Recht dun­kel: Aus­stel­lung zur Wehr­machts­jus­tiz

Der lan­ge Arm der Wehr­machts­jus­tiz reich­te auch in un­se­re Re­gi­on

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Am 8. Mai vor 70 Jah­ren war der Zwei­te Welt­krieg zu En­de. Drei Ta­ge spä­ter, am 11. Mai 1945, wur­de der Ge­frei­te Jo­hann Süß er­schos­sen. Deut­sche Sol­da­ten voll­streck­ten ein Ur­teil, das ein deut­sches Kriegs­ge­richt ge­fällt hat­te – nach der Ka­pi­tu­la­ti­on. Der 21-jäh­ri­ge Ma­ri­ne­sol­dat Süß hat­te sich nach An­sicht sei­ner Rich­ter der „Un­ter­gra­bung der Man­nes­zucht“durch „zer­set­zen­de Re­den“schul­dig ge­macht. Lui­se Ot­ten lei­te­te die Kü­che ei­ner Fern­mel­de­ein­heit. Am 21. Ju­ni 1944 äu­ßer­te sie sich ent­täuscht über das Schei­tern des At­ten­tats auf Hit­ler. Die 31-Jäh­ri­ge wur­de de­nun­ziert und zum To­de ver­ur­teilt. Der Ober­be­fehls­ha­ber der Luft­waf­fe wan­del­te das Ur­teil in ei­ne zehn­jäh­ri­ge Zucht­haus­stra­fe um. Lui­se Ot­ten er­fuhr al­ler­dings erst ei­nen Mo­nat spä­ter, dass das Gna­den­ge­such ih­res Va­ters Er­folg ge­habt hat­te. Bis da­hin rech­ne­te sie Tag für Tag mit ih­rer Hin­rich­tung. Erich Bat­schau­er, ge­bo­ren im ba­di­schen Lahr, hat­te we­gen Ur­laubs­über­schrei­tun­gen schon mehr­fach Dis­zi­pli­nar­stra­fen er­hal­ten. Als er wie­der ein­mal zu spät bei sei­ner Ein­heit an­traf, sag­te ihm der Wa­ch­of­fi­zier, er kön­ne „sich auf et­was ge­fasst ma­chen“. Bat­schau­er lief da­von. Er wur­de we­gen Fah­nen­flucht zum To­de ver­ur­teilt. Beim Pro­zess im Sep­tem­ber 1941 spiel­te Bat­schau­ers Vor­le­ben – schwa­che Leis­tun­gen in der Schu­le und im Be­ruf, Vor­stra­fen un­ter an­de­rem we­gen Bet­te­lei – ei­ne gro­ße Rol­le. Der Ver­hand­lungs­lei­ter sprach sich ve­he­ment ge­gen ei­ne Begna­di­gung des Ba­de­ners aus und be­grün­de­te das so: „Sein Le­ben, das bis­her kei­nen Wert hat­te, wird dann viel­leicht nicht nutz­los ge­we­sen sein, wenn er jetzt durch sei­nen Tod an­de­ren Ka­me­ra­den ein ab­schre­cken­des Bei­spiel gibt.“ Fall­ge­schich­ten wie die­se ste­hen im Mit­tel­punkt der Wan­der­aus­stel­lung „Was da­mals Recht war … Sol­da­ten und Zi­vi­lis­ten vor Ge­rich­ten der Wehr­macht“, die bis zum 1. April 2016 im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he Sta­ti­on macht. Der Ti­tel der Schau lehnt sich an ei­ne Be­mer­kung des 1978 zu­rück­ge­tre­te­nen ba­den­würt­tem­ber­gi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Hans Fil­bin­ger an. Er hat­te als Ma­ri­ne­rich­ter an To­des­ur­tei­len ge­gen Wehr­machts­sol­da­ten mit­ge­wirkt und zeig­te – wie vie­le Ver­tre­ter sei­ner Ge­ne­ra­ti­on – auch 30 Jah­re nach Kriegs­en­de kei­ner­lei Un­rechts­be­wusst­sein: „Was da­mals rech­tens war, kann heu­te nicht un­recht sein“. „Deutsch­land brauch­te lang, um an­zu­er­ken­nen, dass nicht al­les Recht ist, was for­mal rich­tig ver­lau­fen war“, sagt Mar­tin Stingl vom Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv. Er ver­weist auf die ent­lar­ven­de Sta­tis­tik: Rund 30 000 To­des­ur­tei­le ver­häng­ten deut­sche Mi­li­tär­ge­rich­te im Zwei­ten Welt­krieg ge­gen De­ser­teu­re, Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer und „Wehr­kraft­zer­set­zer“, bei­spiels­wei­se Leu­te, die sich selbst ver­stüm­melt hat­ten, um nicht an die Front zu müs­sen. Rund 20 000 der Ver­ur­teil­ten wur­den tat­säch­lich hin­ge­rich­tet. Zum Ver­gleich: In der US-ame­ri­ka­ni­schen Ar­mee wur­den le­dig­lich 146, in der bri­ti­schen 40 To­des­ur­tei­le