupt­stadt Eu­ro­pas“ge­zeigt wird, ver­deut­licht, dass die preu­ßi­sche „Ko­s­tü­mie­rung“von Men­schen, Land­schaf­ten und Bau- wer­ken nicht zu­letzt auf dy­nas­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on und ter­ri­to­ria­le Be­herr­schung ab­ziel­te. Die Aus­stel­lung lässt ei­nen Gestal­tungs­an­spruch le­ben­dig wer­den, der so­wohl die Kunst als auch Tech­nik und Ge­schich­te um­fass­te und vie­les ent­ste­hen ließ, das jen­seits der ta­ges­po­li­ti­schen Ab­sicht bis heu­te künst­le­ri­sche Gel­tung hat. Zu se­hen sind un­ter an­de­rem Ge­mäl­de von Andre­as Achen­bach, Carl Ge­org Ens­len, Chris­ti­an Sell, Fried­rich Hid­de­mann, Fritz von Wil­le, zu­dem Aqua­rel­le des rhei­ni­schen Ro­man­ti­kers Carl Scheu­ren, Denk­mal­ent­wür­fe und Mo­del­le der rhei­ni­schen Ho­hen­zol­lern­schlös­ser. Der von Preu­ßen aus­ge­hen­de tech­ni­sche In­no­va­ti­ons­schub wird an den Ei­sen­guss­pro­duk­ten der Say­ner Hüt­te an­schau­lich. Dass der pom­pö­se preu­ßi­sche Stil mit schmu­cken Uni­for­men und Pi­ckel­hau­ben auch iro­ni­schen Wi­der­hall fand, ver­deut­li­chen Ko­s­tü­me des rhei­ni­schen Kar­ne­vals. Zu­dem wer­den spöt­ti­sche Preu­ßen-Karikaturen von Ho­no­ré Dau­mier und Andre­as Achen­bach ge­zeigt.

Preu­ßi­scher Un­ter­of­fi­ziers­helm 1891 bis 1918

Foto: Mu­se­um Zi­ta­del­le Zü­rich

„Das gan­ze Deutsch­land soll es sein“heißt es 1870/ 71 auf die­ser Farbli­tho­gra­fie von Cas­par Scheu­ren. Foto: Samm­lung Wolf­gang Vomm, Ber­gisch Glad­bach

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