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Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

„Ghos­ting“? Ken­nen Sie das? Ge­nau: So be­zeich­nen Leu­te, die am Puls der Zeit sind, das Schluss­ma­chen oh­ne je­de Er­klä­rung. Da ist ei­ner (oder ei­ne) ei­ne mehr oder we­ni­ger en­ge Be­zie­hung ein­ge­gan­gen – und plötz­lich: Nichts geht mehr. Der Part­ner mel­det sich nicht, re­agiert auf kei­nen An­ruf, igno­riert je­de SMS. Es ist, als ob man es mit ei­nem Geist (auf gut Eng­lisch „ghost“) zu tun ge­habt ha­be. „Ghos­ting“ist ei­ne treff­li­che Be­schrei­bung die­ses Phä­no­mens. Das aus den USA im­por­tier­te Wort wur­de in die­sem Jahr auch hier­zu­lan­de po­pu­lär. Ob es al­ler­dings ei­nen Trend be­schreibt, dar­über kann man sich strei­ten. Leu­te mit schlech­tem Stil hat es schlieſs­lich schon im­mer ge­ge­ben … Mit Trends ist es oh­ne­hin so ei­ne Sa­che – sie kom­men und ge­hen. Doch sie sind trotz ih­rer oft be­grenz­ten Halt­bar­keit von enor­mer Be­deu­tung. Man kann Trends set­zen (was we­ni­gen Trend­set­tern vor­be­hal­ten ist), Trends her­bei­re­den (ein in Wirt­schafts­krei­sen ver­brei­te­tes Phä­no­men, das nicht im­mer von Er­folg ge­krönt ist), auf Trends auf­sprin­gen (ei­ne Pro­fit ver­heiſ­sen­de Form des Op­por­tu­nis­mus), Trends mit­ma­chen (was in ir­gend­ei­ner Form wohl je­der tut) oder Trends ver­schla­fen (was in der Sze­ne mit der Höchst­stra­fe ge­ahn­det wird). Im Di­ens­te vor­aus­schau­en­der Ge­schäfts­leu­te ver­su­chen Trends­couts heu­te her­aus­zu­fin­den, was mor­gen „in“sein wird. Aber hat­te ei­ner von ih­nen den „Dad Bod“auf dem Schirm? Im Früh­jahr schrieb ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Stu­den­tin den Ar­ti­kel „Why Girls Lo­ve The Dad Bod“(War­um Mäd­chen den Pa­pa-Kör­per lie­ben) – und prompt stell­ten Hol­ly­wood-Stars ein se­xy Wohl­stands­bäuch­lein zur Schau, wäh­rend durch­trai­nier­te Six­pack-Jungs ganz schön alt aus­sa­hen. Al­ler­dings lag alt aus­se­hen im zu En­de ge­hen­den Jahr 2015 auch ir­gend­wie im Trend. Bei­spiel „Gran­ny Hair“: Spä­tes­tens als sich La­dy Ga­ga, Ri­han­na und Kel­ly Os­bourne mit sil­ber­schim­mern­den Schöp­fen prä­sen­tier­ten, mu­tier­te Omas Haar­far­be zum neu­en Blond. Bil­der von frisch er­grau­ten End­zwang­zi­ge­rin­nen in al­len denk­ba­ren Po­sen flu­te­ten die so­zia­len Netz­wer­ke – der Selfie-Stick mach­te es mög­lich. Die­ser ver­län­ger­te Arm zum Selbst­fo­to­gra­fie­ren ge­hört zwei­fel­los zu den Trend-Ge­rä­ten mit ho­hem Pein­lich­keits­po­ten­zi­al. Und wer mal mit ei­nem Selfie-Stick-Fe­ti­schis­ten un­ter­wegs war, be­wer­tet auch das Phä­no­men des Ghos­tings neu. Ob­wohl man die­sen Trend wirk­lich nicht her­bei­re­den soll­te.

Die Sa­che mit den Trends

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