Ein „Nerd“na­mens Drais

Fans des Karls­ru­her Lauf­ma­schi­nen-Er­fin­ders wol­len wei­ter am Rad dre­hen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Ekart Kin­kel

Heu­te ist die Zäh­rin­ger­stra­ße 61 in Karls­ru­he als Au­ßen­stel­le der Stadt­ver­wal­tung und Sitz von Bau­äm­tern be­kannt. Frü­her stand an die­ser Stel­le ein Wohn­haus und dar­in leb­te und starb der Mo­bi­li­tät­spio­nier Karl Drais. Jetzt wur­de dort ei­ne Ge­denk­ta­fel zu Eh­ren des Lauf­ma­schi­nen-Er­fin­ders an­ge­bracht. Ge­spen­det wur­de die Ta­fel von Drais-Bio­graf Hans-Er­hard Les­sing, Mar­tin Hau­ge so­wie Holger Mar­tin. „Wir wol­len das The­ma wie­der mehr ins Be­wusst­sein der Öf­fent­lich­keit rü­cken und ha­ben da­zu ei­ni­ge his­to­ri­sche Fak­ten zu­sam­men­ge­tra­gen“, sagt Fahr­rad-Händ­ler Hau­ge. Die von Gra­fi­ker Andre­as Sei­ter ge­stal­te­te Ta­fel steckt vol­ler De­tails. Hin­ter dem Schrift­zug mit In­fo­text er­scheint ei­ne Ge­sichts­mas­ke von Drais, die Les­sing kürz­lich ent­deck­te und de­ren Ko­pie im Som­mer in Karls­ru­he aus­ge­stellt war. Un­ten sieht man ei­ne Ge­denk­ta­fel, die der Deut­sche Rad­fah­rer­bund um 1893 an­brin­gen ließ, so­wie ein Foto des da­ma­li­gen Wohn­hau­ses. Die Su­che nach dem rich­ti­gen Platz für das An­brin­gen der Ge­denk­ta­fel war ei­ne ech­te Fleiß­auf­ga­be. Denn die An­schrift von Karl Drais lau­te­te einst „Zäh­rin­ger­stra­ße 43“. Das Haus wur­de je­doch 1898 ab­ge­ris­sen. Erst durch den Ab­gleich von his­to­ri­schen und ak­tu­el­len Stadt­plä­nen konn­te Hau­ge den kor­rek­ten Stand­ort her­aus­fin­den. „In die­ser Zeit gab es ei­ne Pha­se der re­gel­rech­ten Drais-Ver­eh­rung“, sagt Hau­ge. Der Rad­fah­rer­bund ha­be 1891 ein durch Spen­den­gel­der fi­nan­zier­tes Gr­ab­mal auf dem Haupt­fried­hof er­rich­tet und we­nig spä­ter ein Drais-Denk­mal in Auf­trag ge­ge­ben. Am 24. Sep­tem­ber 1893 wur­de das vom Münch­ner Künst­ler Theo­dor Haf ge­stal­te­te Denk­mal auf dem Grün­strei­fen zwi­schen Ett­lin­ger Tor und Lamm­stra­ße vom da­ma­li­gen Ober­bür­ger­meis­ter Karl Sch­netz­ler ent­hüllt. In der Karls­ru­her Zei­tung konn­te man zwei gro­ße Be­rich­te über den Fest­akt le­sen. Sch­netz­ler ver­sprach dem­nach, das Denk­mal „stets treu zu hü­ten“. Der eh­ren­amt­li­che Stadt­ar­chi­var Tho­mas Ca­thi­au be­ton­te da­mals, „dass ei­ne al­te Schuld der Welt nun­mehr ge­sühnt sei.“ Er be­zog sich da­bei auf die letz­ten Le­bens­jah­re des be­ken­nen­den De­mo­kra­ten Drais, der nach der Nie­der­schla­gung der Ba­di­schen Re­vo­lu­ti­on ver­leum­det wur­de und schließ­lich mit­tel­los starb. „Lei­der be­hiel­ten Sch­netz­ler und Ca­thi­au nicht recht“, ver­weist Hau­ge auf die spä­te­ren Ent­wick­lun­gen. Das Drais-Denk­mal wur­de 1963 in die Bei­ert­hei­mer Al­lee ver­setzt; noch bis vor we­ni­gen Jah­ren kur­sier­ten Ge­schich­ten über das ver­meint­li­che Lot­ter­le­ben des Fahr­ra­der­fin­ders. Selbst der Text, der im Stadt­mu­se­um an Drais er­in­ner­te, war feh­ler­haft. Erst Hans-Er­hard Les­sing setz­te mit sei­ner 2003 er­schie­ne­nen Bio­gra­fie das Le­ben und Wir­ken von Karl Drais in den rich­ti­gen Kon­text. „Heu­te wür­de man ei­nen Tüft­ler wie Karl Drais wohl als Nerd be­zeich­nen“, meint Les­sing. Den Adels­ti­tel leg­te der Spross ei­ner Be­am­ten­fa­mi­lie aus po­li­ti­scher Über­zeu­gung frei­wil­lig ab. Die auf der Ge­denk­ta­fel ab­ge­bil­de­te Ori­gi­nal­pla­ket­te – auf ihr ist noch der ade­li­ge Na­me „Karl Fried­rich Frei­herr Drais von Sau­er­bronn“ge­nannt – wird seit dem Ab­riss des Drais’schen Ster­be­hau­ses im Ma­ga­zin des Karls­ru­her Stadt­mu­se­ums auf­be­wahrt. „Die Pla­ket­te hat mu­sea­len Wert und konn­te nicht mehr auf­ge­hängt wer­den“, be­tont Mu­se­ums­di­rek­tor Pe­ter Pretsch. Die Stadt sei an der neu­en Ge­denk­ta­fel nicht be­tei­ligt ge­we­sen, es han­de­le sich um ei­ne „rei­ne Pri­vat­in­itia­ti­ve“. Die­ses eh­ren­amt­li­che En­ga­ge­ment wur­de von Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Win­fried Her­mann in ei­ner Gruß­bot­schaft aus­drück­lich ge­lobt. Für Hau­ge und Les­sing ist das ein Ansporn zum Wei­ter­ma­chen. Mit Blick auf das 200-jäh­ri­ge Fahrad-Ju­bi­lä­um 2017 hat Hau­ge Kon­takt mit Stadt­mar­ke­ting-Ge­schäfts­füh­rer Mar­tin Wa­cker Kon­takt auf­ge­nom­men und Vor­schlä­ge für Drais-Ver­an­stal­tun­gen bei den Karls­ru­her Hei­mat­ta­gen un­ter­brei­tet. Mit dem Stadt­mu­se­um und dem Stadt­ar­chiv wür­de er eben­falls ger­ne Pro­jek­te an­sto­ßen. Auch 2016 soll kein „drais­frei­es Jahr“wer­den: Der­zeit kon­zi­pie­ren Les­sing und Hau­ge ei­nen ge­führ­ten Drais-Rund­gang durch die Ci­ty.

Karl Drais wur­de lan­ge ver­kannt. Auf Be­trei­ben von Eh­ren­amt­li­chen wur­de jetzt ei­ne Pla­ket­te an ei­nem Ge­bäu­de in der Karls­ru­her Zäh­rin­ger Stra­ße an­ge­bracht, die an den Mo­bi­li­tät­spio­nier er­in­nert. Fotos: Kin­kel/Archiv

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