Spu­ren­su­che im Bag­ger­see-Archiv

Ge­wäss­er­kund­ler re­kon­stru­ie­ren aus Baum­pol­len im Torf den hie­si­gen Wald vor 120 000 Jah­ren

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Tho­mas Liebs­cher

Fast ei­ne St­un­de dau­ert das An­zie­hen: So lan­ge be­nö­ti­gen Nor­bert Leist und sei­ne Kol­le­gen bis Un­ter­zie­her oder Tro­ck­en­tauch­an­zug rich­tig sit­zen, Blei­ge­wich­te am Kör­per bau­meln, Lun­ge­nau­to­mat und Press­luft­fla­sche mit zehn Li­tern an­ge­schnallt sind so­wie die Flos­sen für Schwimm­füſ­se. Jetzt noch Kopf­hau­be drü­ber und Mas­ke auf­ge­setzt, Kom­pass und Com­pu­ter ver­staut. Dann stür­zen sich Leist und an­de­re Tau­cher, un­ter an­de­rem vom TC Mu­rä­ne Dur­lach oder dem TC Malsch, in die hie­si­gen Bag­ger­se­en. Sie ge­nieſ­sen bis auf 20 Me­ter Tie­fe schwe­bend die an­de­re Welt im Was­ser. Sie tref­fen auf Fi­sche wie Hech­te, Zan­der und Kaul­bar­sche, auf grüne und far­bi­ge Was­ser­pflan­zen oder auf die Süſs­was­ser­me­du­sen, das sind fas­zi­nie­ren­de, aber ein­ge­schlepp­ten Qual­len. Im Win­ter al­ler­dings heiſst es nor­ma­ler­wei­se für Tau­cher: Still ruht der See. Doch Nor­bert Leis und Co dür­fen im Ge­gen­satz zu an­de­ren Un­ter­was­ser­freun­den auch im Herbst und Win­ter Bag­ger­se­en zwi­schen Ras­tatt und Hei­del­berg auf­su­chen. Denn es geht um ge­neh­mig­te For­schung und prak­ti­sche Hil­fe für un­se­re Süſs­wäs­ser. Der Karls­ru­her Ho­no­rar­pro­fes­sor Nor­bert Leist und sei­ne Teams ge­hö­ren zur Ge­wäss­er­kund­li­che Ar­beits­ge­mein­schaft im Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ver­ein Karls­ru­he. „Wir Lim­no­lo­gen er­fas­sen mit der Un­terwas­ser-Schreib­ta­fel Pflan­zen- und Tier­welt. Da schau­en wir bei­spiels­wei­se nach den zu­letzt häu­fig von Pa­ra­si­ten be­fal­le­nen Aa­len, do­ku­men­tie­ren an­hand von Be­wuchs die Ge­wäs­ser­gü­te wie zu­letzt in Gröt­zin­gen, tun was ge­gen die Mas­sen­ver­meh­rung von Ochen­frö­schen am Lin­ken­hei­mer Streit­köpf­le und be­ra­ten An­gel­ver­ei­ne“, bi­lan­ziert Leist. Ei­ne Her­zens­an­ge­le­gen­heit hebt er be­son­ders her­aus: „Wir nut­zen den Bag­ger­see als Archiv, um her­aus­zu­fin­den, mit wel­chen Bäu­men un­se­re Ge­gend vor 120 000 Jah­ren be­wach­sen war. Das ist fas­zi­nie­rend und bringt er­staun­li­che Er­kennt­nis­se“. Im See schlum­mern al­so Er­in­ne­run­gen an die Ober­flä­che? Wie soll das funk­tio­nie­ren? Es geht nur mit Hil­fe win­zi­ger Teil­chen, der Pol­len, die nur un­term Mi­kro­skop zu se­hen sind. Die Tau­cher be­schaf­fen das Ma­te­ri­al und Bio­lo­ge Sieg­fried Schloss sitzt zu Hau­se in sei­nem Ar­beits­zim­mer, wo er die Ar­ten an­hand ur­al­ter Baum­pol­len be­stimmt. Aber sind doch nicht seit über 100 000 Jah­ren im See ge­schwom­men oder ha­ben sich im Bo­den ver­gra­ben? Das Ge­heim­nis liegt an der Kon­ser­vie­rung der Pflan­zen­res­te im Torf. Am Phil­ipps­bur­ger Brecht­see ha­ben sich in 14 Me­tern Tie­fe mäch­ti­ge Torf­blö­cke er­hal­ten – ganz un­be­ein­flusst von Sand­stür­men­und Kies­ver­wer­fun­gen. Und durch phy­si­ka­li­sche Me­tho­den und Schich­ten­ver­gleich im Al­ter sind sie so weit zu­rück tat­säch­lich da­tier­bar. „Die­sem Torf wird zu­nächst mit ei­ner Beid­hand­sä­ge zu Lei­be ge­rückt. Was ganz schön an­stren­gend ist un­ter Was­ser“, meint Bo­ta­ni­ker Nor­bert Leist. Mitt­ler­wei­le wird der Torf je­doch an­ge­bohrt – nach ei­ner Idee der Tau­cher In­go Kräut­ler und Jür­gen März. Ei­ne Schlag­bohr­ma­schi­ne wird un­ter Was­ser mit Druck­luft nutz­bar. Sie treibt ein Rohr tief in den Torf und kann ihn an Land wie­der her­aus­pres­sen. Nur wenn san­di­ge Schich­ten da­zwi­schen lie­gen, muss das Rohr tief­ge­fro­ren wer­den und an­schlieſ­send wie­der er­wärmt. Weil die For­scher auſ­ser­dem tie­fer boh­ren wol­len, wer­den in die­sen Win­ter die selbst ge­bau­ten Werk­zeu­ge noch­mals ver­fei­nert. In den ge­bor­ge­nen Torf­schich­ten bil­det sich an­hand der Pol­len die Ent­wick­lung wäh­rend Tei­len der so­ge­nann­ten Eem-Warm­zeit ab. Sie ist be­nannt nach ei­nem hol­län­di­schen Flüss­chen, war die Warm­zeit vor un­se­rer jet­zi­gen - und sie sorg­te für noch hö­he­re Durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren. „Da­mals war hier in der Rhein­ebe­ne die Weiſs­tan­ne stark vert­re­die ten, über­haupt nah­men die Na­del­bäu­me zu“, fand Sieg­fried Schloss her­aus. Der frü­he­re Mit­ar­bei­ter an der Karls­ru­her Lan­des­an­stalt für Um­welt­schutz und eins­ti­ge Bür­ger­meis­ter der Ver­bands­ge­mein­de Jock­grim hat die ein Tau­sends­tel Mil­li­me­ter klei­nen Über­bleib­sel von Buchs, Ha­sel oder an­de­ren Pflan­zen be­stimmt. Erst­mals wur­de so die hei­mi­schen Ve­ge­ta­ti­on in der Eem-Zeit nach­ge­wie­sen. Zwi­schen den Tan­nen des Rhein­tals spa­zier­te vor 12 000 Jah­ren der Walde­le­fant her­um, auch Braun­bär, Nas­horn oder Fluss­pferd fühl­ten sich hei­misch. „Un­se­re Tau­cher fin­den im­mer mal wie­der Kno­chen oder Zäh­ne von sol­chen Tie­ren. Im Na­tur­kun­de­mu­se­um wird der Un­ter­kie­fer ei­nes Wald­nas­horns auf­be­wahrt, der in Dax­lan­den ge­fun­den wur­de“, er­zählt Leist. Den groſ­sen Tie­ren sind un­se­re Vor­fah­ren un­gern, aber im­mer mal wie­der mal be­geg­net. Die Men­schen leb­ten aber nicht in der feuch­ten Ebe­ne, son­dern auf den Hü­geln und ka­men zur Jagd ins Tal. Ein­mal wö­chent­lich tref­fen sich die Tau­cher un­ter den Ge­wäss­er­kund­ler zum Tauch­gang. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren galt das Au­gen­merk im tie­fen Was­ser häu­fi­ger der Kin­der­stu­be des Och­sen­froschs. Um des­sen Mas­sen­ver­meh­rung zu ver­hin­dern, wur­den die Quar­tie­re der Quap­pen in den tiefs­ten Lö­chern der Se­en be­sucht, der Be­stand er­fasst, be­kämpft und ent­sorgt. Die Ent­wick­lung der ge­sam­ten Tier- und Pflan­zen­welt in den Bag­ger­se­en um Karls­ru­he wird zu­dem lang­fris­tig do­ku­men­tiert. Für 15 Se­en lie­gen in­zwi­schen Lis­ten vor, dar­auf sind 38 Ar­ten von hö­he­ren Was­ser­pflan­zen ver­zeich­net. Sie tra­gen so schö­ne Na­men wie Arm­leuch­teral­ge oder Was­ser­schlauch (mit gel­ben Blü­ten!) Man­che Ar­ten sind In­di­ka­to­ren zu­neh­men­den

