Mut­ter und Mon­strum

Ein neu­es Buch und ei­ne Aus­stel­lung in Köln be­schäf­ti­gen sich mit Kai­se­rin Agrip­pi­na

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausfloge - Chris­toph Dries­sen

Man muss sich mal vor­stel­len, je­mand wür­de ein sol­ches Dreh­buch ein­rei­chen: Ei­ne Frau aus ei­ner Fa­mi­lie von Mi­li­tärs und Po­li­ti­kern hei­ra­tet den Staats­chef, ob­wohl er ihr On­kel ist. Als er sich nach ei­ni­ger Zeit schei­den las­sen will, ver­gif­tet sie ihn. Ihr Sohn wird der neue Mann an der Spit­ze, dankt es ihr aber, in­dem er sie eben­falls um­bringt. Kom­plett ab­ge­dreht? Und doch ist es ge­nau­so pas­siert. Es ist die Bio­gra­fie der Rö­me­rin Agrip­pi­na. Sie war die Mut­ter von Kai­ser Ne­ro. Und die Mut­ter von Köln. Zu ih­rem 2 000. Ge­burts­tag in die­sem Jahr be­leuch­ten ei­ne Aus­stel­lung im Rö­misch-Ger­ma­ni­schen Mu­se­um der Stadt und ein neu­es Buch die um­strit­te­ne Fi­gur. „Ich ha­be kei­ne Bio­gra­fie über sie ge­schrie­ben, son­dern ich ha­be mich mit ih­rem Nach­le­ben, ih­rem My­thos be­schäf­tigt“, sagt der Au­tor Ma­rio Kramp. „Das Fa­zit ist, dass man sich in Eu­ro­pa spä­tes­tens seit dem Mit­tel­al­ter ei­nig war, dass Agrip­pi­na ein Mon­strum war. Nur in Köln war das an­ders. Denn dort gilt sie als Stadt­grün­de­rin – und durf­te des­halb kein Mon­strum sein.“Ihr Le­ben im Schnell­durch­gang: Agrip­pi­na kommt im Jahr 15 nach Chris­tus zur Welt, in Köln, das al­ler­dings noch nicht so heiſst. Es ist ein rö­mi­scher Mi­li­tär­stütz­punkt im Bar­ba­ren­land. Schon nach we­ni­gen Mo­na­ten wird ihr Va­ter, ein Mi­li­tär, nach Sy­ri­en ver­setzt. Agrip­pi­na sieht ih­ren Ge­burts­ort nie wie­der. Sie wächst in Rom auf. Ei­ne Schön­heit, ein Macht­mensch. Es ge­lingt ihr, den Kai­ser Clau­di­us zu be­zir­zen, ob­wohl er ihr On­kel ist. Die bei­den hei­ra­ten. Er ist 58, sie 33. Ih­ren Sohn aus ers­ter Ehe ad­op­tiert er. Der Kn­a­be heiſst Ne­ro. Agrip­pi­na will nicht bloſs die Frau an der Sei­te von Clau­di­us sein, sie will als Kai­se­rin mit­re­gie­ren. Ein un­ge­heu­er­li­cher An­spruch in Rom, wo Frau­en nicht viel zu sa­gen ha­ben. Der Ge­schichts­schrei­ber Ta­ci­tus: „Al­les ge­spielt, horch­te ei­ner Frau. Straff wie ein Mann zog sie die Zü­gel an.“Nur ei­nen Schön­heits­feh­ler gibt es jetzt noch: den Ort ih­rer Her­kunft, die­sen Auſ­sen­pos­ten am nörd­li­chen Rand des Im­pe­ri­ums. Sie muss das kor­ri­gie­ren. Und so er­fin­det sie den klang­vol­len Na­men Co­lo­nia Clau­dia Ara Agrip­pi­nen­sis, ab­ge­kürzt CCAA. Was so­viel be­deu­tet wie: Stadt rö­mi­schen Rechts am Ort ei­nes dem Kai­ser ge­weih­ten Al­tars, un­ter Clau­di­us ge­grün­det auf Initia­ti­ve Agrip­pi­nas. Mit der Zeit wird die­ser Band­wurm­na­me zu „Co­lo­nia“ab­ge­kürzt. Und ir­gend­wann steht da nur noch „Köln“. Mit Agrip­pi­na selbst nimmt es kein gu­tes En­de. Als Clau­di­us mit dem Ge­dan­ken sich von ihr schei­den zu las­sen, setzt sie ihm flugs ein ver­gif­te­tes Pilz­ge­richt vor und schiebt ih­ren Sohn Ne­ro auf den Thron. Der aber be­weist nun, dass er sich von sei­ner Mut­ter ei­ni­ges ab­ge­schaut hat: Er ver­bannt sie aus dem öf­fent­li­chen Le­ben und lässt sie schlieſs­lich er­mor­den. Die Nach­richt vom Tod Agrip­pi­nas er­reicht Köln im Früh­jahr 59. Nur neun Jah­re nach der Er­he­bung zur Stadt wird die groſ­se För­de­rin vom So­ckel ge­stoſ­sen. Kei­ne ein­zi­ge Sta­tue bleibt ver­schont: Erst jetzt ist für die Son­der­aus­stel­lung im Rö­misch-Ger­ma­ni­schen Mu­se­um erst­mals wie­der ei­ne über­le­bens­groſ­se Sta­tue aus den Ka­pi­to­li­ni­schen Mu­se­en in Rom an den Rhein ge­kom­men. „Ei­ne groſ­se Eh­re für uns“, sagt Mu­se­ums­di­rek­tor Mar­cus Tri­er. Die Aus­stel­lung zeigt un­ter an­de­rem, dass sich die rö­mi­schen Köl­ne­rin­nen fri­s­ur­tech­nisch an Agrip­pi­nas Rin­gel­löck­chen ori­en­tier­ten: Sie schau­ten

„Al­les ge­horch­te ei­ner Frau“ Den Mann ver­gif­tet, vom Sohn er­mor­det

sich da­für ein­fach ihr Bild­nis auf Geld­mün­zen an. In Köln ist Agrip­pi­na trotz ih­rer Blut­rüns­tig­keit im­mer po­pu­lär ge­blie­ben. Ei­ne Ver­si­che­rung be­kam ih­ren Na­men, ei­ne Zi­gar­ren­mar­ke – und im Kar­ne­val lebt sie fort in der Jung­frau des Drei­ge­stirns. „Es ist ein zu­tiefst Köl­ner Phä­no­men“, schmun­zelt Buch­au­tor Kramp. „Ei­ne weib­li­che Ur­fi­gur für ei­ne 2 000 Jah­re al­te deut­sche Me­tro­po­le, die zu­gleich Mut­ter, Jung­frau und Mon­strum ist – das muss uns erst mal je­mand nach­ma­chen!“

Um­strit­te­ne rö­mi­sche Kai­se­rin: Am Be­ginn der Köl­ner Ge­schich­te steht Agrip­pi­na. Ei­ne schö­ne und grau­sa­me Frau, von der sich ihr Sohn Ne­ro viel ab­ge­schaut hat. Hier ein Por­trait­kopf der Agrip­pi­na-Sta­tue aus Grau­wa­cke. Ko­pen­ha­gen (Ny Carls­berg Glyp­to­thek). Foto: avs

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