voll­streckt. Die To­des­ur­tei­le wa­ren nur die Spit­ze des Eis­bergs: Mit ei­ner wah­ren Flut von Pro­zes­sen be­kämpf­te die Wehr­macht je­de Form der Ab­wei­chung. Mar­tin Stingl hat­te die Auf­ga­be, die Wan­der­aus­stel­lung zur Wehr­machts­jus­tiz, die von der Stif­tung „Denk­mal für die er­mor­de­ten Ju­den Eu­ro­pas“mit meh­re­ren Part­nern er­ar­bei­tet wur­de, um „re­gio­na­le“Ex­po­na­te zu er­gän­zen. Er dach­te zu­nächst, das sei schwie­rig, denn „Das Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he ist ja kein Mi­li­tär­ar­chiv.“ Doch bei sei­nen Re­cher­chen stell­te er fest: „Wir ha­ben er­staun­lich viel zu dem The­ma.“Der lan­ge Arm der Mi­li­tär­jus­tiz reich­te auch in un­se­re Re­gi­on und an­ge­sichts der Mas­se der Ver­fah­ren wur­den oft Zi­vil­ge­rich­te ein­ge­schal­tet. Für die Aus­stel­lung hat Stingl un­ter an­de­rem Ak­ten zum Fall Heinz Witte aus­ge­wählt: Der Sol­dat dien­te in ei­ner Nach­rich­ten­ein­heit, die 1941 im Raum Minsk lag. Er er­fuhr von Ju­den­er­schie­ßun­gen, war ent­setzt und woll­te das Reichs­luft­fahrt­mi­nis­te­ri­um te­le­fo­nisch über die ver­meint­li­chen „Will­kür­ak­te“in­for­mie­ren. Der „Miss­brauch“der mi­li­tä­ri­schen Te­le­fon­lei­tung kam Witte teu­er zu ste­hen: Ein Feld­ge­richt ver­ur­teil­te den 23-jäh­ri­gen we­gen Wehr­mit­tel­be­schä­di­gung und Di­enst­pflicht­ver­let­zung zu zwei Jah­ren Ge­fäng­nis. Nach dem Krieg ließ sich Witte in Karls­ru­he nie­der. Sein An­trag auf Wie­der­gut­ma­chung wur­de 1950 ab­ge­lehnt: Bei der Blo­cka­de der Te­le­fon­lei­tung ha­be es sich um ein „rein mi­li­tä­ri­sches De­likt“ge­han­delt. Was da­mals Recht war… Dass Sol­da­ten, die von der NS-Mi­li­tär­jus­tiz ver­ur­teilt wur­den, nach dem Krieg kaum Chan­cen auf Ent­schä­di­gung hat­ten, ma­chen vie­le der im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv ge­zeig­ten Fall­bei­spie­le deut­lich. Es herrsch­te die Mei­nung vor, wo­nach in der Wehr­macht „an­stän­di­ge Sol­da­ten“ei­nen „sau­be­ren Krieg“ge­führt hät­ten. Vor al­lem De­ser­teu­re gal­ten noch jahr­zehn­te­lang als „Va­ter­lands­ver­rä­ter“, „Feig­lin­ge“oder „Dreck­schwei­ne“(2002 hob der Bun­des­tag nach er­bit­tert ge­führ­ten De­bat­ten ei­nen gro­ßen Teil der Ur­tei­le auf, die deut­sche Kriegs­ge­rich­te zwi­schen 1939 und 1945 ver­hängt hat­ten). Um­ge­kehrt ge­nos­sen ehe­ma­li­ge Mi­li­tär­rich­ter lan­ge Zeit ho­he Wert­schät­zung – auch hier stellt die Aus­stel­lung Bei­spie­le vor. Er­win Schwin­ge et­wa, der füh­ren­de Ex­per­te für Mi­li­tär­straf­recht im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, der die „Man­nes­zucht“mit äu­ßers­ter Här­te durch­set­zen woll­te, brach­te es in der Nach­kriegs­zeit bis zum Rek­tor der Uni Mar­burg. In den 1960er-Jah­ren ge­riet er in die Kri­tik, doch wehr­te er sich bis zu sei­nem Le­bens­en­de 1994 ge­gen die „Ver­leum­dun­gen“und ver­such­te, die „Eh­re“der Wehr­machts­jus­tiz zu ret­ten. Der Köl­ner Hein­rich Heh­nen hin­ge­gen war als Di­vi­si­ons­rich­ter durch Mil­de auf­ge­fal­len und mit vor­ge­setz­ten Stel­len in Kon­flikt ge­ra­ten. Im Un­ter­schied zu vie­len ehe­ma­li­gen Mi­li­tär­rich­ter-Kol­le­gen mach­te er nach 1945 kei­ne Kar­rie­re in der Jus­tiz.

Aus­stel­lung im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv

Di­enst­sie­gel. Vor­la­ge: GLA Karls­ru­he 309–5355

Ih­re Schick­sa­le sind The­ma der Aus­stel­lung. Vor­la­ge: Stif­tung Denk­mal für die er­mor­de­ten Ju­den Eu­ro­pas.

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