Schlaue Jungs

Ein Or­den mit wech­sel­vol­ler Ge­schich­te: Die Je­sui­ten in un­se­rer Re­gi­on

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Der be­rühm­tes­te Je­su­it der Ge­gen­wart ist Papst Fran­zis­kus, der in die­ser Wo­che of­fi­zi­ell das „Hei­li­ge Jahr der Barm­her­zig­keit“ein­ge­lei­tet hat. Das Ober­haupt der rö­misch-ka­tho­li­schen Kir­che ge­hört ei­nem Män­ner­or­den an, der seit sei­ner Grün­dung durch Ignaz von Lo­yo­la im 16. Jahr­hun­dert vie­le kritische und un­be­que­me Geis­ter her­vor­brach­te. An­ge­hö­ri­ge die­ses Or­dens stel­len hin­ter ih­ren Na­men die Buch­sta­ben „SJ“– das Kür­zel steht für „So­cie­t­as Je­su“(Ge­sell­schaft Je­su). We­gen des um­fas­sen­den Bil­dungs­an­spruchs der Je­sui­ten wird das SJ bis­wei­len aber auch scherz­haft als Ab­kür­zung für „schlaue Jungs“ge­deu­tet. Der Or­den, der im ba­di­schen Raum heu­te noch in Mann­heim so­wie am Kol­leg St. Bla­si­en tä­tig ist, hat ei­ne so wech­sel­vol­le Ge­schich­te wie kaum ei­ne an­de­re kirchliche Ge­mein­schaft. Die Ver­brei­tung des „wah­ren Glau­bens“war die zen­tra­le Auf­ga­be der Je­sui­ten – im Zeit­al­ter der Re­for­ma­ti­on wur­den sie zu Haupt­ak­teu­ren bei der Er­neue­rung der

