„Das gött­li­che Kind“

In Ita­li­en ist die Krip­pe wich­ti­ger als der Weih­nachts­baum

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Gaia und Fa­bia­no freu­en sich auf die Ad­vents­zeit, die heu­te be­ginnt, be­son­ders. Wie al­le ita­lie­ni­schen Kin­der wer­den sie bis zum Weih­nachts­fest gleich drei­mal be­schenkt! Am 6. De­zem­ber von Sankt Ni­ko­laus, am 13. De­zem­ber von der Lich­ter­kö­ni­gin Lu­cia und am 23. De­zem­ber von Nach­barn und Freun­den. Da­für gibt es in Ita­li­en an Hei­lig­abend kei­ne Ge­schen­ke. Gaia und Fa­bia­no ma­chen sich und ih­ren Mit­schü­lern dann ge­gen­sei­tig ei­ne Freu­de, in­dem sie die Je­sus­kin­dFi­gu­ren ih­rer Krip­pen tau­schen. Das ist in Ita­li­en so Brauch. „Der Weih­nachts­baum ist wich­tig aber die Krip­pe ist wich­ti­ger“, er­zählt Gaia. Der Mi­nia­tur-Stall wer­de zwei Wo­chen vor dem Fest auf­ge­stellt, „das Je­sus­kind le­gen wir aber erst an Hei­lig­abend hin­ein. Bei uns hat je­des Fa­mi­li­en­mit­glied sei­ne ei­ge­ne Krip­pe.“Wie an­de­re Kin­der Auf­kle­ber oder Sam­mel­kar­ten tau­schen, wech­seln in Ita­li­en die Je­sus-Fi­gu­ren ih­ren Be­sit­zer. Die Ita­lie­ner spre­chen re­spekt­voll von il di­vi­no in­fan­te, das heißt „das gött­li­che Kind“. Ei­ne, die Je­sus­fi­gu­ren sam­melt und sie so­gar in ei­nem ei­ge­nen Mu­se­um zeigt, ist Hi­ky Mayr aus Gar­do­ne Ri­vie­ra am Gar­da­see. Ih­rer Fa­mi­lie ge­hört dort ein Ho­tel. Vor 35 Jah­ren, Hi­ky Mayr war in ei­nem Trö­del­la­den auf der Su­che nach schö­nen al­ten De­ko-Töp­fen für ihr Ho­tel, stö­ber­te sie das ers­te Je­sus­kind auf. Die Fi­gur war al­ler­dings ziem­lich ka­putt, ihr fehl­ten Fin­ger und Ze­hen und die Far­be an den Bei­nen des klei­nen Je­sus blät­ter­te ab. Hi­ky Mayr kauf­te die höl­zer­ne Pup­pe trotz­dem und ließ sie re­stau­rie­ren. Ihr Sam­me­lei­fer war ge­weckt. An­ders als Gaia und Fa­bia­no tauscht sie kei­ne ih­rer Fi­gu­ren mehr ein. Da­zu sind sie zu alt, zu wert­voll und zu groß. Statt­des­sen kann man sie im Mu­seo il bam­bi­no Ge­su (Je­sus­kind­mu­se­um) des Or­tes an­schau­en. Es ist das ein­zi­ge Mu­se­um sei­ner Art auf der gan­zen Welt und be­steht seit zehn Jah­ren. 250 Je­sus­kin­der „woh­nen“bei Hi­ky Mayr. Ei­ni­ge Krip­pen­fi­gu­ren se­hen Ba­by­pup­pen nicht nur zum Ver­wech­seln ähn­lich, sie be­sit­zen auch Klei­der und Män­tel zum Wech­seln. So wie die Kin­der im Ad­vent ih­re per­sön­li­che Krip­pe auf­stel­len, zei­gen vie­le Kir­chen und Klös­ter ih­re Je­sus­kin­der. Bis vor 200 Jah­ren gab es Krip­pen aus­schließ­lich dort, für pri­va­te Woh­nun­gen wa­ren sie viel zu teu­er. Das hat sich längst ge­än­dert. Es sind so­gar neue Krip­pen-For­men da­zu­ge­kom­men: In dem um­bri­schen Dorf Ar­ro­ne, ganz in der Nä­he von Gai­as und Fa­bia­nos Hei­mat­stadt Ter­ni, fei­ern die Be­woh­ner Chris­ti Ge­burt zu Weih­nach­ten mit ei­ner „le­ben­den Krip­pe“. „Wir sa­gen da­zu il pre­se­pe viv­en­te“, sagt Fa­bia­no, „al­le ver­klei­den sich so, wie Men­schen vor 2 000 Jah­ren aus­ge­se­hen und ge­lebt ha­ben. Das Le­ben da­mals wird nach­ge­spielt, das ge­sam­te Dorf ver­wan­delt sich in ein be­geh­ba­res Thea­ter. Je­der macht mit, das fin­de ich toll.“So ist es für die Kin­der dann auch nicht tra­gisch, dass zu Hau­se kei­ne Be­sche­rung statt­fin­det. Ge­schen­ke be­kom­men sie schließ­lich noch ein­mal am 6. Ja­nu­ar, dem Drei­kö­nigs­tag. An die­sem Tag tra­fen die Hei­li­gen Drei Kö­ni­ge in Beth­le­hem ein, um das Je­sus­kind an­zu­be­ten und zu be­schen­ken.

Kin­der tau­schen Je­sus­kind-Fi­gu­ren Gleich drei­mal gibt es Ge­schen­ke

Ita­li­ens Kin­der be­kom­men ih­re Päck­chen al­ler­dings von der freund­li­chen He­xe Be­fa­na. Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ses Brauchs er­zählt, dass Be­fa­na mit den Kö­ni­gen zum Stall von Beth­le­hem rei­sen woll­te. Dann aber ver­pass­te sie die Män­ner – und fliegt ih­nen seit­dem auf ih­rem Be­sen nach. Da­bei wan­dert sie von Haus zu Haus, schlüpft durch den Schorn­stein und lässt den Kin­dern Ge­schen­ke da. „Bö­se Kin­der be­kom­men nur Koh­len und Asche“, er­gänzt Fa­bia­no – und ver­rät: „Mir ist das noch nie pas­siert!“Tan­ja Ka­sisch­ke

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