Eh­ren­amt­li­ches Tau­chen für die Wis­sen­schaft

Nähr­stoff­ge­halt und da­mit nach­las­sen­de Ge­wäs­ser­gü­te. „Wo­bei äl­te­re Se­en auf na­tür­lich Wei­se ei­ne schlech­te­re Was­ser­qua­li­tät auf­wei­sen - nicht al­les muss auf mensch­li­che Ein­flüs­se zu­rück­ge­hen“, sagt Nor­bert Leist, der vor der Pen­sio­nie­rung am Land­wirt­schaft­li­chen Tech­no­lo­gie­zen­trum Au­gus­ten­burg ar­bei­te­te. Erst spät im Le­ben ent­deck­te der Bad Schön­bor­ner das Schwe­ben im Was­ser für sich – und schwärmt an­hal­tend da­von. Auch wenn na­tur­wis­sen­schaft­li­ches Tau­chen im Win­ter mit man­chen Mü­hen wie dem des ein­stün­di­gen An­zie­hens ver­bun­den ist, be­vor es in die Tie­fe geht.

Zwi­schen Tan­nen leb­te der Walde­le­fant

Tau­cher am Torf­bro­cken: In ei­nem Phil­ipps­bur­ger Bag­ger­see fin­den die Lim­no­lo­gen vom Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ver­ein Karls­ru­he idea­le Vor­aus­set­zun­gen für ih­re eh­ren­amt­li­chen For­schun­gen. An fast al­len Se­en der Re­gi­on er­mit­teln sie auſ­ser­dem Tier- und Pflan­zen­welt und hel­fen beim Ge­wäs­ser­schutz. Foto: Schott­mül­ler

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