Blin­der In­for­ma­ti­ker: Ger­hard Ja­wo­rek und die As­tro­no­mie

As­tro­no­mie ist sein Hob­by: Blin­der In­for­ma­ti­ker schwärmt für den Kos­mos

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Ingrid Voll­mer

„Fai­re Kind­heit“in der Blin­den­schu­le Di­gi­tal durchs Uni­ver­sum

Ger­hard Ja­wo­rek hält Ku­geln in den Hän­den, die aus dem 3-D-Dru­cker kom­men. „Die Er­de, der Mars“, er­klärt er und fühlt mit den Fin­ger­kup­pen die Ober­flä­chen­struk­tu­ren der in Mi­nia­tur­aus­füh­rung nach­ge­bil­de­ten Pla­ne­ten. Se­hen kann er sie nicht. Ja­wo­rek ist blind. Um­so mehr er­staunt sein Hob­by: As­tro­no­mie. Der Ster­nen­freund, der wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Stu­di­en­zen­trum für Seh­ge­schä­dig­te des Karls­ru­her In­sti­tuts für Tech­no­lo­ge (KIT) ist, schwärmt für den Kos­mos, oh­ne je­mals ei­nen Blick hin­ein­ge­wor­fen zu ha­ben. Sei­ne Lei­den­schaft hat der 46-Jäh­ri­ge auch zu Pa­pier ge­bracht. „Blind zu den Ster­nen. Mein Weg als As­tro­nom“heißt Ja­wo­reks Buch, das im Aquen­sis Ver­lag er­schie­nen ist. „Es ist un­er­heb­lich für die As­tro­no­mie, ob ich vie­le oder kei­ne Ster­ne se­he“, sagt der ge­bür­ti­ge Schopf­hei­mer. „Was wir vom Uni­ver­sum theo­re­tisch se­hen kön­nen, sind kei­ne zehn Pro­zent“, macht er deut­lich. Un­be­strit­ten sei ein Ster­nen­him­mel für Se­hen­de ei­ne Au­gen­wei­de. Für Blin­de fun­kel­ten Ster­ne nicht, sie sen­de­ten Ra­dio­si­gna­le aus. Wenn Ger­hard Ja­wo­rek im Ele­ment ist, spru­delt es nur so aus ihm her­aus. Sein Wis­sen ist groß und sein Wunsch, mög­lichst vie­le Blin­de an der As­tro­no­mie teil­ha­ben zu las­sen, eben­so. „ Auch wir Blin­de sind StarWars-Fans“, sagt er la­chend. Pla­ne­ten oder Raum­fäh­ren erlebt er durch das Ab­tas­ten von Mo­del­len. Ger­hard Ja­wo­rek In­ter­es­se wur­de durch ei­nen „su­per na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­richt an der Blin­den­schu­le“ge­weckt. Gleich fügt er an, dass er kein aus­schließ­li­cher Be­für­wor­ter der In­klu­si­on sei. „Es gibt Kin­der, für die ist es bes­ser, sie wer­den nicht in das ex­trem leis­tungs­ori­en­tier­te Schul­sys­tem ge­presst“, sagt er. Im ge­schütz­ten Rah­men von Blin­den­schu­len konn­te er Fä­hig­kei­ten er­ler­nen, die ihm sonst un­ter Um­stän­den ver­bor­gen ge­blie­ben wä­ren. „Für den An­fang ist für ein blin­des Kind ei­ne Son­der­schu­le im­mer die bes­se­re Wahl“, sagt er. Nur so kön­ne es ei­ne fai­re Kind­heit er­le­ben. Ger­hard Ja­wo­rek weiß, wo­von er spricht. Ge­mein­sam mit fünf se­hen­den Ge­schwis­tern in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen war sei­ne Kind­heit nicht im­mer fair. „Es war hart, aber ich ha­be un­heim­lich viel Hand­werk­li­ches ge­lernt, was Blin­de heu­te im über­be­hü­te­ten häus­li­chen Be­reich nicht mehr mit­krie­gen“, er­in­nert er sich. In den Blin­den­schu­len fern von zu­hau­se fand er schließ­lich sei­nen Weg zur In­for­ma­tik. Sein Wis­sen kann er jetzt auch für sein Hob­by ein­set­zen. So hat Ger­hard Ja­wo­rek die „uni­ver­se2go-Bril­le“, mit der Se­hen­de in Ver­bin­dung mit ei­ner Smart­pho­ne-App den vir­tu­el­len Ster­nen­him­mel be­trach­ten kön­nen, für Blin­de um­pro­gram­miert. Durch Dre­hen und Kip­pen die­ser Bril­le fin­det er Pla­ne­ten oder Stern­bil­der – er sieht sie zwar nicht, aber er er­hält ge­spro­che­ne In­for­ma­tio­nen über sie durch die Bril­le. Und er kann sie füh­len: in ei­ner von ihm zu­sam­men­ge­stell­ten In­fo­map­pe mit tak­ti­len, al­so fühl­ba­ren, Pla­ne­ten und Ster­nen.

Foto: ivo-press

„Es ist un­er­heb­lich für die As­tro­no­mie, ob ich vie­le oder kei­ne Ster­ne se­he“, sagt Ger­hard Ja­wo­rek. Über sei­nen Weg zu den Ster­nen hat der am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) ar­bei­ten­de In­for­ma­ti­ker ein Buch ge­schrie­ben. Hier tas­tet er Mo­del­le von Pla­ne­ten und Raum­fäh­ren ab.

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