„Sie wur­den im­mer wie­der kri­tisch be­äugt“

ka­tho­li­schen Kir­che. „In Ver­bin­dung mit dem be­son­de­ren Papst­ge­hor­sam, den die Je­sui­ten eben­so wie Ar­mut und Keusch­heit ge­lo­ben, sorg­te ihr häu­fig auch über­schätz­ter Ein­fluss da­für, dass sie im­mer wie­der kri­tisch be­äugt wur­den – in der Kir­che selbst, viel mehr aber noch von welt­li­chen Macht­ha­bern“, er­zählt der Frei­bur­ger Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger: „An­de­rer­seits wur­den die Je­sui­ten gern von Lan­des­her­ren zur Hil­fe ge­holt, wenn es galt, die pro­tes­tan­tisch ge­wor­de­ne Be­völ­ke­rung wie­der für den den ka­tho­li­schen Glau­ben zu ge­win­nen.“So hiel­ten es in der Zeit der ba­di­schen Tei­lung auch die Mark­gra­fen von Ba­den-Ba­den. Wäh­rend Ba­den-Dur­lach seit 1556 auf der evan­ge­li­schen Sei­te stand, kam es in der Mark­graf­schaft Ba­den-Ba­den mehr­fach zu Kon­fes­si­ons­wech­seln. Zwar ver­such­ten stramm ka­tho­li­sche Krei­se be­reits 1570, den noch jun­gen Je­sui­ten-Or­den in Ba­den-Ba­den zu eta­blie­ren, doch erst Mark­graf Wil­helm (1593–1677), ge­lang es, die Ge­sell­schaft Je­su dau­er­haft an der Oos an­zu­sie­deln. Als Mis­sio­na­re und Seel­sor­ger, Leh­rer und Ka­te­che­ten, Li­te­ra­ten, Wis­sen­schaft­ler, Beicht­vä­ter und geist­li­che Be­ra­ter bei Ho­fe präg­ten die Pa­tres fort­an das re­li­giö­se und kul­tu­rel­le Le­ben in der ka­tho­li­schen Mark­graf­schaft. Ne­ben dem Kol­leg in der Re­si­denz­stadt Ba­den-Ba­den hat­ten sie Nie­der­las­sun­gen in Ot­ters­wei­er und Ett­lin­gen. Da­mit war 1773 Schluss, als Papst Clemens XIV. den Je­sui­ten­Or­den auf­lös­te. Das Wir­ken der Ge­sell­schaft Je­su in un­se­rer Re­gi­on von 1570 bis 1773 ist mitt­ler­wei­le gut er­forscht und auf rund 1 500 Sei­ten nach­zu­le­sen: „Die Je­sui­ten in der Mark­graf­schaft Ba­den-Ba­den“heißt ein zwei­bän­di­ges Werk, das Hans Heid im Auf­trag der Stadt Ras­tatt her­aus­ge­ge­ben hat. Dass der ehe­ma­li­ge Lei­ter der His­to­ri­schen Bi­b­lio­thek Ras­tatt mit die­ser Auf­ga­be be­traut wur­de, kommt nicht von un­ge­fähr: In der Ras­tat­ter Samm­lung be­fin­den sich rund 1 100 Bän­de aus der frü­he­ren Je­sui­ten-Bi­b­lio­thek in Ba­den-Ba­den und wei­te­re 110 Bän­de der „schlau­en Jungs“von Ett­lin­gen. Die­se Bü­cher bil­de­ten ei­ne wich­ti­ge Qu­el­len­grund­la­ge für die Pu­bli­ka­ti­on, in der sach­kun­di­ge Au­to­ren nicht nur Ein­bli­cke in das We­sen des Je­sui­ten­or­dens und sei­ne Ver­gan­gen­heit er­mög­li­chen, son­dern auch ein span­nen­des Stück Re­gio­nal­ge­schich­te er­zäh­len. Im „kon­fes­sio­nel­len Zeit­al­ter“, als Re­li­gi­on al­les an­de­re als ei­ne Pri­vat­an­ge­le­gen­heit war, schie­nen die hoch­ge­bil­de­ten Je­sui­ten prä­des­ti­niert da­für, „das schäd­li­che Un­kraut des Irr­glau­bens und der Zau­be­rei aus­zu­rot­ten“. Die Je­sui­ten mis­sio­nier­ten mit be­währ­ten Mit­teln der Volks­fröm­mig­keit, die den spi­ri­tu- el­len Be­dürf­nis­sen der Men­schen ent­ge­gen­ka­men und sich spür­bar von der wort­be­ton­ten Glau­bens­pra­xis der Pro­tes­tan­ten ab­ho­ben. In den Je­sui­ten-Schu­len spiel­ten Kunst, Mu­sik, Li­te­ra­tur – und auch das Thea­ter – ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le. Wo die Über­zeu­gungs­kraft der Je­sui­ten nicht aus­reich­te, kam ob­rig­keit­li­cher Druck hin­zu: Wer sich nicht zum ka­tho­li­schen Glau­ben be­kann­te, wur­de des Lan­des ver­wie­sen. Auch die in­ten­si­ven He­xen­ver­fol­gun­gen der Jah­re 1626 bis 1631 in der ka­tho­li­schen Mark­graf­schaft sind in die­sem Zu­sam­men­hang zu se­hen, er­läu­tert die Ba­den-Ba­de­ner Stadt­ar­chi­va­rin Dagmar Rumpf in ei­nem Buch­bei­trag: „Auf­fäl­lig vie­le Be­schul­dig­te hat­ten sich frü­her als An­hän­ger des evan­ge­li­schen Glau­bens ex­po­niert“. Der Ver­dacht lie­ge na­he, dass Mark­graf Wil­helm die He­xen­pro­zes­se in­stru­men­ta­li­sier­te, um den Wi­der­stand der Pro­tes­tan­ten zu bre­chen. Die Je­sui­ten wa­ren in Ba­den-Ba­den zwar nicht als He­xen­rich­ter tä­tig, doch pro­fi­tier­ten sie von den Pro­zes­sen. Der Su­pe­ri­or der Je­sui­ten­re­si­denz, der die Pro­zess­pro­to­kol­le führte, nutz­te sei­ne Ver­trau­ens­stel­lung of­fen­bar aus, um die Na­men ei­ni­ger „Be­sag­ter“(al­so von Per­so­nen, die von ver­meint­li­chen He­xen un­ter der Fol­ter als Kom­pli­zen ge­nannt wor­den wa­ren) aus den Ak­ten zu strei­chen. Die­sen „Di­enst“ließ sich der Pa­ter von den um ihr Le­ben ban­gen­den Be­trof­fe­nen an­schei­nend gut be­zah­len. Das Ge­schick, mit de­nen die Je­sui­ten ih­re In­ter­es­sen durch­zu­set­zen wuss­ten, brach­te ih­nen vie­le Fein­de ein – nicht nur im pro­tes­tan­ti­schen La­ger. Für Welt­geist­li­che wa­ren die gut or­ga­ni­sier­ten Pa­tres ei­ne ge­fähr­li­che Kon­kur­renz im Wett­streit um Pfar­rei­en und Pf­rün­de. Der Bi­schof war ver­är­gert, weil die di­rekt dem Papst un­ter­stell­ten Je­sui­ten sich au­ßer­halb der kirch­li­chen Hier­ar­chie wähn­ten. Im Kir­chen­volk stie­ßen vie­le ih­rer Pri­vi­le­gi­en eben­falls übel auf. Selbst die from­me Mark­grä­fin Si­byl­la Au­gus­ta (1675 – 1733), die die Je­sui­ten als Seel­sor­ger an die neu er­bau­te Ras­tat­ter Hof­kir­che be­rief, zeig­te sich in spä­te­ren Jah­ren ver­schnupft, weil die Pa­tres trotz der wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Si­tua­ti­on im Land nicht von ih­ren Son­der­rech­ten las­sen woll­ten. So dürf­te kei­nes­wegs all­ge­mei­nes Ent­set­zen ge­herrscht ha­ben, als der Papst die Auf­lö­sung des Or­dens ver­füg­te. Mit dem päpst­li­chen Ver­bot im Jahr 1773 war die Ge­schich­te der Je­sui­ten in Ba­den frei­lich nicht am En­de, wenn­gleich der Or­den heu­te – wie an­de­re Ge­mein­schaf­ten auch – un­ter dem Rück­gang der Be­ru­fun­gen lei­det: 1814 wur­de die Ge­sell­schaft Je­su wie­der her­ge­stellt; in un­se­rer Re­gi­on ent­stan­den ei­ni­ge Volks­mis­sio­nen. Den nächs­ten schwe­ren Schlag ver­setz­te Ot­to von Bis­marck den Je­sui­ten: 1871 wies der „ei­ser­ne Kanz­ler“sie aus dem deut­schen Reich aus, al­le Häu­ser wur­den ge­schlos­sen. Erst ab 1917 durf­ten Je­sui­ten wie­der in Deutsch­land wir­ken. Seit­her gab es im Ba­di­schen er­neut ein­zel­ne Nie­der­las­sun­gen der Je­sui­ten – un­ter an­de­rem von 1922 bis 1999 in Karls­ru­he.

Der hei­li­ge Ne­po­muk ge­noss bei den Je­sui­ten höchs­te Ver­eh­rung. Die Auf­stel­lung die­ses auf ei­ner Ett­lin­ger Alb­brü­cke plat­zier­ten Stand­bil­des des Hei­li­gen dürf­te nach An­sicht der Ex­per­ten dem Ein­fluss der Pa­tres zu­zu­schrei­ben ge­we­sen sein. Foto: bo

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.